Berlin  Warum sexuelle Selbstbefriedigung immer noch ein Tabuthema ist

Jakob Patzke
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Von Jakob Patzke
| 28.09.2022 11:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Egal ob Stressabbau, Langeweile oder tägliches Ritual: Es kann viele Gründe geben, warum Menschen sich sexuell befriedigen. Foto: imago images/imagebroker
Egal ob Stressabbau, Langeweile oder tägliches Ritual: Es kann viele Gründe geben, warum Menschen sich sexuell befriedigen. Foto: imago images/imagebroker
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Millionen Menschen tun es täglich und trotzdem spricht kaum jemand darüber: sexuelle Selbstbefriedigung. Das Masturbieren hilft beim Stressabbau und bei der Erfahrbarkeit des eigenen Körpers. „Frauen dürfen ruhig aufs Gaspedal treten“, sagt Sexualtherapeutin Anja Drews.

Obwohl die sexuelle Selbstbefriedigung bis heute als Tabuthema gilt, haben die Menschen schon immer masturbiert. „Könnte man doch auch den Bauch ebenso reiben, um den Hunger loszuwerden“, schrieb etwa der Philosoph Diogenes von Sinope während der griechischen Antike.

Jahrtausende später stellt sich die Frage, warum es vielen Menschen immer noch so schwer fällt darüber zu sprechen, dass sie sich regelmäßig selbstbefriedigen. „Die Tabuisierung der Selbstbefriedigung hat in erster Linie zwei Gründe: Das Körperbild des Mittelalters sowie die religiösen Vorstellungen der rigiden Protestanten des 18. und 19. Jahrhunderts“, erklärt die Hamburger Sexualtherapeutin Anja Drews. „Frei nach dem Sprichwort: ‚1000 Schuss und dann ist Schluss.‘“

Dieser Mythos besagt, dass Männer nur eine bestimmte Zahl an Spermien besitzen, die bei zu häufiger Masturbation erschöpft ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Die Selbstbefriedigung regt die Spermienproduktion an. Dies ist insbesondere bei einem Kinderwunsch von Vorteil, weil regelmäßig frische Spermien produziert werden“, so Drews.

Die Masturbation – häufig auch Solosex genannt – bringt jedoch noch weitere gesundheitliche Vorteile mit sich. Die Selbstbefriedigung sorgt beim Mann dafür, dass die Prostata durchgespült wird und die Schwellkörper trainiert werden. „Bei Frauen eignet sich die Selbstbefriedigung vor allem dazu, den eigenen Körper zu entdecken und zu erfahren“, sagt Drews. Dies gelte insbesondere für die Erfahrbarkeit des Orgasmus.

Auf psychischer Ebene kann sexuelle Selbstbefriedigung äußerst vielfältig wirken. So masturbieren viele Menschen aufgrund von Langeweile, zum Stressabbau oder einfach, um sich etwas Gutes zu tun. „Viele sehen darin auch ein Ritual, beispielsweise jeden Morgen vor dem Aufstehen“, so die Therapeutin. Allerdings könne ein zu häufiges Masturbieren durchaus ein Warnsignal sein.

Zwar gibt es keinen genauen Wert, der benennt, wie oft sich Menschen selbstbefriedigen sollten. Von zweimal im Monat bis mehrmals in der Woche gibt es individuellen Spielraum. Jedoch kann der Solosex durchaus ins Zwanghafte übergehen. „Ein Maß an zu viel Selbstbefriedigung liegt vor, wenn Menschen davon regelrecht getrieben werden“, erklärt Drews.

Grafik: Umfrage in Deutschland zum Thema Masturbation

In diesem Zusammenhang betrachtet die Sexualtherapeutin den heutigen Umgang mit pornografischen Inhalten durchaus kritisch. „Der Pornokonsum hat sich in den vergangenen Jahren nochmals verändert.“ Dadurch, dass viele Menschen im Homeoffice arbeiten, hätten sie die Möglichkeit, immer wieder eine Pause zum Masturbieren einzulegen.

„Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen durch die aktuellen gesellschaftlichen Themen – Corona, Ukraine-Krieg, Energiekrise – gestresst, weshalb sie sich in die Selbstbefriedigung beziehungsweise in die Pornografie flüchten“, so Drews.

