Ukrainische Schüler Hilferuf der Realschule Aurich
In den nächsten Wochen und Monaten werden bis zu 500 neue ukrainische Schüler in den Landkreis Aurich kommen. Es ist unklar, welche Schulen sie aufnehmen könnten.
Aurich - Hunderte zusätzliche Schüler aus der Ukraine erwartet der Landkreis Aurich in den kommenden Wochen und Monaten. Alleine in Aurich sollen rund 1000 Menschen in die Gebäude der ehemaligen Blücher-Kaserne ziehen. Der Landkreis Aurich rechnet dabei auch mit einem deutlichen Zuwachs an ukrainischen Kindern. „Aufgrund der Erhöhung der Zuweisungsquote gehen wir davon aus, dass bis zu 500 weitere Kinder im schulpflichtigen Alter in den Landkreis Aurich kommen könnten“, bestätigte Landkreissprecher Nikolai Neumayer entsprechende ON-Informationen.
Darunter werden viele Kinder und Jugendliche sein, die in Kindertagesstätten, Grundschulen oder weiterführenden Schulen betreut werden müssen. Das Problem: Schon jetzt gibt es nicht genügend Lehrer, schon jetzt gibt es an den meisten Schulen keinen Platz, um zusätzliche Schüler unterzubringen.
Reichen die Schulgebäude aus?
Die Verteilung orientiere sich auch weiterhin an den festgelegten Schulbezirken. Die Schulleitungen und das Regionale Landesschulamt seien über die zu erwartenden Schülerzahlen informiert worden. Als nächster Schritt werde gemeinsam „zeitnah ein darauf abgestimmtes gemeinsames Konzept erarbeitet“, so Neumayer. Werden die vorhandenen Räume in den Schulen dafür überhaupt ausreichen? Für eine spontane Erweiterung von Unterbringungs-Kapazitäten haben sich Containerlösungen laut Neumayer bewährt.
„In diesem Fall sind allerdings derzeit keine Containerlösungen geplant, da zunächst vorhandene Kapazitäten genutzt werden sollen und Container erst eine nachrangige Lösung darstellen würden.“ Ein Schwerpunkt der Geflüchtetenunterbringung soll die frühere Kaserne in Aurich werden. Der Landkreis möchte dort in den nächsten Monaten rund 1000 Menschen unterbringen - auch Familien. Wird dadurch die nahegelegene Realschule besonders belastet?
Individuelles Konzept für Schüler, die in der Kaserne unterkommen
Laut Neumayer ist das nicht zwingend der Fall. Insbesondere für die Nutzung der Kaserne werde es ein mit dem Landesschulamt abgestimmtes individuelles Konzept geben. „Dadurch soll auch vermieden werden, dass einzelne Schulen überproportional in Anspruch genommen werden“, so der Landkreissprecher.
Auf eine solche Lösung ist auch Kathrin Peters, Leiterin der Realschule Aurich, gespannt. Dort mussten erst im Sommer dieses Jahres ohnehin zusätzliche Container aufgestellt werden, um alle neuen fünften Klassen unterbringen zu können. „Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir sagen, wir nehmen keine Schüler mehr auf“, so Peters. An der Realschule gibt es bereits jetzt 20 Schüler aus der Ukraine. Für diese sei ein pädagogischer Mitarbeiter eingestellt worden, so Peters. „Begrüßungsgruppe“ werde diese Klasse genannt, in der sich Jugendliche aus verschiedenen Jahrgängen befinden. Eventuell könnten dort noch fünf zusätzliche ukrainische Kinder aufgenommen werden. „Mehr geht nicht“, sagt Peters.
Vorschlag: Eine eigene Schule für die Ukrainer
Das hänge nicht nur mit den fehlenden Räumlichkeiten zusammen, sondern auch damit, dass Lehrer fehlten. An der Realschule gebe es eine Unterrichtsversorgung von 97,9 Prozent, so Peters. Da seien zwei langzeiterkrankte Lehrer noch gar nicht reingerechnet. Das bedeutet: Bereits jetzt können nicht alle Stunden gegeben werden, die eigentlich vorgesehen sind. Es fehle zudem an Unterstützung vom Land für die Betreuung von Kindern mit Migrationshintergrund. „Ich habe acht Lehrerstunden dafür“, erläutert Kathrin Peters. Acht Stunden für alle Schüler mit Förderbedarf. Neben den Ukrainern gebe es aber zum Beispiel auch Syrer und Afghanen an der Realschule. Auch aus diesen Ländern kämen wieder mehr Menschen. Sie seien aber etwas aus dem Blick geraten, meint Kathrin Peters.
