Tourismus an der Nordsee  Kampf um Urlaubsgäste – Nordseeküste soll besser werden

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 24.10.2022 10:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Strandleben in Neuharlingersiel. Foto: Oltmans
Strandleben in Neuharlingersiel. Foto: Oltmans
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Der Tourismus in anderen Küstenregionen Deutschlands wächst stärker als in Niedersachsen. Das soll sich bald ändern: Eine neue Organisation soll die Region bekannter machen und neue Gäste herlocken.

Küste - Der Tourismus an der niedersächsischen Nordseeküste wird möglicherweise in den nächsten Jahren einen echten Schub bekommen. Die neu gegründete Tourismusagentur Nordsee – kurz: Tano – will bald loslegen: „Die übergreifende Bewerbung der ganzen Nordseeküste wird noch in diesem Jahr losgehen“, erklärt Interims-Geschäftsführer Göran Sell auf Nachfrage. Man könnte auch sagen: Die Werbekampagnen für die ganze Region laufen bald an. Nur dass Göran Sell das Wort Kampagnen nicht so mag.

Was und warum

Darum geht es: Die neue Marketingagentur Tano nimmt bald ihre Arbeit auf.

Vor allem interessant für: Touristiker und Menschen, die vom Tourismus leben.

Deshalb berichten wir: Die Tano war jüngst Thema im Kreistag, wir haben daraufhin mal geguckt, wie weit die neue Organisation schon ist.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

Was sich erstmal nach einem simplen Marketing-Vorhaben anhört, ist eigentlich ein geradezu revolutionäres Vorhaben. Der Tourismus an der niedersächsischen Nordseeküste ist bisher eine äußerste kleinteilige Angelegenheit, praktisch jedes Küstenörtchen hat seine eigene Tourismusorganisation und wirbt nur für sich. Außerdem gibt es noch fünf Dachorganisationen, die Teilregionen vertreten: Die ostfriesischen Inseln, zum Beispiel, oder Ostfriesland. Die Tano aber soll die gesamte niedersächsische Nordseeküste, von der Grenze zu den Niederlanden bis zur Grenze nach Schleswig-Holstein vertreten und bewerben. Erstmals in der Geschichte des Tourismus an der Nordseeküste soll die ganze Region unter einen Hut und so auch an den Urlauber gebracht werden.

Die aktuellen Dachorganisationen für den Tourismus an der niedersächsischen Nordseeküste. Grafik: zgo
Die aktuellen Dachorganisationen für den Tourismus an der niedersächsischen Nordseeküste. Grafik: zgo

Die Tano

Die Tourismusagentur Nordsee wurde im Januar 2022 gegründet. Sie gehört den Kommunen entlang der Küste und im anschließenden Hinterland. Es sind die Landkreise Leer, Aurich, Wittmund, Friesland, Wesermarsch, Cuxhaven und Ammerland. Dazu kommen die Städte Wilhelmshaven und Bremerhaven. Die Stadt Emden ist nicht dabei. Interims-Geschäftsführer ist Göran Sell, der eigentlich für den Tourismus auf der Insel Borkum zuständig ist. Seit der Gründung wurde die neue Organisation vor allem aufgebaut: Gesellschafterversammlung und Aufsichtsrat haben sich konstituiert, es gibt einen Marketingausschuss, auch der Beirat wird sich demnächst konstituieren.

Vor allem aber ist ein Geschäftsführer gefunden worden, der Sell ab dem 1. November ablöst: Mario Schiefelbein, 56 Jahre alt, ein Mann mit einem interessanten Lebenslauf. Wie der Landkreis Wittmund mitteilt, leitete Schiefelbein den Tourismus in so unterschiedlichen Regionen wie Bochum, Gotha, Hameln und Spiekeroog. Außerdem ist er gelernter Zeitungsredakteur (Cuxhavener Nachrichten) und verlegte acht Jahre lang eine Zeitung in Chicago.