In erster Linie seien Männer anfälliger für eine Sucht nach Pornos. Die Folgen können ein zu früher Orgasmus oder ein zu hoher Leistungsdruck beim realen Sex sein. „Viele junge Männer kommen bereits sehr früh mit Pornos in Kontakt. Oft, bevor sie das erste Mal überhaupt Sex hatten“, erklärt Drews. Als Folge würden die Männer häufig eine verzerrte Vorstellung vom Sex, zu hohe Leistungserwartung an sich selbst haben und Bilder von Macht und Unterwerfung aus den pornografischen Inhalten adaptieren.

Überhaupt gebe es bei der Selbstbefriedigung eklatante Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Anja Drews nennt hierzu ein Beispiel aus der Literatur. „Viele Frauen lesen ‚Shades Of Grey‘ und fühlen sich auf einer Handlungs- oder Beziehungsebene angesprochen. Dagegen sind Männer eher sexuell-körperlich orientiert, indem sie sich Pornos anschauen.“

Darüber hinaus würden Frauen mit dem Masturbieren deutlich später anfangen als Männer. „Bei Männern ist das primäre Geschlechtsorgan – der Penis – deutlich sichtbar, wodurch sie rasch einen Bezug zu ihrem Körper und zu dem Gefühl der Erregung herstellen.“ Dagegen würden viele Mütter ihre Töchter nicht richtig über das Thema Selbstbefriedigung aufklären. Folglich könnten viele junge Frauen ein Lustgefühl häufig nicht richtig zuordnen, so Drews.

Hinzu komme das Gerücht, dass es einen Unterschied zwischen einem vaginalen und einem klitoralen Orgasmus gebe und vor allem, dass nur der vaginale Orgasmus der „richtige“ Orgasmus sei. „Diese Ansicht hat Sigmund Freud in die Welt gesetzt und sie ist nicht zutreffend“, erläutert die Sexualtherapeutin. Jeder Orgasmus sei ein vollwertiger Orgasmus. Anstatt Frauen als defizitär zu betrachten, könne man besser den Geschlechtsverkehr auf den Prüfstand stellen.

Sie empfiehlt den Frauen daher, sich mehr auszuprobieren, beispielsweise mit einem Duschkopf, mit Sexspielzeug oder einfach nur mit der Hand. „Frauen dürfen ruhig aufs Gaspedal treten.“ Insgesamt wünscht sich Drews, dass die Menschen ihr Kopfkino wieder mehr selbst gestalten anstatt immer nur auf Pornos zurückzugreifen – zumal dies auch negative Auswirkungen auf eine Beziehung haben kann, wenn etwa der Mann keinen Sex mehr mit seiner Partnerin haben will, sich sich stattdessen jedoch mit Pornofilmen vergnügt.

Grafik: Umfrage zum Thema Selbstbefriedigung in einer Beziehung

Gleichzeitig fordert Anja Drews eine endgültige Endtabuisierung der Thematik. „Wir befinden uns immer noch in einer lustfeindlichen Gesellschaft, in der die Selbstbefriedigung weiterhin schambehaftet ist.“ Gesellschaftlich werde zwar auf das Motto „Sex sells“ gesetzt, über das Thema Sexualität selbst werde aber dennoch nicht gesprochen. Dabei würden wir alle bereits von Geburt an über Lustgefühle verfügen.

Wie sieht aber ein gesunder Umgang mit Selbstbefriedigung aus? „Natürlich können Menschen, die regelmäßig masturbieren, ein erfülltes Leben führen, wenn es ihnen damit gut geht“, so Drews. Allerdings solle nicht vergessen werden, dass zum Sex weitaus mehr gehört als der Orgasmus. „Bei der Selbstbefriedigung fehlt die körperliche Nähe, die Bestätigung, das Gefühl des Begehrens das Geben und Nehmen“, erklärt die Sexualtherapeutin. Sex bestehe aus Intimität und Berührungen – dagegen sei der reine Pornokonsum eine sehr einseitige und vor allem auch einsame Angelegenheit.

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