Kinder lernen leicht Platt  Eine Sprache mit unzähligen Varianten

Neelke Harms
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Von Neelke Harms
| 15.09.2022 18:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Drei Geschwister zeigen am Donnerstag in Aurich Anstecker mit der Aufschrift „Ik kann Platt“ und „Ik verstah Platt“. Foto: Neelke Harms
Drei Geschwister zeigen am Donnerstag in Aurich Anstecker mit der Aufschrift „Ik kann Platt“ und „Ik verstah Platt“. Foto: Neelke Harms
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Im September dreht sich in Ostfriesland alles um Plattdeutsch – wie Kinder die Regionalsprache am einfachsten lernen.

Aurich – September ist Plattdüüstkmaant. Und das in Ostfriesland schon seit 17 Jahren immer wieder aufs Neue. In der Region kann ein Großteil der Kinder Plattdeutsch zwar verstehen, sprechen tun es aber nicht mehr ganz so viele wie früher. Das weiß Grietje Kammler. Sie ist Leiterin des Plattdeutschbüros der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. Schon seit ihrer Kindheit spricht sie Plattdeutsch. Denn in ihrer Familie gehörte das immer dazu.

Aber wie fangen Kinder am besten an, die Regionalsprache zu lernen? Vokabeln lernen braucht man nicht. „Als Erstes muss man seine Eltern und Großeltern nerven“, sagt Grietje Kammler. Viele von ihnen könnten häufig Plattdeutsch sprechen, würden es aber nicht tun. Kinder könnten sich zum Beispiel plattdeutsche Geschichten vorlesen lassen oder Lieder singen. Dazu sei Martini die perfekte Gelegenheit. Und selbst, wenn in der Familie keiner die Sprache spricht: Im Alltag kommt man fast nicht drum herum und lernt, wenn man aufmerksam ist, schon allein durch die Gespräche, die man mitbekommt.

Sprache tauchte schon im neunten Jahrhundert auf

Aber warum sollte man heute noch Plattdeutsch lernen? Grietje Kammler glaubt, dass für Kinder besonders toll ist: Wenn sie Plattdeutsch sprechen, haben sie automatisch eine Geheimsprache. Denn nicht jeder kann sie verstehen. Außerdem kann es in Ostfriesland ein großer Vorteil sein, wenn man die Regionalsprache beherrscht. Außerdem gilt wie bei allen Sprachen, auch bei Plattdeutsch: Je jünger man ist, desto einfacher ist es, die Sprache zu lernen.

Grietje Kammler, Leiterin des Plattdeutschbüros der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. Foto: Neelke Harms
Grietje Kammler, Leiterin des Plattdeutschbüros der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. Foto: Neelke Harms

Plattdeutsch hat man übrigens eigentlich schon immer gesprochen. Das älteste Textstück stammt laut der Plattdeutschbeauftragten aus dem neunten Jahrhundert und erzählt die Geschichte von Jesus. Auch wenn es sich bei der mehr als 1000 Jahre alten Schrift um Plattdeutsch handelt, bedeutet das noch lange nicht, dass jeder Ostfriese sie verstehen würde. Denn schon von Gemeinde zu Gemeinde können einige Worte ganz unterschiedlich klingen. Es gebe unzählig viele Varianten, sagt Grietje Kammler – und das nur in Ostfriesland. Sobald man in Oldenburg sei, werde eigentlich schon so ähnlich gesprochen, wie in Schleswig-Holstein.

Immer mehr Angebote in Schulen

Auch in den Schulen gibt es immer mehr regionalsprachliche Angebote. In Niedersachsen sind es mittlerweile mehr als 300. Das teilt das Niedersächsische Kultusministerium am Donnerstag mit. Demnach hält das Land seit 2020 für die Beratung und Unterstützung der engagierten Schulen 260 zusätzliche Lehrkräftestunden dauerhaft bereit. 100.000 Euro stellte es zudem 2020 für die Entwicklung von Lehr- und Lernmittel zur Verfügung.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne besuchte am Donnerstag die Ostfriesische Landschaft in Aurich. „Viele Akteure im ganzen Land und ganz besonders Schulen, Lehrkräfte und die Ostfriesische Landschaft hier vor Ort haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Bedeutung der niederdeutschen Sprachen in Niedersachsen in vielen Bereichen thematisiert und auch in Teilen - gerade hier in Ostfriesland - wieder vermehrt gesprochen wird“, wird er in der Mitteilung zitiert.

Plattdeutsch hatte einen schlechten Ruf

Früher hatte die Sprache keinen guten Ruf. „Wenn du nur Plattdeutsch kannst, wird aus dir nichts“, habe es damals geheißen, sagt Grietje Kammler. Hochdeutsch war ein Zeichen für Bildung. Das ist nun anders. Vor 23 Jahren gab es mit der sogenannten Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in Deutschland einen Wandel. Seitdem ist Plattdeutsch als eigene Sprache anerkannt.

Wenn man Grietje Kammler nach ihrem plattdeutschen Lieblingswort fragt, bekommt man gleich mehrere Antworten. Besonders witzig finden sie und ihre Kinder „Iesenbahnupunandaaldreiher“. Auf Hochdeutsch heißt das wörtlich übersetzt „Eisenbahnhochundherunterdreher“. Gemeint ist der Schrankenwärter, der die Aufgabe hat, diese zu bewegen, sobald ein Zug kommt. Für alle, die auf der Suche nach einem plattdeutschen Wort sind, hat die Ostfriesische Landschaft ein Wörterbuch erstellt. Man findet es unter platt-wb.de. Das kann auch helfen, wenn man beim Lernen mal nicht weiter weiß.

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