Hamburg Es lohnt sich, allein zu sein – trauen Sie sich!
Alleinsein hat einen schlechten Ruf. Viele verbringen lieber Zeit mit Freunden und Familie, anstatt mit sich selbst zu sein. Dabei habe Einsamkeit viele Vorteile, sagt Autorin Sarah Diehl. Im Interview gibt sie Tipps, wie wir uns an das Alleinsein herantasten können und warum es jedem guttut.
Waren Sie schon einmal allein im Restaurant oder im Kino? Die wenigsten von uns trauen sich, ohne Begleitung eine Aktivität auszuüben. Manche haben Angst sich zu langweilen, andere fürchten schiefe Blicke. Warum eigentlich hat Alleinsein so ein mieses Image? Sarah Diehl hat über das Alleinsein ein Buch geschrieben. Im Interview spricht sie darüber, wie unser Selbstwert unsere Einstellung zur Einsamkeit prägt, warum Frauen weniger Freiräume zum Alleinsein bekommen als Männer und mit welchen kleinen Schritten, es gelingt, die Einsamkeit langsam für sich zu entdecken.
Frage: Frau Diehl, Sie haben ein Buch über das Alleinsein geschrieben. Sind Sie gerne allein?
Antwort: Ja, aber ich sehe das Alleinsein nicht als Opposition zu einer Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel dafür ist die letzte lange Fahrradtour, die ich unternommen habe. Ich bin 2000 Kilometer zum schwarzen Meer geradelt. Die ersten zehn Tage begleitete mich mein Freund von Prag nach Bratislava, danach fuhr ich allein weiter. Anfangs konnte ich mit ihm gemeinsam austesten, wie es sich anfühlt, so lange mit dem Rad unterwegs zu sein, bis sich ein Gefühl von Selbstverständlichkeit einstellte, dass ich die Reise allein weiterzuführen kann.
Frage: Und wie ging es Ihnen, als Sie am ersten Tag allein aufs Rad stiegen?
Antwort: Der erste Tag war aufregend, ich fühlte mich etwas wackelig und fragte mich, was auf mich zukommen würde. Aber sehr schnell genoss ich die Fahrt: Ich konnte selbst entscheiden, wie schnell ich unterwegs war, wann ich eine Pause einlegte, was ich mir auf dem Weg anschaute. Und ich kam viel schneller mit Fremden ins Gespräch, die Einsamkeit machte mich offener. Außerdem stand ich in stetigem Kontakt mit meinem Freund und meinen Eltern, schickte ihnen Fotos von der Reise. Ich war allein unterwegs, habe mich aber nie einsam gefühlt.
Frage: Warum hat Alleinsein so ein schlechtes Image?
Antwort: Der Mensch lernt mit seinem Aufwachsen, seinen Selbstwert über die Meinung und Gesellschaft anderer zu bekommen. Wir wollen eine Person werden, die gemocht, bewundert oder begehrt wird. Diesen Wunsch nach stetiger Bestätigung müssen wir loslassen und unseren Frieden mit uns selbst finden – dann können wir es auch genießen, allein zu sein.
Frage: Haben Sie dafür ein Beispiel?
Antwort: Heutzutage werden Singlefrauen immer noch bemitleidet oder schief angeschaut. Wer als Frau in keiner Beziehung ist, gilt als weniger wert. Alle fragen sich: Warum findet sie niemanden? Was ist los mit ihr? Ein Besuch allein im Restaurant oder im Kino ist für viele Frauen immer noch mit viel Scham behaftet. Dabei gibt es unzählige, die gerne allein ihre Hobbys ausleben, wie etwa auf Reisen zu gehen. Doch das wird ihnen oft ausgeredet, mit der Begründung, es sei zu gefährlich. Das tut mir immer in der Seele weh, denn es entspricht nicht der Realität. Die größte Gefahr lauert für Frauen immer noch zu Hause durch den Partner oder die eigene Familie.
Frage: Frauen hören auch oft, bevor sie ein Kind bekommen: Du wirst nie wieder allein sein. Manchmal wirkt das wie eine Warnung an. Was steckt dahinter?
Antwort: Schaue ich mir an, wie viele Freiräume Männern und wie viele Frauen zugestanden werden, bekomme ich den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft die Bedürfnisse einer Frau weniger als die eines Mannes zählen. Das liegt an ihrer sozialen Wahrnehmung und unserem Mutterbild: Die Frau muss sich immer um andere kümmern, bestreitet den größten Teil der Care-Arbeit – sie kann gar nicht anders, auch weil es von ihr erwartet wird, diese nebenbei und unbezahlt zu leisten. Ihr wird vermittelt, dass das Wohl anderer von ihrer Selbstlosigkeit abhängt. Das macht es Frauen so schwer, sich gegen diese Verantwortung zu wehren, Freiräume zu wählen und ihre Partner mehr einzubeziehen. Und wenn sie sich der ihnen zugesprochenen Rolle widersetzen, müssen sie mit massiver Kritik rechnen, weil sie schnell als egoistisch und gefühlskalt gelten.
