Hamburg  Extremistisch oder legitim: Wie radikal darf Protest sein?

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 27.09.2022 10:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sonja Manderbach gerät bei den Aktionen der „letzten Generation“ immer wieder mit der Polizei einander. Sie erklärt, warum das notwendig ist. Foto: Letzte Generation
Sonja Manderbach gerät bei den Aktionen der „letzten Generation“ immer wieder mit der Polizei einander. Sie erklärt, warum das notwendig ist. Foto: Letzte Generation
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Straßenblockaden oder Störaktionen bei Fußballspielen und in Museen: Die Aktivisten der „Letzten Generation“ wollen damit auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Wie radikal darf Protest sein? Das sagt eine Aktivistin, das sagt ein Extremismusforscher.

Für Sonja Manderbach ist klar: So kann es nicht weitergehen. Seit ihrer Jugend geht die 45-Jährige für mehr Klimaschutz auf die Straße. Seit etwa einem Jahr überschreitet sie die Grenzen des Erlaubten: Manderbach blockiert Autobahnen, wird festgenommen und verbringt Nächte in Polizeigewahrsam. „Die sanften Protestformen allein sind nicht zielführend, wenn wir die Klimakatastrophe noch verhindern wollen. Der Protest muss unignorierbar sein und dazu braucht es zivilen Widerstand gegen Zerstörung von Lebensgrundlagen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. 

Manderbach und ihre Mitstreiter von der Aktivistengruppe „Letzte Generation” blockieren nicht nur Straßen, sie kleben sich in Museen mit Sekundenkleber an Rahmen bekannter Gemälde von Rubens oder Cranach, am Wochenende stören sie Fußballspiele.

Mit ihren Aktionen wollen sie politische Entscheidungen erzwingen. Ihr Antrieb sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Klimaforschung, und die sind düster: Selbst wenn die Erderwärmung auf durchschnittlich 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden könne, könnten bis zum Jahr 2030 vier sogenannte Kipppunkte erreicht werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Gruppe von Klimaforschern.

Das Überschreiten dieser Kipppunkte könne katastrophale Folgen für alle Menschen haben, warnen die Forscher. So könnten Hitze und unbewohnbare Gegenden etwa zu Migration, sozialen Unruhen und internationalen Konflikten führen. Sonja Manderbach treibt die Verzweiflung angesichts dieser Prognosen:  „Ich habe eine 15-jährige Tochter. Ihr möchte ich eine Erde hinterlassen, auf der sie ihr Leben gestalten kann.“

Ist es angesichts dieser drohenden Katastrophe legitim, zu radikalen Maßnahmen zu greifen?

Der Regensburger Extremismusforscher Prof. Dr. Alexander Straßner verneint. „Dieser Argumentation liegt ein völlig falsches Verständnis von demokratischen Prozessen zugrunde“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Wesen einer parlamentarischen Demokratie seien Kompromisse und Diskurs. „Wenn Klimaaktivisten behaupten, dafür ist keine Zeit und sie kennen die Wahrheit ohnehin, dann sind das klare Zeichen einer Radikalisierung“, sagt er. 

Besonders bei Klimaaktivisten von Gruppen wie „Letzte Generation“, „Ende Gelände“ oder „Extinction Rebellion” sieht Straßner das Potenzial für Extremismus. „Ich kann mir vorstellen, dass Einzelne in die Illegalität gehen, um ihre Forderungen durchzusetzen - wenn nötig mit Gewalt.“

Der Klimaaktivist Tadzio Müller von „Ende Gelände” sprach in einem Interview bereits von einer „grünen RAF”, die aus der Klimabewegung hervorgehen könnte. Extremismusforscher Straßner zieht ebenfalls Parallelen zu den Terroristen der 1970er Jahre: „Die ersten RAF-Mitglieder waren wie die radikalen Klimaaktivisten heute überzeugt: Wer nicht mitzieht, den müssen wir zwingen.“ Die Geschichte der Protestbewegung habe gezeigt, dass Aktivismus immer wieder in Gewalt von Splittergruppen münde. 

Für den RAF-Vergleich erhielt Straßner Zustimmung, musste aber auch heftige Kritik einstecken. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister sagte etwa: „Ich halte derartige Vergleiche für vollständig überzogen.“ Er warf Straßner vor, Klimaaktivisten zu diskreditieren. Der Forscher allerdings bleibt bei seiner Analyse und stellt klar: „Ein Vergleich heißt nicht gleichsetzen. Sonst dürfte ich auch Demokratie nicht mit Diktatur vergleichen. Dass der Weg in die Hölle mit guten Vorsätzen, Zielen und nicht zuletzt Überzeugungen gepflastert ist, dürfte einem Vertreter der Kirche aber nur zu sehr bewusst sein.“

Er weist auf eine weitere Parallele zu RAF hin: den Generationenkonflikt. Die RAF-Mitglieder grenzten sich laut Straßner von ihrer Elterngeneration und dem Nationalsozialismus ab. Teile der Klimabewegung positionierten sich dem Experten zufolge ähnlich und machen die Vorgängergeneration für die Situation verantwortlich. Zudem seien die Älteren Schuld, dass keine politischen Lösungen gegen den Klimawandel beschlossen würden.

Wird die Klimabewegung angesichts dieser Parallelen gewalttätig werden? Noch sieht Straßner diese Entwicklung noch nicht. Es fehle an Galionsfiguren, die militante Anliegen verkörpern.

Bei der „Letzten Generation” wird in Aktionstrainings Gewaltlosigkeit gelehrt. „Wir bleiben friedlich, wir reagieren nicht mit Gegengewalt, wenn wir Gewalt abbekommen, wir setzen uns einfach hin und stören die Normalität des Alltags und das Weiterso“, sagt Manderbach. In der gesamten Bewegung sei der Konsens der Gewaltlosigkeit stark, betont die Aktivistin, schränkt allerdings ein, dass sie nicht für alle Menschen in allen Gruppen der gesamten Klimabewegung sprechen könne.

Sagen Sie uns Ihre Meinung:

Auch wenn die Aktionen gewaltlos sind, bleibt die Frage, ob die Aktivisten die Bevölkerung so überzeugen können. Sie wollen, das betont Manderbach, einen gesellschaftlichen Konsens zum Klimaschutz erreichen.  Aber werden Berufspendler, die wegen Autobahnblockaden im Stau stehen, sich für Klimaschutz einsetzen? Oder Museumsbesucher beim nächsten Mal die Bahn nehmen, weil sie ihre Co2-Bilanz aufbessern wollen?

Für Manderbach ist Überzeugung der zweite Schritt. „Wir möchten die Menschen erst einmal wachrütteln“, sagt sie und ergänzt: „Wir sind der Feueralarm, der auf die Klimakatastrophe hinweist. Wir sind überzeugt: Wenn Menschen aus ihrem Alltagstrott gerissen werden, merken sie, dass es real brennt.“ 

 

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