Hamburg Bio in der Krise? Wie die neue Sparsamkeit Öko-Pionieren zu schaffen macht
Welche Auswirkungen haben Ukraine-Krieg und Inflation auf die Bio-Lebensmittelbranche? Michael Radau, Chef der Kette Superbiomarkt, berichtet von einer spürbaren Kaufzurückhaltung, die auch sein Unternehmen in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht hat.
Während der Corona-Pandemie verzeichnete die Bio-Branche einen regelrechten Nachfrage-Boom. Dann überfiel Russland die Ukraine, Energiepreise schnellten in Folge des Ukraine-Krieges durch die Decke, die Inflation ist besonders im Supermarkt besonders spürbar. Wird aus dem Bio-Boom eine Bio-Krise?
Egal, wen man in der Branche fragt: Alle verneinen jene Frage. Auch Michael Radau, Chef der Biomarkt-Kette Superbiomarkt mit Sitz in Münster und Filialen vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Dabei steckt sein Unternehmen wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten gerade in einem sogenannten Schutzschirmverfahren.
Bis Ende November muss Superbiomarkt dem Amtsgericht in Münster einen Sanierungsplan vorlegen, um eine reguläre Insolvenz abzuwenden. Radau ist optimistisch, dass das gelingt. Ein Gespräch über Bio-Lebensmittel, Preis-Wettbewerb mit Bio-Produkten beim Discounter und den Geiz der Verbraucher:
Frage: Herr Radau, Ihr Unternehmen Superbiomarkt hat ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragt und erstellt gerade ein Sanierungsprogramm, das Ende November vorgelegt werden muss. Was ist passiert? Ihr Unternehmen war doch auf Expansionskurs.
Antwort: Da sind eine Reihe von Faktoren zusammengekommen. Einzeln genommen hätten wir das wohl verkraftet. Aber alles auf einmal war dann doch zu viel. Das ist schon die größte Krise in unserer Unternehmensgeschichte. Ende März war klar, dass wir handeln müssen. Deswegen der Antrag beim Amtsgericht auf das Schutzschirmverfahren.
Frage: Welche Faktoren meinen Sie?
Antwort: Der größte Faktor ist die Tatsache, dass unser Stromliefervertrag im Frühjahr ausgelaufen ist. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Durch den Neuabschluss kommen aufs Jahr gerechnet Zusatzkosten von 1,5 Millionen Euro auf uns zu. Ein weiterer Faktor sind Indexmieten für unsere Räumlichkeiten, sprich: mit der Inflation steigt auch der Mietsatz. Das sind noch einmal gut 500.000 Euro. Die Kosten sind enorm gestiegen, Umsatz und Ertrag aber nicht. Seit dem 24. Februar, dem Tag, als Russland die Ukraine überfallen hat, kommt eine spürbare Kaufzurückhaltung hinzu.
Frage: Die sich an eine Bio-Boom-Phase während der Corona-Pandemie anschließt. Haben wir jetzt eine Bio-Krise?
Antwort: Das geht mir zu weit. Wir haben eine Zurückhaltung, ja. Aber eine Bio-Systemkrise ist das nicht. Die Wirtschaftskrise erfasst alle Bereiche. Bio vielleicht früher als andere. Was ich beobachte: Die Menschen kaufen trotzdem Bio, machen das aber kostenbewusster als zuvor.
Frage: Sie meinen, Ihre Kunden wandern zu Discountern ab und kaufen das Discounter-Bio? Die werben auffällig stark derzeit mit Bio-Produkten.
Antwort: Das ist zum Teil zu beobachten. Da ist es unsere Aufgabe als Unternehmen, den Unterschied zu unseren Produkten klar zu machen. Nehmen wir die Bio-Eier: Bei uns kommen die Eier aus Betrieben mit 1000 oder 2000 Tieren und nicht aus Ställen mit 10.000 oder 20.000 Hühnern. Da steht zwar Bio drauf, aber da setze ich auf die Verbraucher, dass sie erkennen, was nachhaltiger ist.
Frage: Und gibt es auch Kunden, die Bio ganz den Rücken kehren, um zu sparen?
Antwort: Unser Unternehmen hat eine treue Stammkundschaft. Aber klar: Wir müssen sehr genau abwägen, welche Preissteigerungen wir den Kunden zumuten können. Da gibt es sicherlich Hemmschwellen, ab denen der Verbraucher dann doch eher zur konventionellen, in dem Moment, billigeren Ware greift. Wie viele Euro darf beispielsweise der Liter-Bio-Milch kosten? Da müssen wir sensibel sein. Zugleich haben natürlich auch unsere Lieferanten Kostendruck, den sie weitergeben müssen. Das ist eine schwierige Gemengelage gerade. Wir stehen dazwischen.
Diese Statista-Grafik zeigt, wie sich die Lebensmittelpreise verändert haben:
Frage: Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung steht: 30 Prozent Bio bis 2030 - auf dem Acker, aber auch im Supermarkt. Ist das Ziel jetzt schon gescheitert?
Antwort: Wenn in diesem Sommer 2022 eines klar geworden ist, dann doch, dass wir den Wandel brauchen auch in der Landwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Um eine Transformation kommen wir nicht drum herum. Und die beinhaltet auch zu hinterfragen, was eigentlich Wohlstand heißt: Drei Flugreisen im Jahr oder doch jeden Tag gutes Essen auf dem Tisch? Da werden wir zu einem Umdenken kommen. Davon bin ich überzeugt.
Frage: Sie glauben also noch an das Gute im Verbraucher?
Antwort: Wie gesagt, allein die Kaufzurückhaltung ist nicht der Grund, warum wir das Schutzschirmverfahren beantragt haben. Es kamen viele Gründe zusammen. Bis Ende November haben wir Zeit, einen Sanierungsplan vorzulegen, den das Gericht prüft. Im Zuge dessen haben wir und werden vielleicht auch noch Filialen geschlossen, die nicht rentabel zu betreiben waren. Aber ich bin sehr optimistisch, dass wir als Unternehmen gestärkt aus der Krise kommen.