Espelkamp Streng gläubig, AfD-Wähler, Russen? So leben Mennoniten in Espelkamp wirklich
Espelkamp ist eine Mennonitenhochburg. In den umliegenden Gemeinden gilt diese christliche Gemeinschaft als abgeschottet und unzugänglich. Gerüchte machen die Runde. Was ist dran?
Espelkamp, eine Kleinstadt in Ostwestfalen, ist umzingelt von Gerüchten. In Preußisch-Oldendorf, einer Nachbargemeinde im Süden, sagt einer, die christliche Kultur werde in Espelkamp besonders strikt gelebt. Das sei alles schwer zu verstehen. In Rahden, im Norden, sagt ein anderer, nach außen hin, da seien die Espelkamper ja vielleicht ganz nett. Aber das sei doch alles geheuchelt. In Wirklichkeit seien das alles AfD-Wähler. Und in Hille, im Osten, empört sich ein Familienvater, die Espelkamper lebten “religiös hinterm Mond”. Religiöse Aussteiger würden aus Familien verstoßen und keine Unterstützung erhalten.
Espelkamp gilt in Deutschland als Mennonitenhochburg. 19 unterschiedliche Gemeinden zählt die Stadt. Dabei leben hier nur 26.000 Menschen. Aber ist es wirklich der Glaube, der hier unsichtbare Grenzen zieht?
Im Zentrum der Kleinstadt fehlen jedenfalls Grenzen: Mitten in einem grauen Mehrfamilienhaus-Wohngebiet taucht plötzlich ein rotes Schwedenhaus auf, daneben ein kleineres gelbes Holzhaus. Kein Zaun, keine Mauer. Die Sonne scheint, Rosen blühen am Eingang. Wenn hier jetzt ein schwarz gepunkteter Schimmel über den Rasen trabte, mit Tommy und Annika auf dem Rücken - es würde nicht sonderlich überraschen.
Die Tür des gelben Holzhauses öffnet aber nicht Pipi Langstrumpf, sondern ein freundlicher älterer Herr: Alfred Wiebe, 73 Jahre alt, wohnt hier seit zehn Jahren mit seiner Frau Hannelore. Die beiden führen ein Leben, das für Espelkamp nicht ungewöhnlich ist: Sie sind Mennoniten.
Die beiden kamen aus der Pfalz in die kleine Stadt im Grenzgebiet zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Um näher bei ihren Kindern zu sein, aber auch, weil ihre Gemeinde in Süddeutschland in der Auflösung begriffen war und ihr Pfarrer in Espelkamp aus derselben Gemeinde kommt wie sie. Den beiden ist es wichtig, dass es da, wo sie leben, auch eine mennonitische Gemeinde gibt.
In der Wohnstube ihres gelben Häuschens hängen die hölzernen Wände voll mit Familienfotos. Neben dem Fernseher steht ein Plattenspieler. Vor den Fenstern blühen Geranien.
Alfred Wiebe sitzt auf dem Sofa und erinnert sich an sein Leben in der Pfalz: “In Süddeutschland waren wir die einzigen Mennoniten im Dorf”, sagt er. Wir galten als die Frommen.” Allerdings seien sie voll integriert gewesen, betont Wiebe. Als Tischler habe er täglich Kontakt zu den Nachbarn gehabt, baute Tische, Stühle, Theken.
In Espelkamp sei das anders, auch nach zehn Jahren und nicht nur, weil Alfred Wiebe mittlerweile in Rente ist. Zwar engagieren sich beide Wiebes ehrenamtlich - als Bürgerbusfahrer und für andere Senioren. Aber hier seien die übrigen Mennoniten eher unter sich. “Wir sind es gewohnt, auf Feste zu gehen - Schützenfeste, Bierfest, das kennen wir”, sagt Alfred Wiebe. “Da hat man direkt Anschluss. Man kann offen reden. Aber bei solchen Veranstaltungen treffen wir niemanden aus der Gemeinde.” Hannelore Wiebe spitzt es zu: “Die Russen haben keinen Kontakt mit den Einheimischen.”
