Berlin Fatih Akin wirft Wolfgang Kubicki Rassismus vor
Der Regisseur Fatih Akin wirft dem FDP-Politiker Wolfgang Kubicki Rassismus vor. Hintergrund ist Kubickis Schmähung des türkischen Präsidenten Erdogan als „Kanalratte“.
Regisseur Fatih Akin (49) nennt Wolfang Kubickis Erdogan-Beleidigung als „Kanalratte“ rassistisch: „Ich muss Erdogan nicht gut finden. Aber einen türkischen, vom Volk gewählten Politiker als Kanalratte beschimpfen – das ist rassistisch“, sagte er unserer Redaktion. „Mir sind Nazis lieber, die ich auf der Straße erkenne und denen ich aus dem Weg gehen kann. Rassisten, deren Motive ich nicht gleich erkenne, die finde ich eigentlich gefährlicher“, sagte Akin.
Hintergrund: Die aktuelle Entwicklung nach Kubickis „Kanalratte“-Zitat
Seine Unterscheidung von offenen und verborgenen Ressentiments stellt Akin unter einen Vorbehalt: „Was ich jetzt sage, das sage ich als jemand, der nie einen Angehörigen durch einen rassistischen Anschlag verloren hat: Ich finde den Alltagsrassismus, den versteckten Rassismus eigentlich schlimmer. Wenn Leute fragen: Ein Film über Kanak-Rapper – muss das sein? Bei einem Film über deutsche Gangsta-Rapper hätten sie das nicht gesagt. Oder wenn Wolfgang Kubicki sagt: ‚Erdogan ist eine Kanalratte.‘“
Akin selbst unterscheidet Deutschtürken und Herkunftsdeutsche als „Kanaks“ und „Almans“. Dazu sagte er: „Ich sehe mich auch als Deutschen. Aber es gibt eben Bio-Deutsche oder Weiße oder Almans auf der einen Seite und auf der anderen Kanaks.“ Dass er den ursprünglich beleidigenden Ausdruck selbst verwendet, erklärte er so: „Kanak kann ich selbst sagen; mit dem Wort bin ich aufgewachsen. Da stand ‚Kanaken raus‘ an der Hauswand. Wenn du das mit acht oder zehn Jahren liest, kriegst du Angst. Wenn ich es heute sage, hat es auch damit zu tun, dass ich Herr über die Angst geworden bin.“
Neu im Kino: Der Trailer zu Fatih Akins Rap-Drama „Rheingold“
Ausgrenzungserfahrungen waren auch der Grund, warum Akin zum Film gegangen ist: „Ich glaube, Rassismus ist einer der Gründe, weswegen ich Filmemacher geworden bin. Diese Ungerechtigkeit und diese Angst, die man als Kind empfunden hat. Das ist, als wirst du gemobbt.“ Auch seine Zeit in der Gang-Szene begründet Akin mit dem Rassismus seiner Umgebung: „Ich war in einer Jugendgang, weil ich mich stark fühlen wollte. 1985 hatten Skinheads in Hamburg jemanden totgeprügelt: Ramazan Avcı. Das war sehr erschütternd für uns“, sagte er. „Hätte es Mölln und Solingen und Ramazan Avcı nicht gegeben, dann wäre ich nicht in der Gang gelandet. Die Gang war Schutz, Anschluss und Sicherheit vor dem Rassismus, zumindest vor dem offenen.“
Zur Sprachsensibilität und dem Umgang mit ausgrenzenden Begriffen sagte Akin: „Was Sie sagen dürfen, müssen Sie rausfinden. Es ist kompliziert geworden; und natürlich gibt es in der Debatte auch Hysterie und Dogmen und Übertreibungen. Ich glaube, dass es unterschiedliche Räume gibt. In bestimmten Räumen kann ich für Sinti und Roma das Z-Wort sagen; aber auch nur hier, wo jedem klar ist, dass ich keinen verletze. In der Öffentlichkeit könnte ich das nie sagen. Und das ist auch okay so.“