Tierschutz in Emden Versorgt und am Hals rasiert
Der Emder Verein Katzenfreunde Felix kastriert auf eigene Kosten verwilderte Katzen. Einige werden am Fangort wieder ausgesetzt. Vorher erhalten sie jedoch ein auffälliges Kennzeichen.
Emden - Ein leises Knarren der Wohnungstür verrät der Familie gegen Mitternacht, dass die Kätzin Luna von ihrer abendlichen Tour im Garten zurück ist. Doch es ist gar nicht die Eigene. Eine fremde Katze mit markanter Rasur läuft durch die Räume, bis sie den Futternapf von Luna entdeckt und daraus frisst – die erstaunten Menschen immer im Blick. Die machen schnell noch Fotos mit dem Handy, bevor der rasierte Fremdling wieder in die Nacht verschwindet.
Die auffällige Rasur am Hals und am Schwanz des Tieres hat einen guten Grund. Es handelt sich dabei nicht um eine Form von Tierquälerei, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern um ein Kennzeichen für kastrierte Streunerkatzen. „Verwilderte Kater und Kätzinnen werden von unserem Verein auf eigene Kosten kastriert, gechippt und mit einem Tattoo im linken Ohr versehen, im Haustierregister verzeichnet und zum Fangort zurückgebracht. Zahme werden ins Emder Tierheim gebracht oder wir suchen für sie im Notfall ein neues Zuhause“, erklärt Silvia Groeneveld. Sie ist Schriftführerin im Verein Katzenfreunde Felix, der in Emden aktiv ist. Und eben dort ist den Katzenfreuden der Streuner in die Falle gegangen, den sie Aurelio genannt haben. Aurelios Geschichte lässt sich nicht rekonstruieren. Vielleicht sind seine Menschen umgezogen und haben ihn vergessen. Oder sie haben ihn ausgesetzt. Möglicherweise hat er sich auch verlaufen. Tatsache ist, dass die Katzenfreunde ihm keinen Halter zuordnen können. Er streunte in den Gärten, bis der Verein informiert wurde und das Prozedere seinen Lauf nahm. Wenn das Tier in der Nachbarschaft nicht zugeordnet werden könne, würde man an dem Ort, wo es gesichtet wurde, Wildtierkameras aufstellen und diese beobachten, bevor eine Lebendfalle aufgestellt wird, berichtet Vereinsmitglied Irene Krieger. Seien sie sich, wie in Aurelios Fall, sicher, dass es sich um einen unkastrierten Kater handelt, füttere man das Tier an. Schnappe die Lebendfalle zu, würde man sich des Tieres schnell annehmen. Ganz wichtig, so die Tierärztin: „Die Aufnahmen der Wildtierkamera werden auf unsere Handys übermittelt, sodass wir zügig reagieren können.“
Katzenfreunde gründeten sich 2017
Nach der Untersuchung und der Kastration rasiert die Tierärztin verwilderten Katzen beider Geschlechter den Nacken und die Schwänze, weil es nicht weh tut und das Fell nachwächst. So wie bei Aurelio. Außerdem gewährleistet dies, dass die Tiere auch noch einige Wochen später als bereits gefangen und kastriert zu erkennen sind. Das tierschutzwidrige Verfahren des Ohrlochens oder Ohrspitzenabschneidens wendet der Verein nicht an.
Die Katzenfreunde Felix sind seit 2017 ein eingetragener Tierschutzverein, der sich gegründet hat, um die in Emden 2015 in Kraft getretene Katzenschutzverordnung und die Ziele des ehemaligen Arbeitskreises „Kastration, Kennzeichnung und Registrierung“ fortzuführen. Doch schon vorher war die Gruppe aktiv, denn in Emden gab es viele unkastrierte Katzen und Kater, die sich zahlreich weiter vermehrten. Einige verwilderten, wurden krank und das Elend nahm seinen Lauf. Derzeit gibt es aber weniger Streuner in Emden. Die Tierschützer, die ihre Arbeit in drei Projekte unterteilen, belegen dies mit Zahlen. Demnach haben sie 2018 in Projekt C (Kastration verwilderter Katzen beiden Geschlechts) die Kastration an 14 Tieren vorgenommen. Ein Jahr später waren es neun Katzen. 2020 wurden 30 Katzen kastriert. Die größte Fangaktion beschäftigte die Katzenfreunde von November 2019 bis März 2020 auf dem Gelände der ehemaligen Nordseewerke. „47 Katzen haben wir eingefangen, davon wurden 33 kastriert. Vier Halbstarke haben ein neues Zuhause bei einem Werftarbeiter in Schleswig-Holstein gefunden. Fünf Katzenwelpen kamen ins Emder Tierheim und eine Katze musste leider eingeschläfert werden“, zählt Groenveld auf. 2021 wurden 22 Katzen kastriert. Im laufenden Jahr wurden bis August bislang sechs verwilderte Katzen kastriert. Neben der Kastration von verwilderten Katzen gewährt der Verein Bedürftigen in Emden einen finanziellen Zuschuss für die Kastration (Projekt A) und kümmert sich um Hof- und Betriebskatzen (Projekt B). Die 20 Mitglieder bringen Katzen ferner ins Tierheim und nehmen in einem absoluten Notfall Katzen in Obhut, um sie weiterzuvermitteln.