Die Russen - die gibt es in Espelkamp jedoch ebenso wenig wie “die Mennoniten”. Um das zu verstehen, lohnt es sich, auf die Geschichte der Stadt zu blicken. Einige Straßen vom Haus der Wiebes entfernt erinnern Straßennamen an das, was hier vor dem Zweiten Weltkrieg war: Da ist der “Forstweg”, der Weg “Im Fuchsort” und die Straße “Am Hexenhügel”. Vor 80 Jahren stand auf dem Gebiet, auf dem die Wiebes heute leben, dichter Wald. Drumherum Bauernhöfe. 1938 wurde hier eine Munitionsfabrik gebaut. Es entstanden Häuser, Stromanschlüsse, Gleise, Straßen.
Nach Kriegsende wurden in den frisch errichteten Gebäuden Flüchtlinge untergebracht - vor allem aus ehemals deutschen Gebieten im Osten. Espelkamp wurde zur Plansiedlung für Vertriebene. In den 80er und 90er Jahren kamen viele Spätaussiedler hinzu - und mit all diesen Neuzugezogenen kamen viele Christen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, vor allem Mennoniten, die in den bestehenden Gemeinden eine Anlaufstelle fanden.
1973 wurden Espelkamp-City und umliegende Bauernschaften mit einer Gebietsreform zusammengefasst. Heute steht Bürgermeister Henning Vieker (CDU) an der Spitze dieser Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Herkünfte. Obwohl hier die meisten seit Jahrzehnten leben, spricht auch er heute noch von “Ureinwohnern”, also alteingesessenen Bauernfamilien in der Peripherie, und den “Zugezogenen” im Zentrum. Im Gespräch beschreibt er Gräben zwischen den beiden Gruppen. “Ich versuche, den ganzen Laden hier zusammenzuhalten”, beschreibt Vieker. Er beobachte, dass das Miteinander besser werde. “Manchmal herrscht aber auch eine richtige Wagenburgmentalität.”
Wilfried Jotter ist Pastor der Mennoniten-Gemeinde, die Hannelore und Alfred Wiebe besuchen. Auch er ein “Zugezogener”, allerdings nicht aus der ehemaligen Sowjetunion oder Westpreußen, sondern aus der Pfalz.
Der 58-Jährige ist seit 22 Jahren Pastor in Espelkamp. Seine Gemeinde wurde hier schon 1952 gegründet - von westpreußischen Flüchtlingen. Damals waren es rund 100 Gemeindemitglieder. Heute sind es 500. Jotter kann die Haltung derjenigen nachvollziehen, die in den umliegenden Gemeinden schlicht als “Russen” bezeichnet werden: “In der früheren Sowjetunion herrschte ein atheistischer Kommunismus”, sagt Jotter. “Gebürtige Deutsche waren dort starken Repressionen ausgesetzt, wurden zum Teil enteignet. Sie lernten, dass ihnen der Staat feindlich gesonnen ist. Da setzte man auf den Zusammenhalt in Sippen. All das sitzt tief.”
Im Wahlverhalten spiegelt sich diese Skepsis zum Teil wider. Zwar hat die AfD in NRW bei der vergangenen Landtagswahl 12 Prozent erhalten, in Espelkamp nur 11,3. Bürgermeister Vieker beobachtet jedoch in einzelnen Wahlkreisen überdurchschnittlich viel Zuspruch für die staatskritische Partei. Zur Wahl gingen in Espelkamp allerdings auch nur 46,9 Prozent der Wahlberechtigten. In ganz NRW waren es immerhin 55,5 Prozent.
Hat der freikirchliche Glaube also gar nicht so viel mit Espelkamp zu tun? Mitnichten. Nicht nur das Stadtbild wird von vielen Kirchen geprägt.
