Hamburg  Kannibalismus im Schweinestall: So begründet der Bauer die Schockbilder

Dirk Fisser
|
Von Dirk Fisser
| 20.09.2022 21:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Aktivisten haben Videoaufnahmen aus verschiedenen Schweineställen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen veröffentlicht. Darauf zu sehen: kranke und verletzte Schweine. Foto: Sina Schuldt/dpa
Aktivisten haben Videoaufnahmen aus verschiedenen Schweineställen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen veröffentlicht. Darauf zu sehen: kranke und verletzte Schweine. Foto: Sina Schuldt/dpa
Artikel teilen:

Aktivisten haben grauenhafte Bilder veröffentlicht, die aus Schweineställen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen stammen sollen. Wieder einmal. Es geht um Kannibalismus: Schweine, die sich zum Teil gegenseitig anfressen. Die Aufnahmen sind neu. Die Probleme, die darauf zu sehen sind, sind altbekannt. Warum ändert sich nichts?

Der Tipp, dass etwas in einem Schweinestall unweit der Weser nicht in Ordnung sein könnte, erreichte den Landkreis Hameln-Pyrmont am 20. Februar. Der Hinweisgeber blieb anonym, dass es sich dabei aber um Tierrechtsaktivisten handelte, dürfte wahrscheinlich sein. Diese hatten in dem Stall heimlich gefilmt und dabei mutmaßliche Tierschutzverstöße dokumentiert.

Einen Tag später standen die staatlichen Kontrolleure im Stall. Nach Recherchen unserer Redaktion stießen sie auf kranke und verletzte Schweine, die nicht vorschriftsmäßig in sogenannten Krankenbuchten abgesondert waren. Mehr als zehn Tiere sollen in einem derart schlechten Zustand gewesen sein, dass die Behördenvertreter die Nottötung anordneten.

Was die Veterinäre zu sehen bekommen haben sollen, deckt sich mit den Videos und Fotos, die in den vergangenen Tagen von „Spiegel” und dem ZDF-Magazin „Frontal” veröffentlicht wurden: Blutig gebissene Schweine mit teils schwersten Verletzung. Kannibalismus unter Schweinen. Den Medien war das Material exklusiv von der Tierrechtsorganisation „Deutsches Tierschutzbüro” zur Verfügung gestellt worden, die sich für ein Ende der Tierhaltung allgemein einsetzt. Der Verein veröffentlichte auch selbst Aufnahmen:

Ein Teil der Aufnahmen soll aus dem Stall aus dem Kreis Hameln-Pyrmont stammen, ein weiterer Teil aus sechs weiteren Schweineställen in Nordrhein-Westfalen. Der Landkreis will sich unter Verweis auf Datenschutzgründe nicht im Detail äußern, versichert allerdings, dass notwendige Maßnahmen eingeleitet worden sein. Das Landwirtschaftsministerium in Hannover bestätigt die Nottötungen.

Der Landwirt hatte  sich bereits im „Spiegel” und „ZDF” geäußert. Er räumte demnach Probleme im Frühjahr in seinem Stall ein mit dem sogenannten Schwanzbeißen. Die Probleme seien ihm über den Kopf gewachsen. Er führte die Probleme auf den Lieferbetrieb zurück, von dem er seiner Zeit die Ferkel erhielt. Seit einem Wechsel des Zulieferers seien die Probleme vorbei.

Sein Anwalt Roman von Alvensleben betonte auf Anfrage: „Meinem Mandanten liegt das Wohl seiner Schweine sehr am Herzen.” Der Kannibalismus sei sehr kurzfristig aufgetreten, der Landwirt habe alles unternommen, es in den Griff zu kriegen. Einzelne Tiere habe er sogar obduzieren lassen. „Er hatte schlaflose Nächte”, so der Anwalt über seinen Mandanten. Es seien in dieser Phase täglich notgetötet worden aufgrund der Probleme. Eine Absonderung kranker Tiere sei nicht möglich gewesen, weil so viele Schweine betroffen gewesen seien.

