Osnabrück Botschafter Andrij Melnyk verlässt Deutschland - eine Erinnerung
Kein Gesandter vor ihm hat so undiplomatisch und öffentlichkeitswirksam ausgeteilt wie der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. Jetzt kehrt er nach Kiew zurück. Wer redet den Deutschen nun ins Gewissen?
Als omnipräsenter Dauergast in deutschen Talkshows ist Andrij Melnyk mindestens so bekannt wie Corona-Bekämpfungsminister Karl Lauterbach oder Welterklärer Richard David Precht. Geschätzt für seine Art, es bisweilen durchaus auch mal krawallen zu lassen, hat es der Diplomat verstanden die Fäden der medialen „Aufmerksamkeitsökonomie“ zu ziehen und so den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine unnachgiebig ins Bewusstsein der Deutschen zu rücken.
An diesem Freitag verlässt der ukrainische Botschafter Deutschland, um einen neuen Posten im Außenministerium der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu übernehmen.
Bis zuletzt wurde Andrij Melnyk nicht müde, Deutschland wegen seiner Russland-Politik vergangener Jahre in den Senkel zu stellen.
“Dieses zerbombte Haus in Saporischschja ist ein Symbol der katastrophalen Appeasement-Politik von Angela Merkel gegenüber dem Kriegsverbrecher Putin“, postete er noch vor wenigen Tagen auf Twitter unter einem entsprechenden Video - trotzdem halluziniere die Ex-Kanzlerin von der „Einbeziehung Russlands für dauerhaften Frieden”.
Tatsächlich ist das noch einer der harmloseren Äußerungen Melnyks. So bezeichnete er Bundeskanzler Olaf Scholz als „beleidigte Leberwurst“. Und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bekam die Wucht von Melnyks Empörung zu spüren, indem ihm der Diplomat eine bedenkliche politische Nähe zu Russland attestierte.
„Für Steinmeier war und bleibt das Verhältnis zu Russland etwas Fundamentales, ja Heiliges, egal was geschieht. Auch der Angriffskrieg spielt da keine große Rolle“, wetterte Melnyk. Tatsächlich hat Steinmeier schließlich zugestanden, sich als Kanzleramtschef und Außenminister mit Blick auf Russland verschätzt zu haben.
Wohl selten hat ein Diplomat so polarisiert, wie der ukrainische Botschafter in Berlin. Seit dem Aufmarsch russischer Truppen an der Grenze zur Ukraine und erst recht nach deren Einmarsch am 24. Februar in das Land, trieb Andrij Melnyk die Bundesregierung vor sich her.
Er forderte früh mehr und schwerere Waffen für sein Land, ein Embargo für russisches Gas und eine von der Nato kontrollierte Flugverbotszone. War eine Forderung erfüllt, legte Melnyk umgehend nach.
Wer ist dieser Andrij Melnyk, der „alle Russen“ als „unsere Feinde“ bezeichnet hat und der Friedensstadt Osnabrück nie wieder einen Besuch abstatten will, weil dort „heuchlerische Brückenbauer“ einen Preis an einen russischen Musiker vergeben hätten?
Der heute 46-jährige Melnyk wuchs in einem Akademikerhaushalt im westukrainischen Lwiw auf. Dort erlebte er als Kind die letzten Jahre der Sowjetunion. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs studierte Melnyk Rechtswissenschaften. Er spricht fließend Deutsch und Englisch.
Zu den Stationen seiner diplomatischen Laufbahn zählen das ukrainische Konsulat in Hamburg und die Botschaft in Wien. Zwischenzeitlich war er in seiner Heimat als stellvertretender Minister für die europäische Integration der Ukraine tätig. Seit Dezember 2014 war Melnyk Botschafter der Ukraine in Deutschland.
Auf die Grenzen diplomatischer Gepflogenheiten hat Melnyk auf diesem Posten mit Beginn des Ukraine-Krieges keine Rücksicht mehr genommen. Er schreckte weder vor Beleidigungen zurück noch vor einer Wortwahl, die eines Diplomaten unwürdig ist. Damit hat er die Politik vor sich her getrieben und den Bürgern ins Gewissen geredet - aber auch viel Sympathie verspielt.
Mit der öffentlichen Verteidigung des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, der Historikern als Nazi-Kollaborateur, Antisemit und Massenmörder von Juden und Polen gilt, hat Melnyk den Bogen im Juli dann offenbar überspannt und wurde abberufen.
„Ich bereue vieles, was ich geschrieben habe, aber im Gegensatz zu anderen lösche ich meine Tweets nicht. Das meiste habe ich spontan aus der Emotion heraus formuliert und nicht aus Kalkül. Und dazu stehe ich“, sagte Melnyk jüngst im Interview mit dem Magazin Spiegel.
Seine Motivation sei es immer gewesen, „dafür zu sorgen, dass man die Ukraine in Deutschland besser versteht und ernster nehmen sollte“.
Tatsächlich hat Melnyk mit seiner unnachgiebigen und fordernden Art bei vielen Bürgern das Gegenteil erreicht. Im Internet starteten Kritiker schließlich gar eine Petition, die eine Ausweisung des Diplomaten forderte. „Was einst noch ein mutiges Auftreten eines ukrainischen Botschafters war, ist jetzt zur Hetze gegen die deutsche Politik verkommen“, hieß es. Zehntausende Menschen haben die Petition unterschrieben.
Nun also verlässt Melnyk das Land. Frau und Kinder werden vorerst wohl noch in Berlin bleiben. Nachfolger Melnyks wird Olexij Makejew, ein langjähriger politischer Direktor im ukrainischen Außenministerium. Man darf gespannt sein, wie er die Rolle des Botschafters in Kriegszeiten ausfüllen wird.