Hamburg  Gasversorgung in Hamburg: Auch früher gab es immer wieder Engpässe

Volker Stahl
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Von Volker Stahl
| 20.10.2022 09:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Eine Gaslaterne an den historischen Bürgerhäusern am Nikolaifleet in Hamburg (2004). Foto: imago images/leuzinger
Eine Gaslaterne an den historischen Bürgerhäusern am Nikolaifleet in Hamburg (2004). Foto: imago images/leuzinger
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Historisch gesehen hat sich Gas in Deutschland vom Luxusleuchtmittel zur wichtigen Heizressource für jedermann entwickelt. In Hamburg stand der Rohstoff aber nie unter einem guten Stern: Großbrand, Sturmflut, Streik und Krieg bedrohten die Versorgungssicherheit.

Dass die Versorgung mit Gas einmal überlebenswichtig werden würde, hätte sich vor rund 180 Jahren niemand träumen lassen. Denn in Hamburg fing die Geschichte in einem Tanzlokal an. Bereits im 17. Jahrhundert war der „Kohlegeist“ entdeckt worden, der entstand, indem Steinkohle unter Luftabschluss erhitzt wurde. In England wurde Gas seit den 1790er-Jahren zur Beleuchtung eingesetzt; an der Elbe sprach man daher vom „engelschen Steenkohlenlücht“.

Gastwirt Peter Ahrens füllte das Gas in Stahlflaschen, die er an Wohlhabende verkaufte, die ihre Wohnräume damit beleuchteten. Durch die Entgasung verwandelte sich die Kohle in Koks, der als Brennstoff weniger Rauch, Ruß und Schwefel entwickelte. Vor allem aber illuminierte Ahrens sein Etablissement in der Neustadt seit 1823 mit Leuchtgas und machte es damit zu einer Attraktion.

Aus dem „Heini mit dem Gas“, wie Ahrens von denen genannt wurde, die seinen Namen nicht kannten, wurde später die volkstümliche Bezeichnung für die Hamburger Gaswerke „Hein Gas“.

Ahrens war seiner Zeit voraus – wenigstens in Hamburg. Obwohl das Gaslicht gegenüber Kerzen und der Beleuchtung durch mit Waltran und Öl befüllte Lampen den Vorzug hatte, nicht zu flackern oder zu rußen, blieb es auf die Verwendung in Gaststätten und Hotels beschränkt und ein Luxus für Begüterte.

Hingegen war in London bereits 1807 die Straße Pall Mall mit Gaslaternen ausgestattet worden, und 1812 eröffnete das erste kommerzielle Gaswerk. Die erste deutsche Gasanstalt hatte 1825 in Hannover den Betrieb aufgenommen. Berlin, Dresden, Frankfurt am Main, Aachen und Leipzig folgten und versahen die Straßen mit Gaslaternen.

In Hamburg hatte der Kaufmann und Herausgeber des Politischen Journals Johann Georg Heise (1779-1860) in seinem Haus Kerzen und Ölfunzeln durch Leuchtgas ersetzt. Am 14. April 1817 schickte er dem Senat „nachstehende Proposition in betreff der uns vom Auslande her bekannten Gaß-Erleuchtung für unsere Stadt hiermit zu eröffnen“.

Doch der Senat zauderte. Heise gab nicht auf. 1840 stellte er dem Senat wieder einmal „die Vorteile und Annehmlichkeiten der öffentlichen und privativen Gasbeleuchtung“ vor. Für den „augenfällig am vorteilhaftesten“ Standort einer Gasanstalt hielt er „vor dem Sandtor auf dem Grasbrook“. Es ist nicht bekannt, wie der Visionär reagierte, als der Senat schließlich tat, wofür Heise mehr als zwei Jahrzehnte lang eingetreten war.

Der Senat kam erst in die Gänge, als nach dem „Großen Brand“ vom Mai 1842 außer zerstörten Gebäuden auch die Infrastruktur neu errichtet werden musste. Am 20. Februar 1843 wurde die „Gas-Straßenerleuchtung mittels Röhrengas“ beschlossen und zu deren Umsetzung 1844 der Verein „Gas-Compagnie“ gegründet. Noch im selben Jahr begann der Bau der Destillationsanlagen – genau dort, wo Heise vorgeschlagen hatte: auf dem Grasbrook. Am 4. Oktober 1845 brannten die ersten Gaslaternen in den Straßen.

