Osterby Warum bei dieser Malermeisterin aus Norddeutschland die Maler Schlange stehen
Überall im Land herrscht ein großer Fachkräftemangel, auch im Bereich der Handwerksbetriebe. Diese suchen oft händeringend nach Auszubildenden oder Gesellen. Der Betrieb „Die Malerin“ Jessica Hansen in Osterby in Schleswig-Holstein nicht. Im Gegenteil - dort stehen die Bewerber Schlange.
Vor zehn Jahren hat Jessica Hansen (40) aus Osterby sich unter dem Firmennamen „Die Malerin“ selbstständig gemacht. Was als Ein-Frau-Betrieb begann, entwickelte sich angesichts einer guten Auftragslage im Laufe der Zeit zu einem immer größer werdenden Betrieb, der landesweit viele Stammkunden hat. Heute gehören 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ihrem Team, darunter sind zehn Malergesellen und fünf Auszubildende.
In der Hochphase der Corona-Zeit, als viele Menschen den Stellenwert ihres Hauses oder ihrer Wohnung neu zu schätzen wussten und diese renovieren oder verschönern lassen wollten, hielt Jessica Hansen ihr Team. Statt ihre Mitarbeiter wie viele Betriebe in vielen Branchen in Kurzarbeit zu schicken, waren ihre Auftragsbücher voll und bedeuteten Vollbeschäftigung.
Flexible Arbeitszeitmodelle, freie Samstage, übertarifliche Bezahlung, Vergütungen wie Spendit-Card, feste Betriebsferien (je drei Wochen im Sommer und im Winter), bezahlte Fahrzeiten, private Nutzung des Firmenfahrzeugs - Jessica Hansen präsentiert ihren Handwerksbetrieb als einen modernen Arbeitgeber, bei dem angestaubte Hierarchien quasi weggefegt wurden.
Diese Modernisierung der Firmenkultur entspricht der Erwartung der Mitarbeiter in der heutigen Arbeitswelt: die Einhaltung der Work-Life-Balance und eine gerechte Bezahlung. Jeder Mitarbeiter kann zwischen einer Fünf-Tage (39 Stunden) - oder Vier-Tage-Woche (37 Stunden) wählen.
An welchen Tagen er arbeitet, ob von Montag bis Donnerstag oder von Dienstag bis Freitag, bleibt ihm überlassen. Das gilt auch für den Beginn der Arbeitszeit: „Die Mitarbeiter können zwischen 7 Uhr oder 8 Uhr wählen. Dem Kunden ist egal, wann der Maler kommt.“ Macht der Mitarbeiter Überstunden, bekommt er einen Verpflegungsmehraufwand von 14 Euro am Tag.
Es war im April 2022, als immer Stammkunden wegen eines Auftrags anriefen. Jessica Hansen wollte sie nicht durch lange Wartezeiten enttäuschen. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich vier Gesellen“, erklärt sie. Die Malermeisterin musste handeln, wohlwissend, dass auch in dem Bereich der Malerbetriebe Fachkräftemangel herrscht.
Sie beriet sich mit Ehemann Tim, der studierte Betriebswirt entwickelte die neue Strategie. In den sozialen Netzwerken startete sie dann einen Aufruf. Mit Erfolg: „Ich hatte über 50 Bewerbungen. Und die, die wir eingeladen hatten, fragten: Wo liegt der Haken?“
Zu den Eingeladenen gehörten auch Diana Ahmling (29) und Thorsten Schönberg (56). Die beiden Gesellen waren schon in ihrer alten Firma in Neumünster stets als Team unterwegs. Thorsten Schönberg war dort 24 Jahre beschäftigt, Diana Ahmling zwölf Jahre, als beide kündigten und gemeinsam Mitte August bei Jessica Hansen in Osterby anfingen - obwohl sie eigentlich gar nicht auf der Suche waren.
Mit 56 Jahren noch einmal in einer neuen Firma starten? „Die beiden haben uns einfach menschlich abgeholt“, erklärt Schönberg, „das kannte ich vorher nicht, dass der Mensch nicht hintenan steht. Jessica und Tim binden die Mitarbeiter auf eine tolle Art und Weise ein. Und ich habe Freiheiten, über meine Arbeitszeiten mitzubestimmen.“ Das sei alles neu für ihn gewesen und am Anfang irgendwie unwirklich.
Zu den Vergünstigungen, die Jessica Hansen zahlt, gehört zum Beispiel die App Spendit-Card, auf die sie den Mitarbeitern monatlich 50 Euro zahlt und im 13. Monat 60 Euro. „Die meisten nutzen es zum Tanken. Ein Mitarbeiter hat einmal alles gespart und davon Weihnachtsgeschenke bezahlt“.
Dass so viele Bewerber in Osterby Schlange standen - 25 stehen noch auf ihrer Liste - hat auch mit einer bewussten Entscheidung der Malermeisterin zu tun: „Ausschlaggebend war, dass wir auch die Fahrzeiten zahlen.“ Und so ist es kein Wunder, dass ihre Mitarbeiter nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern auch aus Neumünster, Malente, Rendsburg oder Hohenwestedt kommen.
Im Angebot hat „Die Malerin“ nicht nur klassische Arbeiten wie Malen und Tapezieren, sondern auch das Anbringen von Bodenbelägen außer Holz und Plissee für Fenster. Zusätzlich ist sie als Interior Designerin unterwegs und richtet Ferienhäuser oder private Immobilien ein. Wenn gewünscht, besucht sie auch mit dem Kunden das Möbelhaus und berät ihn bei der Auswahl.
Auch deswegen ist Jessica Hansen auf qualifizierte und kreative Mitarbeiter angewiesen, die für sie auf den Baustellen im ganzen Land unterwegs sind. „Ich hatte noch nie so ein tolles Team wie jetzt.“
Auch in Zeiten der Energiekrise sei ihre Auftragslage gut. Natürlich wisse man nicht, wie sich die Wirtschaft im nächsten Jahr entwickelt. Doch eines ist für die Malermeisterin klar: „Oberste Priorität haben die Löhne der Mitarbeiter.“
Zu den Auszubildenden gehört auch ihr Sohn Michel. Der 15-jährige befindet sich im ersten Lehrjahr und steht als Nachfolger in den Fußstapfen seiner Mutter.