Hamburg  Autorin Dörte Hansen spricht im Alltag plattdeutsch

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 14.09.2022 15:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Bestsellerautorin Dörte Hansen. Foto: Sven Jaax
Bestsellerautorin Dörte Hansen. Foto: Sven Jaax
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Dörte Hansens „Mittagsstunde“ kommt mit Charly Hübner in der Hauptrolle ins Kino, ihr neuer Roman erscheint in Kürze. Im Interview erzählt die Schriftstellerin über ihr Leben in der Stadt und auf dem Land und die Mühen des Schreibens.

Dörte Hansen ist ein Phänomen: Erst mit Ende 40 schrieb die Journalistin ihren ersten Roman, und obwohl „Altes Land“ ebenso wie der Nachfolger „Mittagsstunde“ in der norddeutschen Provinz spielt, begeisterte sie damit Leser in ganz Deutschland und setzte sich an die Spitze der Bestsellerlisten.

Sechs Tage, bevor ihr neuer Roman „Zur See“ veröffentlicht wird, kommt die Verfilmung von „Mittagsstunde“ mit Charly Hübner in der Hauptrolle ins Kino. In einem Hamburger Hotel sprechen wir über Kindheit auf dem Land und wie es ist, wenn die Figuren aus einem Roman plötzlich ganz andere Gesichter bekommen, als man sie beim Schreiben vor Augen hatte.

Frage: Frau Hansen, wenn Sie an einen Tag oder in ein Jahr Ihres Lebens zurückreisen könnten, wofür würden Sie sich entscheiden?

Antwort: (überlegt lange) Für einen Tag zum Geburtstag meiner Tochter. Und ich würde zurückreisen in das Jahr 1983, damals war ich als Au-pair-Mädchen in Paris. Das war mein großes Abenteuer. Manchmal frage ich mich, woher ich den Mut genommen habe, aus diesem 500-Leute-Dorf Högel nach Paris zu gehen. Aber ich wollte das unbedingt, und es war auch richtig. Heute liebe ich die Stadt immer noch und würde gern mit dem, was ich heute weiß über Paris und über mich noch mal die alten Wege gehen.

Frage: Ihr Buch „Mittagsstunde“ ist ja auch so etwas wie eine Zeitreise – in die Zeit Ihrer Kindheit. Würden Sie rückblickend sagen, dass Sie eine schöne, unbeschwerte Kindheit auf dem Dorf in Nordfriesland hatten?

Antwort: Wir hatten eine schöne Dorfkindheit, eine Aufgehobenheit in diesem Dorf. Ich habe drei jüngere Geschwister, mein Vater hatte eine Landmaschinenfirma, wir waren mitten im Dorf – das war schön, aber unbeschwert ist eine Kindheit vermutlich nie. Wenn man das sagt, hat man Dinge ausgeblendet.

Frage: Sie haben Hochdeutsch mal als Ihre erste Fremdsprache bezeichnet.

Antwort: Das war gar nicht so unüblich in unserem Dorf. Es gab ein paar Kinder, die Hochdeutsch sprachen – das war der Sohn des Lehrers und Kinder aus Familien, die glaubten, das Hochdeutsche verschaffe ihnen einen Bildungsvorsprung. Aber ansonsten war Plattdeutsch absolut die Dorfsprache. Ich habe Hochdeutsch früh gelernt, weil wir neben der Schule wohnten und mit dem Lehrersohn spielten. Aber ich musste bestimmte Dinge auf Hochdeutsch erst lernen, ich habe das Hochdeutsche üben müssen und kannte bestimmte hochdeutsche Wörter nicht. Aber es hat mich von Anfang an interessiert zu sehen, dass man Dinge auf verschiedene Arten ausdrücken kann.

Frage: Haben Sie sich das Plattdeutsche denn auch erhalten?

Antwort: Ich spreche in meinem Alltag immer noch Platt – mit meinem Mann, meiner Tochter, unseren Nachbarn. Wenn ich zu Hause bin, spreche ich 50 Prozent der Zeit Platt und ansonsten Hochdeutsch.

Frage: Aber es ist nicht so, dass Ihre Tochter nur mit Platt groß geworden ist?

Antwort: Doch, sowohl mein Mann als auch ich haben mit ihr nur Platt gesprochen. Die ersten drei Jahre haben wir ja in Hamburg-Ottensen gelebt, und da war sie weit und breit das einzige plattdeutsche Kind. Aber es gab nur einmal Schwierigkeiten, weil eine Erzieherin nicht wusste, was sie will – sie hatte nach „Wiendruven“ gefragt, also nach Weintrauben.