30 Tage später erloschen sie wieder, denn eine Sturmflut hatte die Kokerei zerstört. Ihren Wiederaufbau leitete William Lindley (1808-1900). Der Ingenieur aus London war bereits damit befasst, die Wasserversorgung auf den neuesten Stand zu bringen. Ab September 1846 erstrahlten wieder 2020 Laternen in den Straßen.

Allmählich erhellte das Gaslicht auch öffentliche Gebäude und immer mehr Haushalte von Bessergestellten. Mitte der 1850er-Jahre erhielten die damaligen Nachbarstädte Altona, Harburg und Wandsbek eine Gasversorgung. Bis 1864 erreichte der Fortschritt die Vororte Rothenburgsort, Horn, Barmbek, Winterhude und Eimsbüttel.

Das Leuchtgas wurde nun Stadtgas genannt. Der Koks wurde vor allem in der Industrie als Brennstoff eingesetzt. Auf dem Grasbrook stand als Wahrzeichen des Hafens der „Gasturm“, ein 73 Meter hoher Schornstein, durch den die bei der Destillation entstehenden giftigen Dämpfe entwichen.

1855 hatte Robert Bunsen in Heidelberg den nach ihm benannten Brenner erfunden, der bis heute zur Einrichtung von Labors gehört, aber auch die Möglichkeit eröffnete, mit Gas zu heizen. Die Kirche St. Katharinen war 1856 das erste öffentliche Gebäude in Hamburg, in dem ein Gasofen installiert wurde. Bis mit Gas in Privatwohnungen geheizt und gekocht wurde, dauerte es noch ein halbes Jahrhundert.

Nach 30 Jahren lief der Vertrag mit der „Gas-Compagnie“ ab, und der Senat setzte den früheren Direktor der Berliner Gaswerke Carl Haase als neuen Pächter der Anlagen ein. Bis zum Ende der 1880er-Jahre war das Gasnetz 327 Kilometer lang und erschloss fast das gesamte damalige Stadtgebiet.

Unter der Regie von Haase erlebten die Gaswerke einen Aufschwung. Aber der ging zu Lasten der Beschäftigten. „Ich kann nur bestätigen, dass der Gaspächter von seinen Angestellten bei nur knapp bemessenen Gehältern außerordentlich viel verlangt“, notierte der Finanz-Deputierte des Senats.

Obwohl die Schichten 12 Stunden dauerten, reichte das Einkommen kaum zum Lebensunterhalt. Und die Arbeitsbedingungen in der Kokerei waren buchstäblich höllisch. 1890 wurde das so genannte „Sozialistengesetz“ abgeschafft, mit dem Versuche der Arbeiterschaft, sich zu organisieren, verfolgt und bestraft worden war. Unter den neu gebildeten Gewerkschaften waren der „Verein Hamburger Gasarbeiter“ und der „Verein der Laternenanzünder“.

Für den 1. Mai 1890 wurden Demonstrationen angekündigt. Ein Versammlungsverbot wurde verhängt, die Polizei und ein Infanterieregiment standen in Alarmbereitschaft. Etwa ein Drittel der Arbeiter streikte. Zeitweise fiel die Straßenbeleuchtung aus. Nach 20 Tagen, in denen die Arbeitgeber keinerlei Zugeständnisse gemacht hatten, wurde der Ausstand beendet.

Haases Pachtvertrag lief ab, und die Gaswerke kamen 1891 in staatliche Verwaltung. Es dauerte jedoch noch mehr als ein Jahrzehnt, bis sich die Arbeitsbedingungen verbesserten: bis die Schichten auf acht Stunden verkürzt, der Akkordlohn erhöht und Nachtschichten besser entlohnt wurden.

Das Gasnetz war inzwischen auf rund 600 Kilometer gewachsen. Bereits zwischen 1892 und 1895 entstand an der heutigen Gasstraße in Bahrenfeld ein Gaswerk, von dem ein Dutzend Gebäude erhalten sind und unter Denkmalschutz stehen. Das Areal ist neben der Speicherstadt eines der größten denkmalgeschützten Ensembles in Europa.