Verordnung wurde überarbeitet
Ein weiterer Grund für die derzeit rückläufigen Zahlen in diesem Jahr ist sicherlich auch die Katzenschutzverordnung selbst, die in Emden 2021 überarbeitet wurde. Demnach sind Katzenhalter, die ihren Tieren Freigang gewähren, laut der Verordnung der Stadt Emden in der Pflicht, sie von einem Tierarzt kastrieren und chippen zu lassen sowie bei einem deutschen Heimtierregister wie Tasso und Findefix zu registrieren. „Das Registrieren ist Sache des Halters und wichtig, denn sonst hat das alles ja keinen Sinn“, betont die Tierärztin. Für Katzen unter fünf Monate gilt die Kastration nicht. Für die Zucht von Rassekatzen gibt es auf Antrag Ausnahmen. Als Katzenhalter werden darüber hinaus auch jene verstanden, die freilaufende Katzen regelmäßig füttern. Wer der Kastration nicht nachkommt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die den Angaben zufolge mit bis zu 5000 Euro Buße geahndet werden kann. Ähnlich streng sind auch die Katzenschutzverordnungen der Landkreise Aurich, Leer und Wittmund.
Das Engagement der Emder Katzenfreunde könnte eine Erfolgsgeschichte sein, wenn es da nicht das bürokratische Hin und Her in Sachen Fundtiere gebe, von denen es in der Stadt Emden und den umliegenden Landkreisen jährlich Hunderte gibt. Besonders davon betroffen sind laut den Katzenfreunde Fundkatzen. Zuständig für Fundtiere sind Städte und die Gemeinden der Landkreise. Meistens müssen Fundtiere bei den Ordnungsämtern angezeigt werden. In Emden und im Kreis Leer können die gefundenen Tiere auch ohne Anzeige direkt in einem Tierheim abgegeben werden. Die Fundanzeige wird dann durch das Tierheim erledigt, da ohne Anzeige die Kommune nicht dazu verpflichtet ist, die Kosten der Unterbringung zu tragen.
Handlungsbedarf beim Landkreis Aurich
Doch das ist laut den Katzenfreunden besonders in den Landkreisen Aurich und Wittmund schwierig: Vor allem am Wochenende, wenn die Ämter nicht besetzt sind. Finder stecken dann oft in einem Dilemma, weil sie entweder die Katze nicht versorgen können oder wollen. Würden sie das Fundtier aber wieder frei laufenlassen, könnte dieses als ein Aussetzen ausgelegt werden. „Da ist noch viel Handlungsbedarf“, findet Krieger. Sie schlägt die Überarbeitung der Homepages der Städte und Gemeinden vor. Die Infos über Fundtiere und die Formulare müssten mit wenigen Klicks auffindbar sein. Das seien sie in der Regel aber nicht. „Im Gegensatz zu den anderen Städten und Gemeinden ist in Emden das Abgeben eines Fundtieres kein Problem“, betont sie noch einmal.
Deshalb hat Aurelio Glück, denn Lunas Besitzer möchten ihm ein neues Zuhause geben und haben die gesetzlichen Regeln durchlaufen. Wenn sich sechs Monate nach offizieller Fundtiermeldung kein Halter meldet, kann Aurelio übernommen werden. Drauf hoffen die Interessenten. Einen neuen Namen haben sie auch schon für ihn: Sie werden ihn Pepe nennen.