Hamburg  Brauner Terror in der Bundesrepublik - eine Chronik der rechtsextremen Gewalt

Yannick Kitzinger
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Von Yannick Kitzinger
| 20.10.2022 16:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 waren die massivsten rassistisch sowie fremdenfeindlich motivierten Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Foto: dpa/Jan Bauer
Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 waren die massivsten rassistisch sowie fremdenfeindlich motivierten Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Foto: dpa/Jan Bauer
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Brandanschläge, Morde und Hetzjagden – immer wieder verüben Rechtsextremisten in Deutschland schlimme Gewalttaten. Eine Chronologie.

In diesem Artikel erfährst Du:

In Groß Strömkendorf bei Wismar in Mecklenburg-Vorpommern ist am Mittwochabend eine Unterkunft für ukrainische Geflüchtete in Flammen aufgegangen. In dem Haus befanden sich zum Zeitpunkt des Brandes 14 Geflüchtete, darunter vier Kinder und Jugendliche. Auch drei Betreuer waren in dem Haus. Verletzt wurde niemand.

Die Polizei geht eigenen Angaben zufolge von Brandstiftung aus. Die Ermittler vermuten einen politischen Hintergrund. Bereits am Montag waren Hakenkreuz-Schmierereien an dem Gebäude entdeckt worden.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, reiht sich die Brandstiftung in eine lange Liste braunen Terrors in der Bundesrepublik ein. Etwas mehr als 30 Jahre nach den größten rechten Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte in Rostock-Lichtenhagen werden immer wieder Menschen in Deutschland Opfer rechtsextremer Gewalt. Seit der Wiedervereinigung zählte der Verfassungsschutz mehr als 33.000 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten in Deutschland. Ein Überblick.

Seit 1990 werden rechtsextreme Gewalttaten in Deutschland erfasst. Vor allem die Anfangsjahre der 1990er Jahre sind gekennzeichnet von rechten Angriffen, wie diese Grafik zeigt:

Eberswalde in Brandenburg: 6. Dezember 1990: Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen sind nicht der erste rechtsextremistische Vorfall nach der deutschen Einheit. Ende 1990 tötet ein ausländerfeindlicher Mob den Angolaner Amadeu Antonio: Am 24. November zieht eine Gruppe Rechtsextremer in der Stadt umher, um „N**** zu klatschen“, wie ein Angeklagter später vor Gericht aussagt.

15 von ihnen verfolgen in der Nacht auch Amadeu Antonio. Bewaffnet mit Zaunlatten und Baseballschlägern prügeln sie auf ihn ein. Einer der Verfolger springt mit beiden Füßen auf Antonios Kopf, als dieser bereits am Boden liegt.

Nach elf Tagen im Koma stirbt Antonio am 6. Dezember. Von den jugendlichen Tätern werden später fünf wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu maximal vierjährigen Haftstrafen verurteilt, einige zu Bewährungsstrafen. Die Urteile stoßen in der politischen Öffentlichkeit auf Kritik.

Hoyerswerda in Sachsen, 17. bis 23. September 1991:  In Hoyerswerda kommt es im September 1991 zu schweren rassistischen Ausschreitungen, an denen sich Hunderte Menschen beteiligen. Dabei wird unter anderem ein Wohnheim für Vertragsarbeiter sowie eine Asylunterkunft angegriffen. Die Rechtsextremen werfen auch mit Molotowcocktails und verletzten 32 Menschen.

Zahlreiche Bewohner der Stadt stehen tatenlos daneben und applaudieren den Angreifern sogar. Auch die Polizei ist nicht gewillt, die Gewalttäter zu stoppen. Zwar gab es 82 vorläufige Festnahmen, doch wurden nur vier Personen verurteilt. Am Wochenende nach den Ausschreitungen kam es im ganzen Bundesgebiet zu 78 rassistischen Überfällen.

Hünxe in Nordrhein-Westfalen, 3. Oktober 1991: Auch im Nordwesten des Ruhrgebiets brennt eine Woche nach den schlimmen Ereignissen von Hoyerswerder ein Asylbewerberheim. Drei Jugendliche werfen nach einer Party Brandsätze in die Wohnung einer libanesischen Familie und verletzten dabei die achtjährige Tochter schwer.

