Sportpolitischer Dämmerschoppen „Entwicklung von Kindern ist unterbrochen“
Die Ärztin und Funktionärin Kerstin Holze referierte im Güterschuppen des Gymnasiums über die Bedeutung von Sport für Heranwachsende in der Pandemie. Die Entwicklung ist dramatisch.
Aurich - Angstzustände, Depressionen, Bewegungsmangel und Übergewicht: Kinder und Jugendliche scheinen die größten Leidtragenden der Corona-Pandemie zu sein. Das hat auch Kerstin Holze in ihrem Berufsalltag längst bemerkt. Die Kinderärztin und Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes macht sich große Sorgen um die Zukunft der Kinder und der Sportvereine. Am Donnerstagabend hielt sie auf Einladung des MTV Aurich einen Vortrag zum wichtigen Thema „Kinder in Bewegung“. Holze erörterte im Güterschuppen des Ulricianums die Bedeutung des Kinder- und Jugendsports in Zeiten der Pandemie und zeigte Lösungsmöglichkeiten für Vereine, Politik und Schulen auf. ON-Chefredakteur Stephan Schmidt leitete im Anschluss eine Diskussionsrunde mit MTV-Vorsitzenden Wilfried Theessen, Landrat Olaf Meinen, Ulricianum-Schulleiter Rüdiger Musolf und der Referentin.
Die schockte die Zuhörer mit einem dramatischen Appell. „Einen dritten Winter mit Einschränkungen werden die Vereine nicht überleben, für die Kinder wäre das eine Katastrophe“, sagte Holze. Bereits vor der Pandemie sei nicht alles „rosig“ gewesen. Damals habe man schon feststellen können, dass rund dreiviertel der Kinder sich nicht ausreichend bewegen würden. Jetzt mit der Pandemie hätten sich die Probleme verschärft. „Die Entwicklung der Kinder ist unterbrochen. Die Zunahme motorischer Defizite und psychischer Probleme hat zugenommen. Aber wir können das wieder verändern“, sagte Holze.
Übungsleiter haben in der Pandemie aufgehört
Dafür will die Sportfunktionärin Politik, Schule und Vereine mehr in die Pflicht nehmen. Sie fordert bessere Verkehrswege für den Nachwuchs, Spielplätze mit Herausforderungen und öffentliche Bewegungsflächen. Für die Schulen wünscht sich die Ärztin und Funktionärin einen Ausbau der Kooperation mit den Sportvereinen. „Wir dürfen die Kinder im Ganztag nicht verwahren“, sagte Holze.
Schulleiter Rüdiger Musolf plädierte für eine Verbesserung der Verzahnung zwischen Sport, Schule und Verein. Doch dies sei heute auch nicht so einfach. Es fehle an qualifizierten Sportlehrern, das Land Niedersachsen müsse die Schulen einfach besser ausstatten. Am Auricher Gymnasium sieht Musolf allerdings auch viel Gutes.
Werden die Duschen in Sporthallen kalt im Winter?
Die Handyregeln wurden verschärft, die Schüler würden sich wieder mehr bewegen und miteinander reden. Auch die Fachdidaktik sei mittlerweile ausgereifter und würde auch Einblicke in nicht so bekannte Sporarten bieten. Die Pandemie macht auch den Vereinen zu schaffen – viele haben Mitglieder verloren. „Einige Übungsleiter haben aufgegeben, auch Sportler sind nicht wieder zurückgekommen. Für die Kinder fehlte die soziale Erziehung“, sagte MTV-Vorsitzender Wilfried Theessen.
Wegen des Kriegs mitten in Europa hat die Politik nun noch zusätzliche Sorgen, die sich auch auf das Sporttreiben und Vereinsleben auswirken: Steigende Energiekosten und Ströme von Flüchtenden. Bleiben nun die Sporthallen und Duschen kalt im Winter? Dieser Sorge erteilte Landrat Olaf Meinen eine klare Absage. Es gehe nicht darum Kosten einzusparen, sondern Energie. Das warme Wasser abzustellen, sei keine Lösung. „Was soll das bringen? Dann duschen die Kinder doch zu Hause“, sagte Meinen.
Allerdings könnten einige Turnhallen bald mit Flüchtenden belegt sein. Der Druck sei enorm, bekräftigte Meinen. Bis März müsse der Landkreis 2200 Menschen unterbringen. „Ich kann meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass wir dafür auch Sporthallen brauchen“, sagte Meinen. Das Auricher Hallenbad „De Baalje“ läuft auch im Sparbetrieb, wie Bürgermeister Horst Feddermann bekräftigte, der sich auch unter den Zuhörern befand. Stand jetzt ist eine Schließung des Familienbades kein Thema. Die kurzweilige Veranstaltung endete mit den Wünschen der Beteiligten. So appellierte MTV-Chef Theessen an die Politik, Vereine mit eigenen Sporthallen nicht hängen zu lassen. Referentin Kerstin Holze hatte schon in ihrem Vortrag einen Bezug zur Tierwelt hergestellt. „Ich wünsche mir eine Verordnung, die Bewegung für Kinder regelt. Das gibt es sogar für Hunde.“