Berlin „German Angst“: Warum sich die Deutschen so viele Sorgen machen
Hamstern aus Angst vor Corona, Sorge vor der Inflation, Panik vor der Atomkatastrophe: Deutsche haben den Ruf, besonders sorgenvoll zu sein. Psychiater Borwin Bandelow zu den Hintergründen der „German Angst“ – und warum er darin sogar „ein Erfolgsmodell im Umgang mit Krisen“ sieht.
Als die Corona-Pandemie losging, sorgten viele Deutsche vor – für den Lockdown, den Katastrophenfall, Lieferengpässe. Die Supermarktregale waren leergefegt, stattdessen stapelten sich Lebensmittel in den Vorratsschränken der Deutschen. Auf einen Lockdown waren viele vorbereitet – sinnvoll war das Hamstern von Toilettenpapier, Nudeln und Konserven allerdings nur bedingt. Denn die Sorge der Deutschen vor leeren Regalen führte überhaupt erst dazu, dass Waren knapp wurden.
Im Ausland sind die Deutschen bekannt für ihre „German Angst“ – eine übermäßige Neigung zu Sorgen und Zögerlichkeit.
Der Begriff wurde nach dem Zweiten Weltkrieg genutzt, um die Angst vor einer Wiederholung der Geschichte zu beschreiben, der frühere US-Präsident George W. Bush verwendete den Begriff dann 2001, als Gerhard Schröder eine Beteiligung am dritten Golfkrieg ablehnte. Was steckt also hinter der angeblichen deutschen Ängstlichkeit?
Der Psychiater und Experte für Angststörungen, Borwin Bandelow, sieht die Neigung zu Angst und Zögerlichkeit bei den Deutschen – allerdings nicht nur. Es sei vielmehr ein „Nord-Süd-Gefälle der Angst“. Seine Erklärung setzt viele Tausend Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg an – bei den Anfängen menschlicher Besiedlung Nordeuropas. Damals war das Leben in unseren Regionen noch sehr hart, Temperaturen lagen wie heute einen großen Teil des Jahres unter Null, Nahrungsmittel waren nicht das ganze Jahr hindurch verfügbar.
Also: Nur wer Vorsorge für den Winter traf und Lebensmittelvorräte sammelte, hatte eine Chance zu überleben. „Die Bedenkenträger, die sich auf den Winter vorbereitet haben, haben überlebt“, so Bandelow. „Die wenigen, die das nicht gemacht haben, also keine Bedenkenträger waren, sind verhungert. Solche Persönlichkeitseigenschaften werden vererbt und haben sich bis heute über den genetischen Weg fortgesetzt.“ Auch heute, 45.000 Jahre später, bestimmen diese Bedenken noch immer unser Handeln, so der Angstforscher.
Auf der anderen Seite des Nord-Süd-Gefälles seien die Menschen nicht darauf angewiesen gewesen, Vorsorge zu treffen, um zu überleben, sagt Bandelow, Nahrung wuchs das ganze Jahr über, es gab keinen harten Winter, auf den man sich vorbereiten musste. „Es hat also dort viel besser funktioniert, in den Tag hinein zu leben als hier im Norden.“
Was als Überlebenstechnik begonnen hat, zieht sich auch heute noch durch unser Verhalten. „Wenn etwas passiert, verfallen wir sehr schnell in einen Krisenmodus“, sagt Bandelow. „Das haben wir zu Beginn der Corona-Pandemie gemerkt. Wir sind im März 2020 in eine Schockstarre gefallen, mehr als in südlicheren Ländern, obwohl man dort mehr betroffen war. Allerdings treffen wir dann auch schneller Vorsorge und ergreifen Schutzmaßnahmen, die letztendlich dazu geführt haben, dass wir nicht ganz so katastrophal durch die Pandemie gekommen sind wie andere Länder.“
Zwar gingen die Bedenken manchmal zu weit und es würden Vorkehrungen getroffen, die sich im Nachhinein als übertrieben herausstellten. „Aber letzten Endes ist es ein Erfolgsmodell im Umgang mit Krisen.”
Denn Angst, so Bandelow, erfüllt einen wichtigen Zweck für alle Menschen. Im Straßenverkehr zum Beispiel bewahrt sie uns davor, überfahren zu werden, an einer Klippe davor, herunterzufallen: „Da arbeitet die Angst sehr elegant, ohne dass wir das merken.“
Er unterscheidet allerdings zwischen Sorge und Angst: Während Sorge allein im Kopf stattfindet, kann Angst körperliche Symptome auslösen, Enge in der Brust, Zittern, Schwindel oder Luftnot. Lassen diese Symptome nicht nach oder werde zum Beispiel Alkohol gegen die Angst eingesetzt, könnte eine Angststörung vorliegen.
Die folgende Grafik zeigt, welche Sorgen sich die Deutschen im Juni gemacht haben:
Während sich Sorge dauerhaft einnisten könne, sei Angst bei Menschen ohne Angststörung meist nach wenigen Wochen verschwunden. „Immer ungefähr vier Wochen nach einer Krise beruhigen sich die Leute wieder“, sagt Bandelow. „Vier Wochen nach dem Atomunglück in Fukushima war die Gefahr absolut nicht gebannt, die Gefahr war viel größer geworden. Trotzdem hat das Interesse an diesem Unglück deutlich abgenommen. Das nenne ich meine Vier-Wochen-Regel.”
Dass Angst mit der Zeit abflaut, sei eine natürliche und sogar notwendige Reaktion, sagte der Experte: Niemand könne langfristig in Angst leben. Selbst Menschen, die im Krieg leben und jederzeit von Bomben getroffen werden könnten, würden mit der Zeit abstumpfen. In vielen Situationen der steten Gefahr würden sich die Menschen irgendwann wieder den alltäglichen Freuden zuwenden: „Es ist eine gesunde Funktion von Menschen und Tieren, dass man nicht gleich die Lebensfreude verliert, weil man durch Gefahren bedroht ist.”
Statistisch nachvollziehen, wie ängstlich oder zuversichtlich Menschen sind, ist Bandelow zufolge aus genau dem Grund schwierig: Die Ergebnisse jeder Umfrage zu Ängsten und Sorgen sei massiv davon beeinflusst, was in den vier Wochen vor der Umfrage passiert sei, sie seien nur eine Momentaufnahme. Das mache es nahezu unmöglich, vergleichbare Daten zu sammeln.
Die folgende Grafik zeigt die Angst der Deutschen vor Naturkatastrophen über die vergangenen 25 Jahre:
2010, das vor allem wegen des schweren Erdbebens in Haiti als „Jahr der Naturkatastrophen“ bezeichnet wird, hat eine kurzzeitigen Anstieg der Angst verursacht, genauso die Flutkatastrophe in Westdeutschland im Sommer 2021. In beiden Fällen fiel der Prozentanteil schnell wieder ab. Das gleiche bei der obigen Grafik zu den Sorgen der Deutschen: Von Mai bis Juni 2022 hat sich der Anteil der Deutschen, die sich wegen des Ukraine-Krieges Sorgen machten, bereits um zehn Prozent verringert.
Borwin Bandelow zufolge kann man deshalb nicht belegen, dass die Deutschen allein unter der nach ihnen benannten „German Angst“ leiden oder sich deutlich mehr Sorgen machen als Menschen in anderen Ländern. Dass wir Deutschen insgesamt zu der eher zögerlichen Sorte gehören, lässt sich allerdings wohl nicht so leicht abstreiten.