Seit 1878 stand auf dem Grasbrook der größte Gasbehälter Europas. Dort wurde ein Riesengasometer errichtet, der vier Mal so viel speichern konnte. Beim Befüllen kam es am 7. Dezember 1909 zu einem Unglück, als Eisenträger brachen, der Behälter umkippte und sowohl er selbst wie ein daneben stehender explodierten. Mindestens 20, nach anderen Angaben 27 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. 16 Tote wurden auf dem Friedhof Ohlsdorf in einer Gedenkstätte beerdigt. Der 1911 wiederhergestellte 71 Meter hohe Gasturm war ein Blickfang im Hafen. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zerstört, 1950/51 neu gebaut und 1984 endgültig abgerissen.

Wie heute stockte die Gasversorgung schon einmal, im Ersten Weltkrieg. Seit Juni 1914 kam keine Kohle mehr aus Großbritannien. Die öffentliche Beleuchtung wurde reduziert, der Senat rief zur Sparsamkeit auf. Geschäfte und Gastwirtschaften schlossen früher. Ein Teil der Versorgung wurde durch eine Energieform aufrechterhalten, auf die man am 4. November 1910 zufällig bei Bohrungen nach Trinkwasser gestoßen war: Erdgas. Es entzündete sich und lockte als „Flammenkreuz von Neuengamme“ über Wochen Schaulustige an. Es war die erste in Deutschland entdeckte und erschlossene Erdgasquelle.

In den 1920er-Jahren wurden die Gaswerke zu einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung und hießen fortan HGW. In der Presse etablierte sich „Hein Gas“ als Name für das Unternehmen. Der Umbau der Gesellschaft unter dem Regime der Nationalsozialisten betraf auch die HGW. Der Geschäftsführer, ein früherer SPD-Abgeordneter in der Bürgerschaft, wurde im April 1933 entlassen und kam in Haft. Sein Nachfolger wurde ein „verdienter Parteigenosse“, der den Betriebsrat abschaffte, Mitarbeiter aus politischen Gründen entließ und durch ein System von Begünstigungen und Denunziationen für „Gefolgschaft“ sorgte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die wöchentliche Schichtarbeitszeit von 48 auf 52 Stunden erhöht. Zwangsarbeiter kamen zum Einsatz. Anlagen wurden durch Bomben zerstört, die Gasversorgung erfolgte nurmehr im Notbetrieb. Nach Kriegsende fiel sie ein halbes Jahr lang komplett aus. Der Wiederaufbau dauerte bis 1949.

1960 war Oldenburg als erste deutsche Großstadt vom Stadtgas auf Erdgas umgestiegen. In Hamburg war es soweit, als die HGW am 30. Oktober 1964 einen Liefervertrag unterzeichneten über das Erdgas, das im selben Jahr im Gebiet der Mündungen von Dollart und Ems entdeckt worden war. 

Die Umstellung hatte weitreichende Folgen für die Belegschaft: Produktionsstätten und damit Arbeitsplätze fielen weg. „Mit Erdgas in die Zukunft“ verkündete die Festschrift zum 125. Jubiläum der Gaswerke 1969.

Mit der Schließung der letzten Großkokerei auf dem Grasbrook war 1976 der Wechsel von Stadt- auf Erdgas beendet. Mit der Erfindung der elektrischen Glühbirne 1880 war Gas als Lichtquelle bereits unter Konkurrenzdruck geraten. Allein in den Straßenlaternen glühte es weiter – bis es 1981 auch dort erlosch. Die noch zahlreich erhaltenen Gaslaternen werden inzwischen vorwiegend mit LED-Technik betrieben.

Seit den 1990er-Jahren wurden kommunale Betriebe zusammengelegt oder privatisiert. Die Mehrheit der Anteile von Hein Gas gingen an das städtische Elektrizitätswerk HEW; dieses verkaufte Anteile an den Konzern e.on. Konnte der Markt aber die Versorgungssicherheit gewährleisten? Bei einem Volksentscheid stimmten 50,9 Prozent der Bürger am 22. September 2013 für einen Rückkauf der Energienetze durch die Stadt.

Heute ist das Gasnetz 7.900 Kilometer lang und bedient an die 160.000 Hausanschlüsse. Es wird mehr Energie in Gasform verbraucht als durch Strom und Fernwärme zusammen. Die Versorgung wird inzwischen auf ganz andere Art bedroht, und die Geschichte des Gases scheint sich dem Ende zuzuneigen.