Hamburg Kann Deutschland das Kinderkriegen noch unattraktiver machen?
Nach der Elternzeit zurück in die Vollzeit? Das ist für mindestens ein Elternteil angesichts hunderttausend fehlender Kitaplätze in Deutschland meist utopisch. Dieses Defizit schadet der Gleichberechtigung, der deutschen Wirtschaft, den Kindern – warum tut niemand was?
In diesem Artikel erfährst Du:
Es ist die eine Sache, auf Samstagabende mit Longdrinks, Tequilas und Döner um vier Uhr morgens zu verzichten. Oder spontane Wochenendtrips nach Wien, Berlin oder Brüssel. Oder viermal die Woche zum Yoga zu gehen. Obgleich all jene Dinge mir aktuell wahnsinnig viel Freude bereiten, kann ich mir vorstellen, dass es in meinem Leben irgendwann mal eine Zeit geben wird, in der mir all das nichts mehr bedeutet, wenn ich das Lächeln eines Neugeborenen sehe – meines Neugeborenen. Doch während persönliche Freiheit das eine ist, sind Stillstand bzw. Rückschritte in der Karriere, die Zementierung einer patriarchalen Gesellschaftsordnung und Altersarmut das andere.
Im kommenden Jahr werden in Deutschland 384.000 Kita-Plätze fehlen. Das geht aus aktuellen Zahlen der Bertelsmann-Stiftung hervor. 100.000 zusätzliche Fachkräfte bräuchte das Land, um den gesetzlich verankerten Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz umzusetzen. Wer sich die gesamtgesellschaftlichen Folgen bewusst macht, weiß nicht, ob er angesichts dieser Missstände lieber kotzen oder heulen soll.
Denn was passiert, wenn man keinen Kitaplatz bekäme? Spielen wir den konkreten Fall einmal durch: Ohne Kitaplatz kann ein Elternteil nicht arbeiten (dass Homeoffice und Heimbetreuung parallel keine Lösung ist, werden alle Pandemie-Eltern schreiend bejahen). Alleinerziehenden bleibt nur die Arbeitslosigkeit, wenn sie nicht das Glück haben, dass die eigenen Eltern rüstige Rentner sind, die gegenüber wohnen.
Paare haben den Vorteil, dass wenigstens einer Geld nach Hause bringen kann. In den allermeisten Fällen wird das aus patriarchaler Tradition der Mann sein, während die finanziell von ihm abhängige Frau zu Hause sitzt. Andersherum wäre es auch nicht besser, nur das Risiko einer Altersarmut der Mutter geringer. Selbst progressive Paare, die sich Lohn- und Care-Arbeit jeweils in Teilzeit gerecht aufteilen, sind nicht die Lösung: ein Teil der Gehälter fehlt der Familienkasse, eine Fachkraft dem Arbeitsmarkt, Steuern dem Staat. Und das trotz des gesetzlichen Anspruchs auf einen Kitaplatz. Es tut mir leid, aber das kann doch wirklich nicht Dein Ernst sein, Schland!
Denn um nichts Geringeres geht es, wenn man sich – sollte man so tolldreist sein –für mehrere Kinder entscheidet und vielleicht fünf, sechs, sieben Jahre mit einem Kleinkind zu Hause bleiben muss, weil Kitaplätze fehlen.
Wer es sich leisten kann, entflieht diesem Schicksal mit einer Nanny oder einem Au-Pair. Für die Kinder von finanziell Bessergestellten gibt es dann eine 1:1-Betreuung, individuelle Förderung und einen Löffel voller Zucker – zumindest wenn die Nanny zu oft Mary Poppins gesehen hat. Wer das nicht ermöglichen kann oder will, dem bleibt bestenfalls ein Platz in einer Kita mit einem Betreuungsschlüssel, mit dem weder Eltern noch Betreuer zufrieden sind und in der die Verwahrung personalmangelbedingt über der Förderung steht. Wer das Glück hat, in einer Firma zu arbeiten, die auf das Know-how von Eltern nicht verzichten will, kann sein Kind womöglich sogar in der konzerneigenen Kita unterbringen. Das ist nicht nur komfortabel für die Eltern, sondern kann sogar Kündigungen verhindern, um ja den Betreuungsplatz nicht zu verlieren.
Solche Angebote mögen der provisorische Ausweg bessergestellter Eltern mit den notwendigen Einkommen sein, denen es herzlich gegönnt sei. Doch sollten wir uns in Deutschland tunlichst nicht an amerikanische Verhältnisse annähern, in denen eine (gute) Kinderbetreuung eine Frage des Geldbeutels ist.
Jeder Elternteil, der aufgrund mangelnder Kitaplätze zu Hause bleiben muss, ist eine Schande für Deutschland. Wer den Kampf um den Kitaplatz schon einmal verloren hat, wird sich wohl zweimal überlegen, ob es wirklich noch ein Geschwisterchen sein soll. Und wer kein Kind hat und nur die Schreckensszenarien von Freunden und Kollegen kennt, wird zu Recht Vorbehalte haben. Selbst Menschen, die Kinder haben möchten, wird es schwer gemacht, sich guten Gewissens auf das Abenteuer Familie einzulassen. Denn auf Cocktails und Kurzurlaube werden viele bereit sein zu verzichten, um die nachfolgende Generation zu erziehen. Aber auch auf finanzielle Unabhängigkeit?