Der Hof nimmt am sogenannten Ringelschwanz-Programm in Niedersachsen teil, ein Vorzeigeprojekt der dortigen Agrarpolitik. Die Betriebe bekommen Geld dafür, dass sie Schweine mit einem unversehrten Ringelschwanz aufziehen.

Genau an dem fressen sich Tiere häufig gegenseitig an, weswegen er eigentlich routinemäßig gekürzt wird. Der Kannibalismus ist eine Verhaltensstörung, offenbar begünstigt durch die Enge der Ställe, Fütterung oder Genetik der Tiere.

Im Stall in Hameln-Pyrmont eskalierte das Verhalten offenbar. Und auf dem Hochpunkt der Krise, so Anwalt von Alvensleben, klingelten die Kontrolleure des Landkreises.

Nun ermittelt die für Agrarkriminalität in Niedersachsen zuständige Staatsanwaltschaft in Oldenburg, wie ein Sprecher bestätigte. Es sei ein Gutachter damit beauftragt worden, das Videomaterial auf mögliche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zu analysieren. Dem Bauern drohen also strafrechtliche Konsequenzen, sollte sich der Verdacht bestätigen.

Die dokumentierten mutmaßlichen Missstände in seinem Stall, besonders die mutmaßlich mangelhafte Versorgung kranker Schweine, ist indes ein bekanntes Problem in der Tierhaltung. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Tierärztlichen Hochschule Hannover deckte bereits vor einigen Jahren erhebliche Defizite in der Schweinehaltung auf. 

Die Forscher hatten dazu damals Schweinekadaver in Entsorgungsbetrieben untersucht. Das Ergebnis: Ein erheblicher Anteil der Tiere musste zu Lebzeiten wegen mangelhafter Versorgung Schmerzen erlitten haben beziehungsweise schließlich notgetötet werden. Eigentlich verbietet dies das Tierschutzgesetz. Hinweise auf die Verstöße verschwanden aber mit den toten Tieren wortwörtlich in den Kadaver-Entsorgungsanlagen.

Eine groß angelegte Kontrolle der Behörden in Nordrhein-Westfalen bestätigte die Studienergebnisse. Bei der Überprüfung von 380 Ställen sei „in 59 Prozent der besuchten Betriebe mindestens ein tierschutzrelevanter Mangel“ festgestellt worden, hieß es im Abschlussbericht.

Insbesondere sei dies bei „Unterbringung, Versorgung und Separierung kranker und verletzter Schweine“ der Fall gewesen. In mehr als jedem vierten kontrollierten Betrieb hätten sogenannte Krankenbuchten, in denen kranke Schweine untergebracht werden müssen, gefehlt.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium brachte noch unter Julia Klöckner (CDU) einen Gesetzentwurf auf den Weg, um Regelungslücken zu schließen. Der Entwurf trat aber nie in Kraft. Die Ampel-Koalition hat sich des Themas bislang noch nicht angenommen. 

Die letzte behördliche Kontrolle auf dem Betrieb in Hameln-Pyrmont fand laut Landwirtschaftsministerium übrigens vor wenigen Tagen am 15. September statt. Daraufhin sei ein bereits erteilter Bewilligungsbescheid zur Auszahlung der Ringelschwanz-Prämie einkassiert worden. Mindestens 70 Prozent der Schwänze müssen intakt sein, sonst fließt kein Geld.

Konsequenzen kündigte auch der Westfleisch-Konzern aus Münster an. Die von der Veröffentlichung betroffenen Landwirte lieferten offenbar allesamt an das Unternehmen. Ein Sprecher teilte unserer Redaktion mit, das Wohl der Tiere stehe bei dem Schlachtkonzern an erster Stelle. Es würden nun kurzfristig alle Schweinehalter, die an Westfleisch liefern, kontrolliert. Auch die betroffenen Betriebe würden noch einmal durchleuchtet.

In den Schlachthöfen selbst waren bei der Anlieferung von Schweinen offenbar keine Probleme aufgefallen. Der Sprecher teilte mit: „Aufnahmen wie die aktuellen müssen endgültig der Vergangenheit angehören.“

Ähnliche Artikel