Frage: Waren Sie als Kind eine Kämpferin? Sie mussten ja Widerstände überwinden, um aufs Gymnasium zu dürfen.

Antwort: Ich habe mich nicht so wahrgenommen, aber ich wollte gerne zur Schule und mein ganzes Leben nie etwas anderes tun als Lesen und Schreiben. Angeblich habe ich mich auch schon vor dem Schulalter vor die Schule gesetzt und gefragt, ob ich rein darf. Manchmal durfte ich auch mit rein und malen, während die anderen Kinder im Unterricht waren.

Frage: Und später wurden Sie eins dieser „Kapuzenkinder“, die im Regen an der Haltestelle standen und auf den Schulbus warteten.

Antwort: Eine typische Fahrschülerin – das waren die Kinder aus den Dörfern, die mit dem Bus teilweise sehr lange Fahrten hatten. Während meiner ersten Jahre auf dem Gymnasium fuhr sogar überhaupt kein Bus. Da haben meine Eltern mich und meine Geschwister mit dem Auto zum Bahnhof gefahren. Irgendwann gab’s dann einen Bus, der fuhr schon um viertel nach sechs, wir waren dann um sieben an der Schule und um viertel vor acht ging der Unterricht los. Auch nachmittags gab’s nur einen Bus, deshalb sind wir damals viel getrampt.

Frage: Sie haben sich in „Altes Land“ ja über die Latte-macchiato-Mütter auf den Spielplätzen von Ottensen lustig gemacht. Waren die tatsächlich so überdreht, oder haben Sie das überspitzt?

Antwort: Ich weiß gar nicht, ob die so überdreht sind. Das war ja mein erster Roman und ein Milieu, aus dem ich wirklich ein bisschen schöpfen konnte, weil ich auch da mein Kind großgezogen hab. Ich habe also auf diesen Spielplätzen gesessen und Cappuccino getrunken. Und ich habe mich damit auch selbst auf die Schippe genommen. Das ist eben so eine Lebensphase, in der man als Mutter in der Großstadt Dinge macht wie am Spielplatz sitzen und Cappuccino trinken. Mir ist es nicht gut bekommen, ich bin dann irgendwann mit meiner Familie auch weggezogen.

Frage: Was hat Sie gestört?

Antwort: Mich hat dieser Trophäenaspekt irritiert – dass man die Kinder wie einen Pokal vor sich her trägt: Achtung, Achtung, ich bin Mutter. Und ich hatte keine Idee, wie man in der Großstadt ein Kind aufzieht.

Frage: Es war also die richtige Entscheidung, wieder zurück aufs Land zu ziehen?

Antwort: Wir haben es ja in zwei Etappen gemacht. Erst mal ins Alte Land, sodass ich in Pendeldistanz zur Stadt war, wo ich ja gearbeitet habe. Und dann, als „Altes Land“ erschienen war und ich merkte, dass ich wohl bei der Schriftstellerei bleiben werde, war die Ortsunabhängigkeit da, weil mein Mann auch Freiberufler ist. Deshalb sind wir zurück nach Nordfriesland, die Sehnsucht war immer ein bisschen da. Das war eine gute Entscheidung, solange man genug Kontakt zur Stadt hat. Wir haben immer ein Bein in Hamburg und sind oft hier.

Frage: Wonach haben Sie sich am meisten gesehnt, als Sie in der Stadt lebten?

Antwort: Nach dem Freiraum. Ich glaube, dass ich in der Stadt keinen Roman geschrieben hätte –dafür brauche ich einen freien Kopf, eine freiere Landschaft, es muss ein freigeräumteres Leben sein. Ich hätte in dieser anregenden und vibrierenden Großstadt nicht diesen Rückzugsraum in mir selbst gefunden. Um ein Buch zu schreiben, brauchte ich das Land. Ich muss viel draußen sein, gucke, wie die Jahreszeiten sich verändern, brauche die Natur und ein bisschen auch die Abgeschiedenheit.

Frage: Für viele Schriftsteller ist das Schlimmste beim Schreiben das weiße Blatt, bevor man den ersten Satz geschrieben hat.

Antwort: Und dann geht’s weiter mit dem zweiten, der ist genauso schlimm. Mir ist das Schreiben nie leicht von der Hand gegangen, auch nicht als Journalistin, da war ich immer sehr langsam. Und das bin ich jetzt auch noch. Ich schreibe sehr mühsam.

