Hamburg Was der Harry-Potter-Übersetzer heute anders übersetzen würde
Vor 25 Jahren erschien der erste Harry-Potter-Band im Original. Der Übersetzer ins Deutsche, Klaus Fritz, erklärt im Interview, welches seine Lieblingsfigur ist und was er heute anders machen würde.
Frage: Herr Fritz, was haben Sie über „Harry Potter“ gedacht, als Sie das Original zum ersten Mal gelesen haben?
Antwort: Als ich den „Stein der Weisen“ im Herbst 1997 las, gefiel mir das Buch auf Anhieb – sonst hätte ich den Auftrag womöglich gar nicht angenommen. Bemerkenswert fand ich vor allem die Gabe J. K. Rowlings’, eine ganz eigene fantastische Welt zu erschaffen, die doch auch etwas mit unserer zu tun hat – und zugleich die Komik, die bei aller Dramatik das Werk prägt.
Frage: Haben Sie geahnt, wie erfolgreich Harry Potter werden würde?
Antwort: Ich hatte schon den Eindruck, dass es ein erfolgreiches Buch werden würde, aber die Dimension hat niemand geahnt – auch ich nicht. Die gesamte Buchbranche war ja überrascht, und es gab damals schon gewichtige Stimmen, die munkelten, das Bücherlesen sei bei jungen Menschen ohnehin ein Auslaufmodell. Harry Potter wurde ja von manchen Verlagen deshalb abgelehnt, weil das Buch zu dick sei.
Frage: Was war das Besondere beim Übersetzen von „Harry Potter“ und was hat am meisten Spaß gemacht?
Antwort: Die Geheimhaltung der Texte, die Tatsache, dass ich mit nur wenigen Leuten sprechen konnte und die knapp bemessene Zeit – das alles hatte, bei allem Stress, auch den Vorteil, dass ich jeweils für einige Monate intensiv in diese Welt eintauchte, fast darin gelebt habe. Spaß gemacht haben vor allem die oft unglaublich komischen Dialoge, und neben den Kabbeleien zwischen Harry, Ron und Hermine der recht exzentrische Auftritt von Luna Lovegood. Ich habe beim Übersetzen häufig gelacht – kein Scherz!
Frage: Und wo lagen die größten Schwierigkeiten?
Antwort: Recht schwierig sind die Übertragungen von akustischen Missverständnissen, also Verhörern. Ein Beispiel: Mr. Weasley ist begeistert von technischen Dingen in der Muggelwelt, versteht aber nicht immer die Bezeichnungen dafür. So wird etwa in der Welt des englischen Originals aus „escalator“ das neue Wort „escapator“, eine leichte Verschiebung, von der Autorin beabsichtigt mit einem komischen Effekt. Ich wollte im Deutschen sowohl eine plausible akustische Verschiebung nachbilden als auch die komische Wirkung. Nach einigen Experimenten mit dem Wort „Rolltreppen“ bin ich zu „Trolltreppen“ gelangt, einem plausiblen Verhörer in der magischen Welt. Die engere Bedeutung von „escapators“, nämlich „Fluchttreppen“ musste verschwinden, die Hauptwirkung blieb jedoch bewahrt.
Frage: Einige Namen haben Sie übersetzt, zum Beispiel Hermine, die Winkelgasse oder den Schnatz; andere nicht, etwa die meisten Figurennamen, Hogsmeade oder Hogwarts. Wie haben Sie das entschieden?
Antwort: Ich wollte die Eigennamen der Figuren englisch belassen, um die britische Atmosphäre zu wahren – allerdings die magischen Tiere, Pflanzen und Gegenstände im Deutschen neu prägen, um diesen schöpferischen Aspekt auch im Deutschen nachzubilden. Es gab Ausnahmen, etwa bei der Diagon Alley, die ich Winkelgasse taufte. Alley ist ein sogenannter falscher Freund, man denkt sofort an eine Allee, es handelt sich aber um eine Gasse.
Frage: Aufgrund des Erfolgs wurden Ihre Übersetzungen von den Fans genau unter die Lupe genommen. Wie war das für Sie?
Antwort: Natürlich freut es einen, wenn die Übersetzungen gerne gelesen werden und man mit den Leserinnen und Lesern in Kontakt kommt. Es gab viel Anerkennung und natürlich auch Kritik. Aber vernünftiges Arbeiten wird praktisch unmöglich, wenn man Wünsche von Fans berücksichtigen muss.
Frage: Sie haben die Harry-Potter-Bände übersetzt, ohne zu wissen, wie es weitergehen würde. Mit dem Wissen von heute: Würden Sie irgendetwas anders machen?
Antwort: Grundsätzlich war die Linie richtig, denke ich. Aber man macht immer die Erfahrung, dass man mit dem gedruckten Buch in der Hand sagt, dies oder jenes hätte ich anders machen können. Vielleicht würde ich heute zum Beispiel „Hermione“ nicht verändern, das war ein kleiner Bruch mit meiner Linie, die Eigennamen nicht einzudeutschen. Auch Rita Skeeter würde ich nicht mehr in Rita Kimmkorn umbenennen.
Frage: Was ist Ihr Lieblingscharakter in „Harry Potter“?
Antwort: Vielleicht Luna Lovegood. Ihre exzentrische Aura ist sogar etwas Besonderes in der ohnehin exzentrischen Welt von Harry Potter.