Teheran  Lieber blind als ins Krankenhaus: Verletzte Iraner suchen online Hilfe

Stella Bluemke
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Von Stella Bluemke
| 12.10.2022 16:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Iraner gehen aus Protest gegen das Regime auf die Straße. Foto: picture alliance/dpa/AP/Uncredited
Iraner gehen aus Protest gegen das Regime auf die Straße. Foto: picture alliance/dpa/AP/Uncredited
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Besonders Frauen und junge Menschen demonstrieren im Iran gegen das System. Das Regime schlägt die Protestierenden brutal nieder. Aus Angst verhaftet zu werden, meiden Verletzte sogar den Weg ins Krankenhaus. Warum ist das so?

Seit mehr als drei Wochen gehen vor allem Frauen im Iran auf die Straße, um gegen das Regime zu demonstrieren. Das ist mitunter lebensgefährlich. Auslöser war der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Polizeigewahrsam, weil sie ihr Kopftuch nicht richtig getragen haben soll. Zunächst richteten sich die Proteste gegen die Kleiderregeln, doch inzwischen steht die Systemfrage im Fokus.

Die Bevölkerung im Iran habe keine Illusion mehr darüber, dass das System reformierbar ist, sagte der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad gegenüber der „Tagesschau“. Der angestrebte Regimewechsel ist laut Fathollah-Nejad mit Blick auf die politische Entwicklung in den vergangenen Jahren jedoch nicht überraschend. Neu sei jedoch, dass es ein schichtenübergreifender Aufstand ist.

Sicherheitskräfte gehen mit Gewalt gegen die Demonstrierenden vor. Viele Verwundete trauen sich einem Bericht des US-Senders „CBS“ zufolge nicht, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen, aus Angst verhaftet zu werden.

In den Krankenhäusern befänden sich Agenten des Geheimdienstes, die die Namen der Verletzten notierten, sagte ein Arzt im Iran gegenüber „CBS“, der aus Angst vor Repressionen anonym bleiben möchte. Er berichtet von Fällen, in denen Patienten operiert und nach ihrer Entlassung verhaftet wurden. Aus diesem Grund bleiben laut dem Arzt viele verletzte Demonstranten zu Hause und suchen privat bei Ärzten wie ihm Hilfe. Durch fehlende verlässliche Berichte aus dem Iran ist es schwierig, Vorgänge zu verifizieren.

„Die Sicherheitskräfte setzen eine Vielzahl von Waffen ein, um die Menschen zu unterdrücken - von Plastik- und Bleikugeln bis hin zu Kalaschnikows und sogar Scharfschützenfeuer“, so der Arzt gegenüber „CBS“. „Wir hatten einen Fall, bei dem jemand angeschossen wurde, der es aber vorzog, zu erblinden, anstatt ins Krankenhaus zu gehen.“

Der Mediziner berichtet, dass er und andere Ärzte, die im Geheimen verletzte Protestierende behandelt haben, von den iranischen Behörden bedroht wurden.

Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal veröffentlichte auf dem Portal Twitter ein Bild des Arztes Ramin Neschaste. Laut ihrer Aussage ist dieser von der Islamischen Revolutionsgarde entführt worden, weil er verletzte Demonstranten behandelte.

Kayvan Mirhadi, ein iranischer Amerikaner und Chefarzt für innere Medizin am Clifton Springs Hospital in New York, sagte dem Sender, dass er täglich circa 500 Instagram-Nachrichten aus dem Iran erhalte, in denen verwundete Demonstranten um seine Hilfe bitten. Er versuche zunächst sie an Ärzte im Iran zu verweisen, denen er vertraut. Klappt dies nicht, leite er sie so gut wie möglich durch die Behandlung mit Hausmitteln. „Ich habe eine Art Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie man mit Verbrennungen und Kugeln umgeht“, zitiert der Sender Mirhadi.

Der Mediziner veröffentlicht Bilder der Verletzungen der Demonstranten, die ihn um Hilfe bitten, in den sozialen Medien sowohl auf seinem Twitter- als auch auf seinem Instagram-Account.

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