Osnabrück Vor der Vergabe: Wer erhält den Literaturnobelpreis 2022?
Wer bekommt den Literaturnobelpreis 2022? Eine Autorin aus Afrika, Skandalautor Michel Houellebecq oder der jüngst attackierte Salman Rushdie? Die Entscheidung wird Debatten aufwerfen, ganz sicher. Zuletzt wurde Abdulrazak Gurnah geehrt.
Der Romacier aus Tansania war vor allem Literaturexperten ein Begriff. Zum Zeitpunkt der Verleihung des Literaturnobelpreises war keines seiner Werke in deutscher Übersetzung greifbar. Auch die Vergabe an die amerikanische Lyrikerin Louise Glück 2020 war eine faustdicke Überraschung. Louise – wer? Ihren Namen hatten auch Experten nicht auf der Rechnung, von der großen Öffentlichkeit ganz zu schweigen. Die Juroren waren spürbar darum bemüht, mit dieser Preisvergabe alles richtig zu machen – kein Wunder nach dem handfesten Skandal um die Vergabe der höchsten literarischen Auszeichnung der Welt 2019 an Peter Handke, der wegen seiner Reisetexte zu den Kriegen im damaligen Jugoslawien seit Jahrzehnten in der Kritik steht.
Debatten um den Literaturnobelpreis haben gezeigt, dass Literatur ein zentrales Medium der gesellschaftlichen Selbstverständigung ist – trotz digitaler Medien und zuletzt schwächelnder Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt. Die Auszeichnung Peter Handkes 2019 löste deshalb einen Proteststurm aus, weil das Verhältnis von Literatur und Moral zu verhandeln war. Kritiker kreideten dem österreichischen Autor an, sich während des Balkankrieges serbischen Kriegsverbrechern wie Slobodan Milosevic gemeingemacht zu haben. Gespalten reagierte die Öffentlichkeit auch auf die Auszeichnung des Songwriters Bob Dylan 2016. Was die einen für einen Akt der Befreiung vom Joch der Hochkultur hielten, kritisierten andere als Frevel an ernsthafter Literatur. Die Debatte um Dylan fand ihren thematischen Kern in der Frage nach den Grenzen von Literatur und Popkultur.
Die Debatten haben klargemacht, dass der Literaturnobelpreis immer mehr ist als die Auszeichnung einer Autorenpersönlichkeit. Die Entscheidung für eine Person wird auch als politische Richtungsentscheidung gewertet. Folgt die Preisverleihung einem Proporz der Länder oder Erdteile? Afrikanische Autoren stehen weiter ganz oben auf der Favoritenliste. Ein Name wäre der von Ngugi Wa Thiong’o aus Kenia, einem Autor, der seit Jahren stark beachtet wird und der 2019 mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet wurde. Der kenianische Romancier und Literaturwissenschaftler hat sich mit seinem unerschrockenen Kampf gegen Kolonialismus und Gewaltherrschaft auch als Menschenrechtler einen Namen gemacht.
Aus Nigeria stammt die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die mit Romanen wie „Blauer Hibiskus“ und „Americanah“ über Identität und Rassismus in der globalisierten Welt schreibt und dabei das Leben zwischen den Kulturen in den Blick nimmt. Sie trat am 22. September 2021 bei der Eröffnung des Ethnologischen Museums im Berliner Humboldt-Forum durch den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als Rednerin auf. Ein Zeichen für ihre Akzeptanz als Stimme Afrikas und seiner kulturellen Transformationen. Die Literaturexpertin Miriam Zeh hält es unter anderem für möglich, dass der Preis nach Osteuropa geht - oder aber an Salman Rushdie, der Mitte August bei einem Attentat in den USA angegriffen und schwer verletzt worden war. Beides hätte eine politische Dimension, was Zeh nicht für falsch hielte. Im Rennen ist auch der ukrainische Autor Serhij Zhadan, dem in diesem Jahr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt wurde.
Heißer Tipp für Hartgesottene: der französische Romancier Michel Houellebecq. Skandalträchtiges Enfant terrible oder nicht der legitime Nachfolger der französischen Aufklärer? Houellebecq hält den westlichen Gesellschaften radikal den Spiegel vor. In seinem Roman „Die Unterwerfung“ entwarf er das Schreckbild einer Unterwerfung Europas unter islamistische Direktiven, einer westlichen Gesellschaft, die sich ihrer Werte nicht mehr sicher ist. Zuletzt schieden sich an seinem neuen Roman „Vernichten“ wieder einmal die Geister. Auch in früheren Büchern wie „Elementarteilchen“ oder „Karte und Gebiet“ hatte der Romancier den Werteverfall einer in Sex und Konsum befangenen Gesellschaft immer wieder heftig kritisiert. Denis Scheck hat in diesem Jahr aus Frankreich eine große Favoritin auf dem Zettel: Annie Ernaux. „Sie ist der Leitstern für ganz viele Autoren, weil sie die Urmutter der Autofiktion ist.“ Die 82 Jahre alte Schriftstellerin setze sich mit bis heute in Europa bestehenden Klassenschranken und somit auch mit hochpolitischen Fragen auseinander - aber eben nicht denjenigen, von denen man auf Seite eins einer Tageszeitung lese.
Und Deutschland? Mit Peter Handke erhielt zuletzt 2019 ein deutschsprachiger Autor den Literaturnobelpreis. 2009 wurde Herta Müller ausgezeichnet, 1999 Günter Grass. Auch heute hat die deutsche Literatur Autoren zu bieten, die preiswürdig erscheinen. Da ist der Romancier Martin Walser, der seit Jahrzehnten das Genre des Zeitromans mit dem Instinkt für Themen und mit unerhörter stilistischer Brillanz auf innovative Weise interpretiert. Ein Tipp von Literaturkritiker Denis Scheck ist der Lyriker, Essayist und Zeitkritiker Hans Magnus Enzensberger. Er ist das Musterbeispiel des intellektuellen Literaten in der Nachfolge Voltaires und Heinrich Heines, ein Autor, der mit Lyrik und Medienkritik, Zeitgeistessay und Versepos einen Mix der Gattungen und Stile bedient, wie es nur Enzensberger mit seiner quecksilbrigen Intelligenz vermag. Sein Problem: Ihm fehlt das eine, allgemein populäre Werk.
Der Literaturnobelpreis befördert Autorennamen endgültig in die Höhen der Prominenz. Bestes Beispiel dafür war Günter Grass, der die Auszeichnung 1999 vollkommen zurecht erhalten hat. Mit Büchern wie „Die Blechtrommel“ oder „Der Butt“ schrieb Grass Werke der Weltliteratur. Andere Träger des Nobelpreises sind heute kaum noch im allgemeinen Bewusstsein. Wer denkt noch an Dario Fo oder Le Clezio? Lang übrigens auch die Liste großer Autoren, die den Literaturnobelpreis nicht erhalten haben, die Literatur der Moderne aber dennoch maßgeblich mit geprägt haben. Erinnert sei hier nur an Marcel Proust, dessen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Signatur einer Epoche lieferte, oder an Astrid Lindgren, die mit Büchern wie jenen von „Pippi Langstrumpf“ ganzen Lesergenerationen zu einem gelungenen, weil selbstbestimmten Leben verhalf. (Mit dpa)