Die Gewalttäter werden in der Folge zu Freiheitsstrafen verurteilt. Einer von ihnen nimmt sich nach der Tat das Leben.

Rostock-Lichtenhagen in Mecklenburg-Vorpommern, 22. bis 26. August 1992: Dramatische Ereignisse machen das Viertel im Nordwesten Rostocks 1992 weltweit bekannt. Alles beginnt am 22. August, einem Samstag. Gegen 20 Uhr versammeln sich Hunderte Menschen vor einem Plattenbau mit Sonnenblumenmosaik, in dem die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber untergebracht ist. Steine werden geworfen, später auch Brandsätze, rassistische Parolen gebrüllt. Das Ziel sind Menschen aus Osteuropa, die in der Hoffnung auf ein Asylverfahren vor dem Gebäude campieren. Und Vertragsarbeiter aus Vietnam, die im Wohnblock ein Zuhause haben. Schaulustige feuern die Gewalttäter an. Die Polizei scheint machtlos. Vier Tage lang.

Bis heute steht „Rostock-Lichtenhagen“ für eine der schlimmsten rechtsextremistischen Attacken nach der deutschen Einheit.

Mölln in Schleswig-Holstein, 23. November 1992: Bei einem Mordanschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser kommen drei Menschen ums Leben. Neun weitere Menschen werden verletzt.

Zwei Neonazis werfen kurz nach Mitternacht Molotowcocktails in das Obergeschoss eines der Fachwerkhäuser. Alle Bewohner können sich retten. Einer der Täter ruft unmittelbar nach der Tat anonym bei der Polizei an und erklärt: „In der Ratzeburger Straße brennt ein Haus! Heil Hitler!“.

Kurz danach werfen sie einen weiteren Molotowcocktail in ein nahegelegenes Haus, das ebenfalls von einer türkisch-stämmigen Familie bewohnt wird. Dieses Mal bricht das Feuer jedoch im Eingangsbereich aus. Das hölzerne Treppenhaus gerät in Brand, sodass es kaum noch eine Fluchtmöglichkeit gibt. Die Großmutter Bahide Arslan (51) sowie die zwei Mädchen Yeliz Arslan (10) und Ayse Yilmaz (14) kommen ums Leben. Weitere Familienmitglieder werden beim Sprung aus den Fenstern schwer verletzt.

Die Täter werden wenig später festgenommen. Im Polizeiverhör gestehen die als Neonazis bekannten Männer zunächst die Tat, widerriefen ihre Geständnisse später aber im Prozess. Beide werden wegen dreifachen Mordes in Tateinheit mit versuchtem Mord an sieben Menschen zu langen Haftstrafen verurteilt. Mittlerweile sind die Brandstifter wieder auf freiem Fuß.

Solingen in Nordrhein-Westfalen, 29. Mai 1993: Genç Gürsün Ince (27), Hatice Genç (18), Gülüstan Öztürk (12), Hülya Genç (9) und Saime Genç (4), fünf Frauen und Mädchen mit türkischer Migrationsgeschichte, werden bei einem rassistischen Brandanschlag getötet. 14 weitere Familienmitglieder erlitten zum Teil lebensgefährliche Verletzungen.

Die vier männlichen, jugendlichen Täter werden im Oktober 1995 wegen fünffachen Mordes, 14-fachen Mordversuchs und besonders schwerer Brandstiftung zu Jugend- und Haftstrafen zwischen zehn und 15 Jahren verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es, dass die Morde aus niederen, rassistischen Beweggründen begangen worden seien.

Guben in Brandenburg, 13. Februar 1999: Der Algerier Farid Guendoul stirbt in Folge eines Angriffs ausländerfeindlicher Jugendlicher. Auf der Flucht vor Rechtsextremen will sich der 28-jährige Asylbewerber in einen Hauseingang retten, tritt eine Glastür ein, verletzt sich dabei an der Beinarterie und verblutet innerhalb weniger Minuten im Hausflur.

Der rassistische Angriff geht als „Hetzjagd von Guben“ in die neudeutsche Geschichte ein. Im Prozess werden acht der elf Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Laut einer Umfrage zu den größten Gefahren für die Demokratie in Deutschland 2022 sehen 20 Prozent der Befragten den steigenden Rechtsextremismus/Rechtspopulismus im Land als größte Gefahr an:

Deutschlandweiter NSU-Terror, 9. September 2000 bis 25. April 2007: Die rechtsextreme Terrorgruppe NSU („Nationalsozialistischer Untergrund“) ermordet zehn Menschen, verübt Sprengstoffanschläge und begeht Raubüberfälle.