Auch der Glaube der Mennoniten unterscheidet sich von dem der überwiegend lutherisch geprägten Nachbarn. Die Mennoniten zählen zu den evangelischen Freikirchen. Ihre Überzeugungen gehen auf die Täuferbewegung der Reformationszeit zurück. Eine zentrale Regel: Getauft werden nur Menschen, die alt genug sind, um sich bewusst für diesen Glauben entscheiden zu können. Also keine Kinder. Im Gegensatz zur katholischen Kirche fehlt in den eigenständigen Gemeinden eine ausgeprägte Hierarchie: Grundsätzlich darf jeder predigen.
In ihrem täglichen Leben berufen sich Mennoniten auf die Bergpredigt Jesu, auf den darin zentralen Friedensgedanken. Aus dieser Haltung heraus verweigern Mennoniten zum Beispiel den Wehrdienst.
Alfred Wiebe erklärt seinen persönlichen Glauben so: “Wir machen unsere Entscheidungen abhängig von der heiligen Schrift. Vor schweren Entscheidungen fragen wir uns: Wie würde Jesus entscheiden?”
Sein Pastor, Wilfried Jotter, sagt: “Unser Glaube hat im Kern mit Jesus Christus zu tun. Wir wollen ihm vertrauen und nachfolgen und von ihm lernen. Die Bibel nehmen wir als Gottes Wort an.” Ansonsten unterscheide man sich gar nicht so sehr von anderen Christen. Besonders wichtig sei praktizierte Nächstenliebe. Deswegen habe die Gemeinde zum Beispiel fünf ukrainische Familien aufgenommen.
In den für viele entscheidenden Details sind die Freikirchler allerdings konservativer, als der christliche deutsche Durchschnitt: Das Amt des Gemeindeältesten üben nur Männer aus, ebenso den Predigtdienst. Eine Familie besteht für die Mennoniten aus Mann, Frau, und gegebenenfalls Kindern. Daraus folgt, so beschreibt es der Pastor: “Wer homosexuelle Neigungen hat, soll unserer Vorstellung nach versuchen, mit Gottes Hilfe enthaltsam zu leben. In Gottes Augen wäre das Ausleben der Homosexualität Sünde.” Scheidungen dagegen werden offenbar akzeptiert: Jotter sagt: “Es gibt Scheidungen, es gibt Patchworkfamilien. Alle Menschen haben Schwächen und brauchen die Gnade Gottes.”
Allerdings ist die Gemeinde des Pfälzers nicht die einzige Mennoniten-Gemeinde in Espelkamp. Und dann gibt es auch noch erhebliche Unterschiede zwischen den Freikirchen. Nicht einmal die Hälfte definiert sich als mennonitisch. Und unter den Mennoniten wiederum gibt es die Gemeinde von Pastor Jotter als eine größere Gemeinschaft, aber auch noch eine weit größere Gemeinde, die als konservativer und abgeschotteter gilt.
Dass hier nicht auch mal ein strengerer Korpsgeist herrscht, dass Familienmitglieder verstoßen werden, wenn sie sich von der Kirche lossagen, will keiner der Espelkamper in diesem Text ausschließen. Wilfried Jotter betont jedoch, dass das für seine Gemeinde - immerhin auch eine mennonitische, nicht gelte: “Das gibt es bei uns auf gar keinen Fall. Der Glaube ist eine freiwillige Angelegenheit.”
Auch die Wiebes sehen das entspannt. Ihre vier Kinder seien keine Mennoniten, sondern in unterschiedlichen evangelischen Gemeinden aktiv.
Bürgermeister Vieker betont angesichts all der Vorurteile, mit denen er sich regelmäßig von Außenstehenden konfrontiert sieht: “Es gibt hier kein Ghetto und keine Brennpunktschulen. Das hier ist immer noch eine ostwestfälische Kleinstadt.”
Der mennonitische Pastor Jotter beobachtet kontinuierliche Veränderungen in seiner Stadt: “Mit jeder neuen Generation verändert sich die Haltung der Menschen. In der dritten Generation machen mittlerweile viele Abitur und studieren. Man sieht die demokratische Freiheit hier. Die Skepsis nimmt von Generation zu Generation ab.”