Das Ziel

Im Wittmunder Kreistag wurde kürzlich der Konsortialvertrag zur Tano verabschiedet, das Regelwerk also, das die Zusammenarbeit der Gesellschafter-Kommunen regelt. Gleich in der Präambel des Vertrags heißt es, man verspreche sich einen starken Professionalisierungsschub im Tourismus, mehr Schlagkraft, mehr Marktmacht. Man könnte auch sagen: Mehr Wettbewerbsfähigkeit. Denn in der Präambel heißt es auch: „Der in den vergangenen Jahren starke Marktanteils- und Wertschöpfungsverlust zum Wettbewerb in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und zu Deutschland generell soll langfristig beendet werden.“ Andere sind also besser.

Denn auch, wenn sommerlich volle Strände zwischen Greetsiel und Schillig es nicht vermuten lassen – im Vergleich zu den beiden anderen nördlichen Bundesländern wächst der Tourismus an der niedersächsischen Küste eher verhalten. So hatte es zuletzt auch die landeseigene Gesellschaft Tourismusmarketing Niedersachsen ermittelt. Bei der Abstimmung über den Konsortialvertrag im Wittmunder Kreistag betonte der Sprecher der Mehrheitsgruppe, Heinz Buss (SPD), denn auch, wie wichtig der Tourismus für diese Region sei. Durch die Arbeit der Tano, so hofft er, „werden wir mehr Gäste aus Deutschland und dem Ausland gewinnen.“

Die Erwartungen

An der ostfriesischen Küste sind die Erwartungen der Branche an die Tano nicht eben klein: „Ich erhoffe mir, dass wir uns in der Region besser vernetzen, wir sind doch alle sehr kleinteilig unterwegs“, sagt Carolinensiels Kurdirektor Kai Koch. Die neue Tourismusagentur komme außerdem genau zum richtigen Zeitpunkt, „weil wir nur noch von Krise zu Krise rennen.“ Eine Erwartungshaltung, die sich auch im Gespräch mit Armin Kanning, Kurdirektor im Wangerland, wiederholt. Pandemie, Krieg, Rezession – da wünscht man sich schon jemanden, der den Tourismus sicher steuert und entwickelt.

Außerdem gibt es noch die großen Themen wie Hotelneuansiedlungen, Transport und Verkehr – das lasse sich alles viel besser zentral steuern und vorantreiben, glaubt Kanning. Einzelne Kurdirektoren können da nicht viel erreichen. Und dann ist da noch das Geld. Statt vieler kleiner Marketingbudgets in den einzelnen Orten, könnte man besser ein größeres haben, findet Kai Koch aus Carolinensiel. Damit wäre der Tourismus auch schlagkräftiger.

Die Kosten

Ganz billig ist die Unterhaltung der Tano aber auch nicht. Wie aus dem Konsortialvertrag hervorgeht, der eben im Wittmunder Kreistag gebilligt wurde, sieht der Finanzierungsbedarf für 2022 etwa 540.000 Euro vor, und in den nächsten Jahren bis 2025 zwischen 750.000 und knappen 800.000 Euro jährlich. Aufbringen müssen das die Gesellschafter, also die Landkreise und Städte, anteilig je nach Tourismusstärke. Das reicht in diesem Jahr von knapp 46.000 Euro vom Kreis Ammerland bis knapp 107.000 Euro vom Kreis Aurich.

Die Berechnungen gehen aktuell nicht über das Jahr 2025 hinaus. Das hat möglicherweise auch mit der Kritik zu tun, die der Tano während der politischen Beratungen im Vorfeld entgegenschlug. Auch im Wittmunder Kreistag hatten sich Mitglieder kritisch geäußert und vor teuren Doppelstrukturen im Tourismus gewarnt. Tatsächlich soll die Arbeit der Tano nun auch nach den ersten beiden Jahren evaluiert werden.

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