Trotz Wahlversprechens  Wut und Verzweiflung – Politik besiegelt Aus für Pferdesportverein Norderland

| | 05.10.2022 13:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nur ein kleiner Teil der Vereinsmitglieder des PSV Norderland: Sie sind wütend und fühlen sich von Bürgermeister Florian Eiben getäuscht. Foto: Rebecca Kresse
Nur ein kleiner Teil der Vereinsmitglieder des PSV Norderland: Sie sind wütend und fühlen sich von Bürgermeister Florian Eiben getäuscht. Foto: Rebecca Kresse
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Der Norder Bürgermeister Florian Eiben hatte dem Verein vor der Wahl versprochen, zu helfen. Jetzt stimmt der Rat gegen Neubau eines Stalls. Der CDU-Fraktionsvorsitzende spricht von Manipulation.

Norden - Wut, Verzweiflung und maßlose Enttäuschung – die Mitglieder des Pferdesportvereins (PSV) Norderland in Bargebur wissen zum Teil gar nicht wohin mit ihren Gefühlen. Vor allem bei den Kindern sind schon viele Tränen geflossen. Grund ist die Entscheidung des Norder Stadtrates keinen neuen Stall für den Verein zu bauen. Das hatte die Politik aber zugesagt, als sie den bisherigen Stall im vergangenen Jahr abreißen ließen. Für den Verein, der mehr als 100 Kindern und Erwachsenen in Norden und jährlich Hunderten Touristen ein Zuhause gibt, bedeutet diese Entscheidung das Aus, sagte die Vereinsvorsitzende Edith Kubatzki. Sie ist vor allem von Bürgermeister Florian Eiben maßlos enttäuscht. Denn er hatte den Reitern im Wahlkampf öffentlich versprochen, dem Verein zu helfen, wenn er gewählt wird. Jetzt hat Eiben den Verein nicht einmal über die Ratsentscheidung informiert.

Für die Reitmädchen ist der Verein ihr Leben. Fast jeden Tag kommen Norder Kinder auf die Anlage in Bargebur, um dort zu reiten und sich zu treffen. Foto: Rebecca Kresse
Für die Reitmädchen ist der Verein ihr Leben. Fast jeden Tag kommen Norder Kinder auf die Anlage in Bargebur, um dort zu reiten und sich zu treffen. Foto: Rebecca Kresse

Rückblick: Bereits im Jahr 2020 drohte dem Verein das Aus. Die Reitanlage des PSV Norderland sollte zum 31. Dezember 2020 geräumt werden. Ein Gutachten hatte laut Stadt ergeben, dass sowohl der Stall als auch die Reithalle wegen Sicherheitsmängeln abgerissen werden müssen. Im Gespräch waren mobile Pferdeboxen. Letztlich wurde der Stall doch nicht sofort abgerissen. Der Verein steckte sein gesamtes Vereinsvermögen inklusive Spendengelder in den Umbau des Stalls, damit das Veterinäramt einer Weiternutzung zustimmte. All das tat der Verein aber nur aus einem Grund: „Wir haben Bürgermeister Florian Eiben und den Ratspolitikern vertraut“, sagte die Vereinsvorsitzende Edith Kubatzki. Niemals hätten sie damit gerechnet, dass sie am Ende ohne Geld und ohne Unterkunft dastehen. Doch seit dem 26. Juli 2021 ist die Anlage des PSV Norderland geschlossen. Mittlerweile sind Stall und Reithalle abgerissen. Dort wo eins das Vereinsleben stattfand, wuchert nun Unkraut.

Zur Geschichte der Reitanlage

Das Gelände und die Reitanlage befinden sich in Privatbesitz und wurden 1978 durch die Lebenshilfe gemietet. Die errichtete dort für das therapeutische Reiten eine Reithalle und Ställe. Als die Lebenshilfe in finanzielle Schieflage geriet, übernahm die Stadt Norden den Erbpachtvertrag. Der PSV Norderland wurde 2005 gegründet, als sich die Lebenshilfe zurückzog. Der benachbarte Landwirt Hinrich Kleemann, der zurzeit den PSV Norderland auf seinem Hof aufgenommen hat, hat das Gelände im gleichen Jahr von der Stadt für 25 Jahre gepachtet. Schon im Jahr 2012 wurde die Reithalle wegen baulicher Mängel am Ständerwerk von der Stadt gesperrt.

Verein ist wütend, dass er nicht informiert wurde

„Wir sind handlungsunfähig“, so Kubatzki. Der Übergangsmietvertrag für die Nutzung des Stalls und der Reitanlage auf dem benachbarten Hof Kleemann läuft in drei Jahren aus. Eine Verlängerung des Vertrags ist laut Verein nicht möglich. Vereinsmitglied Marga Spill machte ihrer Wut Luft: „Wir haben das Gefühl, wir werden verarscht“, sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Ihrer Meinung nach sei es „von Anfang an der Plan gewesen, abzureißen und Versprechungen zu machen, um uns hinzualten und uns dann vor vollendete Tatsachen zu stellen“, sagte sie. Andere Mütter und ehrenamtliche Reitlehrer pflichteten Spill bei. „Die ganzen Kinder sind Florian Eiben egal“, so der Vorwurf. Er habe sich mit Hilfe des Vereins zum Bürgermeister wählen lassen und nun hält er seine Versprechen nicht, sagen sie. Denn, so berichten es viele Vereinsmitglieder und auch Edith Kubatzki: „Wir sind vor der Wahl von Tür zu Tür in Bargebur gegangen, um für Eiben zu werben, damit wir unseren Verein erhalten können.“ Nicht ohne Grund habe Eiben bei der Stichwahl zum Bürgermeisteramt 81,52 Prozent der Stimmen aus Bargebur bekommen.