Frage: Wie könnten wir für Frauen mehr Freiräume schaffen?
Antwort: Wir benötigen vor allem ein neues Bild von Familie. Vielen Menschen widerstrebt die Definition der Kleinfamilie, sie empfinden diese als zu eng, wünschen sich ein großes Netzwerk. Wenn sich eine Gruppe in Kindererziehung und Haushalt gegenseitig unterstützt, bekommt der Einzelne mehr Freiräume und Möglichkeiten, allein zu sein, als wenn wir diese immense Arbeit von nur einer Person, nämlich der Mutter verlangen. Häufig vereinsamen Menschen auch, weil es an alternativen Lebensformen fehlt. Wenn wir eine neue Idee von Verantwortungsgemeinschaft bilden, die etwa soziale Elternschaft beinhaltet, also mehrere Menschen, die neben den leiblichen Eltern für ein Kind verantwortlich sind, wird es einen größeren Halt in unserer Gesellschaft geben und Alleinsein als Chance zur Weiterentwicklung erkannt.
Frage: Fördert auch das Alter die Fähigkeit allein zu sein?
Antwort: Ich denke, vor allem ältere Menschen können sich von den ganzen Ansprüchen von Karriere- und Familienplanung besser distanzieren, in denen sich Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern noch glauben, beweisen zu müssen und sich auf ihre eigenen Interessen fokussieren. Das bemerke ich auch an mir selbst: Je älter ich wurde, desto mehr erkannte ich, dass ich mich freier von anderen machen muss, mein Glück vor allem in den Dingen finde, die mich umtreiben. Zudem glaube ich, dass Frauen besser mit Einsamkeit umgehen können. Sie pflegen oft verschiedene Hobbys, sind häufiger in Freundeskreise eingebunden.
Frage: Auch eine Partnerschaft scheint manche Menschen am Alleinsein und dem Ausleben eigener Bedürfnisse zu hindern. Immer mehr Rentner lassen sich im hohen Alter noch scheiden, andere blühen nach dem Tod des Partners oder der Partnerin förmlich auf.
Antwort: Ich beobachte, dass dies vor allem auf Frauen zutrifft. Sie fassen heute im Alter verstärkt den Mut, ihr Leben, ihre letzten guten Jahre, noch einmal neu zu ordnen und zu genießen. Früher wurden Frauen durch die finanzielle Abhängigkeit zum Gatten daran gehindert, lieblose Ehen zu verlassen, in denen sie sich nur noch als Haushälterin fühlten. Mittlerweile können sie sich Scheidungen leisten und nutzen diese Möglichkeit mehr als Männer. Trotzdem fällt es vielen nicht leicht, sie brauchen einige Anläufe, weil es nicht zum sozialen Bild der Frau passt, die sich um ihren Mann, ihre Familie kümmern sollte. Viele bleiben auch aus Sorge vor Einsamkeit in einer Ehe, das finde ich fatal. Sie vereinsamen in lieblosen Partnerschaften paradoxerweise gerade, weil sie Angst vor Einsamkeit haben. Aber wer interessiert an anderen ist, wird niemals einsam sein.
Frage: Andere wiederum haben jedes Wochenende eine Verabredung, es scheint ihnen schwerzufallen, allein zu sein. Wie kann man das lernen?
Antwort: Auch in unserer Freizeitgestaltung machen wir uns oft noch von anderen abhängig, wir suchen die Bestätigung in Gesprächen und Aktivitäten mit Freunden, Partner, Partnerin oder Familie. Sie sollen uns spiegeln, dass wir liebenswerte Menschen sind, mit denen man gerne Zeit verbringt. Dabei bietet das Alleinsein die Chance, einen anderen Blick zu bekommen: Wer etwa allein reist, blickt viel offener auf die Welt, kann sich ihr voll hingegeben. Es lohnt sich, die Komfortzone der Gemeinschaft zu verlassen, weil man sich zum einen selbst viel besser kennenlernt und zum anderen erkennt, dass man nicht allein ist. Die Welt kommt auf uns zu.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Dieses Phänomen begegnet vielen Menschen beim Pilgern. Sie reisen zwar allein, können aber jederzeit an eine fremde Tür klopfen, um ein Glas Wasser bitten oder fragen, ob sie ihr Zelt im Garten aufstellen dürfen – wer das einmal ausprobiert hat, wird bemerken, dass niemand abgewiesen wird. Ich habe das vor vielen Jahren während einer Rundreise auf Island erlebt. Als ich ankam, hatte ich weder einen Bus noch ein Hotel gebucht, ich trampte über die Insel und habe während der gesamten Reise kein einziges Mal Geld für eine Übernachtung bezahlt. Die Gastfreundschaft dieser fremden Menschen begeisterte mich – und ich bemerkte einen Rückkopplungseffekt: Wenn andere dir helfen, möchtest du etwas zurückgeben. Das Alleinsein lehrt uns Solidarität.