Die Mordserie der beiden Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos beginnt im September 2000 in Nürnberg. Erst elf Jahre später, im November 2011, werden sie nach einem Sparkassen-Überfall in Eisenach (Thüringen) enttarnt. Böhnhardt und Mundlos verstecken sich daraufhin in einem Wohnmobil. Den Ermittlern zufolge erschießen sie sich, als die Polizei sie entdeckt. Beate Zschäpe, drittes Mitglied der Terrorgruppe, zündet die gemeinsame Wohnung in Zwickau (Sachsen) an. Kurz darauf stellt sie sich in Jena und wird später zu einer lebenslangen Haft verurteilt.

Freital in Sachsen, Juli bis November 2015: Die rechtsterroristische „Gruppe Freitag“ sorgt 2015 in der Kleinstadt bei Dresden für Angst und Schrecken. Sie verüben Anschläge auf Ausländer und politisch Andersdenkende, um diese einzuschüchtern und die Aufnahme von Flüchtlingen zu verhindern.

Im März 2018 werden acht Mitglieder in unterschiedlicher Tatbeteiligung unter anderem wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung, versuchten Mordes und Sprengstoffexplosionen zu langen Haftstrafen verurteilt.

Köln in Nordrhein-Westfalen, 17. Oktober 2015: Es ist ein Tag vor ihrer Wahl zur Kölner Oberbürgermeisterin, als der Rechtsextremist Frank S. Henriette Reker mit einem Messer schwer verletzt. Eine weitere Frau erleidet ebenfalls schwere Verletzungen, drei weitere Personen werden leicht verletzt. Reker liegt danach mehrere Tage im künstlichen Koma.

Die Staatsanwaltschaft geht bei der Tat von einem „eindeutig fremdenfeindlichen Hintergrund“ aus. Der Attentäter wird später wegen versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren verurteilt.

In Nordrhein-Westfalen, Deutschlands einwohnerstärksten Bundesland, kam es in den vergangenen zehn Jahren zu den meisten rechtsextremistischen Gewalttaten, wie diese Grafik zeigt:

Mord an Walter Lübcke, Wolfhagen-Istha in Hessen, 2. Juni 2019: Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wird auf der Veranda vor seinem Wohnhaus mit einem Kopfschuss aus geringer Entfernung ermordet. Auch dieser Fall taucht in der Statistik rechter Gewalt auf.

Der hessische Rechtsextremist Stephan Ernst wird am 15. Juni 2019 als dringend tatverdächtig festgenommen und durch DNA-Spuren am Hemd des Opfers und an der Tatwaffe überführt. Im Strafprozess gesteht er die Tat. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main verurteilt Ernst zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellt fest: Aus seiner „von Rassismus getragenen, völkisch-nationalen Grundhaltung“ heraus habe er seinen Ausländerhass zunehmend auf Lübcke projiziert. Lübcke wurde 2015 durch sein Engagement für Geflüchtete und seinen Widerspruch gegen Pegida-Anhänger deutschlandweit bekannt.

Halle in Sachsen-Anhalt, 9. Oktober 2019: Ein schwer bewaffneter Attentäter versucht, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in die Synagoge in Halle einzudringen. Als ihm das nicht gelingt, erschießt er davor eine 40 Jahre alte Passantin und in einem nahen Döner-Imbiss einen 20 Jahre alten Gast. Auf seiner Flucht verletzt der Attentäter zahlreiche weitere Menschen, ehe er von der Polizei gefasst wird. Der heute 30 Jahre alte Deutsche räumt die Taten ein. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilt ihn 2020 zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

19. Februar 2020, Hanau in Hessen: Ein 43-jähriger Deutscher ermordet bei aufeinanderfolgenden Angriffen auf zwei Shisha-Bars neun Menschen – Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu und Vili Viorel Păun.

Danach tötet er seine Mutter und nimmt sich selbst das Leben. In einem Bekennerschreiben äußert der Täter seine rassistischen Motive.

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