Frage: Sie haben sich selbst mal als Erbsenzählerin bezeichnet, die jede Silbe überprüft. Wie lange brauchen Sie für 300 oder 400 Seiten?

Antwort: Bei „Mittagsstunde“ könnte man sagen, dass ich eigentlich mein ganzes Leben daran geschrieben habe. Da sind Dinge eingeflossen, die ich aus der frühesten Kindheit erinnert habe, und andere aus späteren Zeiten. Die reine Schreibzeit waren dann drei Jahre, wobei es zwischendurch mal stagniert und dann wieder schneller vorangeht.

Frage: Seit dem Erfolg von „Altes Land“ gibt es den Begriff Dörte-Hansen-Wunder, den Rainer Moritz vom Hamburger Literaturhaus geprägt hat.

Antwort: Ich bin ihm sehr dankbar für diese Wortschöpfung, weil ich immer wieder gefragt wurde, wie ich mir den Erfolg erkläre. Ich kann ihn aber nicht erklären, deshalb bin ich sehr froh, wenn man sagt: Das ist halt ein Wunder, das ist nicht zu erklären. Ich staune und freu mich immer noch daran, aber ich habe aufgegeben, es erklären zu wollen.

Frage: Erfolg ist ja auch, Bücher übers Landleben in Norddeutschland zu schreiben und Leser im Süden damit zu begeistern.

Antwort: Was mich daran froh macht, ist, dass man in der Literatur immer nach dem Allgemeingültigen sucht – man will eine Saite anschlagen und hofft, dass sie bei anderen mitschwingt. Und wenn das gelingt, ist es sehr beglückend. Wenn mir in Schwaben jemand sagt „Des isch wie bei uns“, dann habe ich etwas geschrieben, das vielleicht die Essenz dieser Frage betrifft.

Frage: Ein Buch verfilmen zu lassen ist einerseits sicher ganz schön, andererseits ein bisschen, als ob man sein Baby in fremde Hände geben würde. Wie schwer ist es Ihnen gefallen zu sagen: Okay, macht einen Film aus meinem Buch?

Antwort: Es war diesmal nicht so schwer wie bei „Altes Land“, weil ich von Anfang bis Ende in den Prozess eingebunden war. Wenn man mit Lars Jessen, dem Regisseur, zusammenarbeitet, dann arbeitet man im Team. Nicht so, dass wir einen Stuhlkreis gebildet hätten – er ist schon derjenige, der die Mütze aufhat. Aber dieses Team war für mich eine ganz neue Erfahrung. Ich habe mit ihm über das Buch gesprochen und gesehen, dass er wirklich verstanden hat, was ich meine, und dass es ihn begeistert hat. Und dann sind alle Entscheidungen gemeinsam getroffen worden – vom Drehbuch bis zum Casting. Catharina Junk hat ein großartiges Drehbuch geschrieben, bei dem ich von Anfang an wusste, dass sie ein ganz tolles Gefühl für diesen Stoff hat. Gleichzeitig musste sie ganz viele Dinge neu schreiben, weil es als Film sonst nicht funktioniert hätte.

Frage: Viele Menschen, die ein Buch gelesen und sich ein eigenes Bild von dessen Figuren gemacht haben, hadern dann mit dem Film. Wie geht es Ihnen als Autorin?

Antwort: Es ist schon ein kleiner Abschied von den eigenen Bildern, wenn man sein Buch verfilmen lässt. Das geht mir als Autorin genauso wie den Lesern. Für mich wird Ingwer Feddersen jetzt wahrscheinlich immer das Gesicht von Charly Hübner haben, dabei hatte er vorher ein ganz anderes Gesicht. Es war eine große Überraschung für mich zu sehen, wie Charly Hübner trotz seiner Präsenz diesen sehr zurückgenommenen Ingwer Feddersen spielt. Das hat mich sehr beeindruckt. Dennoch bin ich froh, dass es die Verfilmung erst Jahre nach Erscheinen des Buches gibt, ich hatte meine Figuren also ganz lange für mich. Dann konnte ich sie auch abgeben und sagen: Okay, jetzt macht ihr mal und legt es fest. Es gibt jetzt ein festes Bild von Brinkebüll, das sich in vielen Punkten mit meinem Bild deckt, aber in manchen eben auch nicht.

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