Die Vereinsvorsitzende Edith Kubatzki (vorne rechts) und Vereinsmitglied Marga Spill mit Reitkindern und -eltern vor der derzeitigen Unterkunft auf dem Hof Kleemann. Foto: Rebecca Kresse
Die Vereinsvorsitzende Edith Kubatzki (vorne rechts) und Vereinsmitglied Marga Spill mit Reitkindern und -eltern vor der derzeitigen Unterkunft auf dem Hof Kleemann. Foto: Rebecca Kresse

Neben dem gebrochenen Versprechen macht die Vereinsmitglieder und auch Vorstand Kubatzki besonders wütend, dass niemand aus der Politik oder dem Rathaus sie über den anstehenden Termin im Norder Rat informiert hat. Auch über die Entscheidung, den Stall nicht wie geplant zu bauen, haben sie aus der Zeitung erfahren. „Es ist furchtbar, dass ich die Kinder nicht selbst informieren konnte“, sagte Kubatzki. Viele hätten mit Tränen in den Augen vor ihr gestanden.

Das war mal ein Sandplatz: Auf der ursprünglichen Reitanlage wuchert mittlerweile Gras und Unkraut. Foto: Rebecca Kresse
Das war mal ein Sandplatz: Auf der ursprünglichen Reitanlage wuchert mittlerweile Gras und Unkraut. Foto: Rebecca Kresse

CDU-Mann zweifelt Zahlen der Verwaltung an

„Diesen Schuh muss ich mir auch ganz persönlich anziehen und dafür muss ich mich entschuldigen“, sagte zumindest der Fraktionsvorsitzende der CDU Hayo Wiebersiek im Gespräch mit unserer Zeitung. Er habe Edith Kubatzki informieren wollen, sei dann aber darüber hinweggekommen.

Wiebersiek hatte im jüngsten Norder Stadtrat fast als Einziger dafür gekämpft, dass der Stall doch noch gebaut werden kann. Er zweifelte die von der Verwaltung vorgelegten Kostenschätzungen der Firma Urbano an. Die hatten für den Bau mindestens 1,2 Millionen Euro prognostiziert. Eine Summe, die der CDU-Fraktionsvorsitzende bis heute anzweifelt. Zumindest ein Geschmäckle hat laut Wiebersiek, dass ausgerechnet der SPD-Ratsvorsitzende Gerd Zitting beim Planungsbüro Urbano arbeitet und die Kostenschätzung nach eigenen Aussagen wohl auch selbst bearbeitet hat.

Fraktionsvorsitzender fühlt sich manipuliert

Doch die Mehrheit im Rat glaubte der Verwaltung, befand, dass trotz Versprechens der Neubau des Stalls zu teuer sei, und stimmte nicht nur gegen den grundsätzlichen Antrag, sondern auch noch gegen den Antrag von Wiebersiek andere Gutachten zu beauftragen. Selbst den Abriss des Stalls hält Wiebersiek mittlerweile für eine falsche Entscheidung. „Wir haben das nicht alles genug hinterfragt“, sagte er. Und geht noch einen Schritt weiter: „Ich fühle mich manipuliert, was den Abriss angeht und auch heute fühle ich mich manipuliert“, sagte Wiebersiek. Das könne er natürlich nicht beweisen, aber deshalb habe er im Rat eine unabhängige Preiskalkulation gefordert.

Auf dieser Fläche standen bis zum vergangenen Jahr die Ställe des PSV Norderland. Seit dem Abriss ist die Fläche ungenutzt. Im Hintergrund ist der benachbarte Hof von Landwirt Kleemann zu sehen, auf dem die Reiter für einen Übergangszeitraum Unterschlupf gefunden haben. Foto: Rebecca Kresse
Auf dieser Fläche standen bis zum vergangenen Jahr die Ställe des PSV Norderland. Seit dem Abriss ist die Fläche ungenutzt. Im Hintergrund ist der benachbarte Hof von Landwirt Kleemann zu sehen, auf dem die Reiter für einen Übergangszeitraum Unterschlupf gefunden haben. Foto: Rebecca Kresse

Der Verein, weiß nach der Entscheidung des Rates zunächst nicht weiter. Es sei auch für die Stadt nicht absehbar, was das Aus bedeuten wird, sagte Kubatzki. Mehr als 100 Kinder und Eltern aus Norden, zum Teil aus sozial schwachen Familien, stehen dann auf der Straße. Aber nicht nur das: Der Verein ist Anlaufstelle auch für Hunderte Touristen im Jahr. „Ich finde das für Norden und die Kinder unendlich traurig. Das ist ein Ort, an dem die Kinder noch Werte lernen, wissen, worauf es ankommt. Nicht nur vor dem Smartphone sitzen. Sie machen hier die Stallarbeit mit. Das ist so ein schöner Zusammenhalt, eine Gemeinschaft. All das steht jetzt vor dem Aus“, sagte eine Mutter traurig.

Florian Eiben hat sich auch auf Anfrage unserer Zeitung bisher nicht geäußert.

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