Frage: Gibt es Orte oder Aktivitäten, die uns helfen können, das Alleinsein zu kultivieren?
Antwort: Ein einsamer Spaziergang in der Natur ist ein wunderbarer Anfang, weil man die Länge des Alleinseins dosieren kann. Ein kreatives Hobby wie Malen unterstützt ebenfalls, weil wir uns komplett in eine Beschäftigung vertiefen und es in diesem Moment nebensächlich wird, ob andere uns begleiten und wie sie den Schaffungsprozess bewerten. Auch ein Buch kann eine wunderbare Brücke sein. Wer allein auf einer Parkbank liest, ist nicht einsam, weil er von Geschichten anderer umgeben ist.
Frage: Manche verbringen ein Wochenende im Schweigekloster, gehen Waldbaden, meditieren oder praktizieren Yoga. Zeigen diese Trends, dass sich Menschen mehr Alleinsein wünschen?
Antwort: Absolut. Viele Menschen suchen sich intuitiv Hobbys, die sie ungestört von sozialer Eingebundenheit praktizieren können. Interessanterweise sind es oft Tätigkeiten, die ihren Ursprung in religiösen Praktiken haben. Hier fanden Menschen schon vor tausenden Jahren ihre Allverbundenheit in der Einsamkeit.
Frage: Neben den alltäglichen Momenten des Alleinseins verfolgen viele einen Lebensplan, der wenig mit Einsamkeit zu tun hat: Es wird geheiratet oder eine Karriere angestrebt, Kinder werden geboren und Häuser gebaut. Viele erleben das als enormen Druck. Wie gelingt es, sich diesem zu entziehen?
Antwort: Einige denken, dass sie Ansprüche an ein bürgerliches Leben erfüllen müssen, ohne sich zu fragen, was sie sich persönlich vom Leben wünschen. Das bemerke ich häufig in dem Seminar „Will ich Kinder?“, das ich seit einem Jahr anbiete. Hier schaue ich gemeinsam mit Frauen auf ihren Kinderwunsch. Denn viele hinterfragen, ob sie Nachwuchs möchten. Mir fällt in diesen Gesprächen auf, dass Frauen heute oft überlegen, wie ein Kind ihre Partnerschaft oder finanzielle Situation verändern würde, anstatt das Augenmerk darauf zu legen, ob sie wirklich Lust auf Nachwuchs haben. Es braucht viel Selbstbewusstsein, um sich gesellschaftlichen Normvorstellungen zu entziehen. Am Ende kann sich diesem Druck nur entziehen, wer ein Gespür für sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse entwickelt.
Frage: Trotzdem fühlen sich viele kritisch beäugt, wenn sie andere Entscheidungen treffen. Das fängt manchmal bei den kleinsten Dingen an, etwa wenn jemand erzählt, er habe den ganzen Nachmittag auf der Couch verbracht. Inwiefern wird Alleinsein mit Faulheit assoziiert?
Antwort: Seinen Selbstwert über Aktivitäten zu definieren, ist ebenfalls ein Ergebnis unserer Leistungsgesellschaft. Vor allem Lohnarbeit hat heute einen großen Einfluss auf unser Privatleben: Wir haben viel zu sehr akzeptiert, dass sie vorgibt, wie wir unseren Alltag und Familienleben gestalten. Ich empfinde das als sehr bedenklich. Viele Menschen sind von ihrer 40-Stunden-Woche so müde, dass sie über nichts anderes mehr nachdenken können, einige landen im Burnout. Wir müssen uns wieder darauf fokussieren, was uns selbst guttut – und das darf auch außerhalb von Lohnarbeit und Familie liegen und sehr wohl ein fauler Nachmittag auf der Couch sein. Denn was von der Leistungsgesellschaft abfällig Faulheit genannt wird, ist eigentlich Muse.