Der Landkreis Aurich müsse daher gut abwägen, wie er die Schüler im Kreisgebiet auf die Schulen verteilen wolle. Peters verweist auf eine Idee, die Rüdiger Musolf, Leiter des Gymnasiums Ulricianum, bereits im März vorgeschlagen hatte. Einen Monat nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine hatte Musolf angeregt, in der Egelser Außenstelle des Gymnasiums eine ukrainische „Schule in der Schule“ einzurichten. Bis zu 90 Jugendliche könnten dort gemeinsam unterrichtet werden. „Wir stehen immer noch Gewehr bei Fuß“, sagt Musolf auf ON-Anfrage. Die Räume seien vorhanden. Das Vorhaben setze nur voraus, dass sich auch 15 bis 20 ukrainische Lehrkräfte für den Unterricht fänden.
Lehrkräfte aus der Ukraine werden bereits registriert
Grundsätzlich wird laut Landkreissprecher Nikolai Neumayer bei der Registrierung der geflüchteten Menschen auch immer geprüft, ob sich darunter Lehrkräfte befinden, die entsprechend eingestellt werden können. „Die derzeitige Situation in der Kreisvolkshochschule lässt wenig Spielraum zu, da entsprechend qualifizierte Personen bereits umfänglich in die Betreuung und Beschulung eingebunden sind.“ Dieses Lehrerpotenzial ist also vorerst ausgeschöpft.
Die Schulen können für den Deutschunterricht für ukrainische Kinder auch auf eigene Lehrer zurückgreifen, die die Zusatzqualifikation Deutsch als Zweitsprache (DaZ) erworben haben. Auch Lehrkräfte mit der Fächerkombination Deutsch plus moderne Fremdsprache sind laut Mareike Wellmeier vom Regionalen Landesamt für Schule und Bildung in Lüneburg in der Lage, DaZ zu unterrichten. „Uns liegen keine Hinweise aus den Schulen vor, dass es nicht genügend Lehrkräfte gibt, die über diese Qualifikation verfügen.“ Bei Bedarf können sich die Schulen aber jederzeit an ihre schulfachlichen Dezernenten oder an die Sprachbildungszentren wenden.
Sondersitzung in der Stadt Aurich
Die Waldschule in Egels sei seiner Ansicht nach besonders gut für so ein Vorhaben geeignet, sagt Rüdiger Musolf. Denn sie liege in der Natur, direkt am Waldrand, und verfüge über eine frisch sanierte Turnhalle sowie einen Sportplatz. Dort könnten vom Krieg in ihrer Heimat traumatisierte Kinder vielleicht am ehesten zur Ruhe kommen. „Dank der Corona-Pandemie wurden auch die ukrainischen Lehrwerke digitalisiert und sind verfügbar.“ In Fächern wie Sport oder Kunst könnten dann alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden, so Musolf.
Der Vorteil für die Ukrainer wäre, dass sie auf dem Weg zum Schulabschluss keine Zeit verlieren würden. Denn die meisten, so Kathrin Peters, wollten nicht in Deutschland bleiben. „Sie sehen dann auch nicht ein, warum sie Deutsch lernen sollen.“ In der Realschule aber würde in den ersten zwei Jahren im Grunde nur Sprachunterricht und etwas Integration stattfinden. „Noten gibt es für die Ukrainer erst nach zwei Jahren.“
Ob Schulen und Kindertagesstätten insgesamt ausgebaut werden müssen, wie es grade in der Stadt Aurich weitergeht, wüsste auch Bürgermeister Horst Feddermann gerne. „Das überrollt uns grade alles ein wenig“, sagt er auf ON-Anfrage. Deshalb werde es in der kommenden Woche eine Sondersitzung des Verwaltungsausschusses geben. Dabei handelt es sich um das höchste städtische Gremium nach dem Rat. In der Sitzung werde der Landkreis Aurich erläutern, was passieren wird, so Feddermann. Danach sei man hoffentlich klüger.