Hamburg  Krise auf Werften im Norden: So viele Jobs gingen in einem Jahr verloren

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 09.09.2022 14:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Volkswerft in Stralsund, die als Teil der MV Werften Anfang 2022 insolvent ging. Foto: Stefan Sauer
Die Volkswerft in Stralsund, die als Teil der MV Werften Anfang 2022 insolvent ging. Foto: Stefan Sauer
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Einst bildeten die Werften das industrielle Rückgrat in Norddeutschland. Das ist lang her, mittlerweile kämpft die Branche mit dem Rücken zur Wand. Die Jobzahlen kennen nur eine Richtung.

Die Talfahrt des deutschen Schiffbaus hat sich nochmals dramatisch zugespitzt. Binnen eines Jahres schrumpften die Stammbelegschaften um fast ein Sechstel (2600) auf nur noch gut 14.000 – ein Tiefstand. Das ist das Ergebnis der am Freitag in Hamburg präsentierten Betriebsrätebefragung der IG Metall Küste. Die Bremer Agentur für Struktur- und Personalentwicklung mbH (AgS) hatte die Lageeinschätzung von Betriebsräten in 42 Werftbetrieben eingeholt.

Der Schiffbau hierzulande sei „in der Substanz gefährdet“, schlussfolgerte Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, und forderte eindringlich: „Wir müssen diese Abwärtsspirale so schnell wie möglich stoppen.“ Der Appell geht in erster Linie an die Adresse der Politik. Ohne massive Staatshilfe hält die Gewerkschaft eine Rettung der Branche für schwer vorstellbar.

Der Jobverlust traf Mecklenburg-Vorpommern besonders hart, wo die Zahl der Werftarbeitsplätze sich auf nur noch gut 1500 mehr als halbierte. Ursache ist die Insolvenz der MV-Werften-Gruppe mit Standorten in Stralsund, Wismar und Rostock-Warnemünde.

Auch in Hamburg gab es massive Einschnitte, ausgelöst durch die Insolvenz der Pella Sietas Werft und einen weiteren drastischen Stellenabbau bei Blohm+Voss. An dem einstigen Schiffbaustandort von Weltrang musste erneut ein Viertel der Beschäftigten gehen, in der Elbmetropole blieben insgesamt nur 1350 Stellen übrig.

In den anderen Nord-Bundesländern sank die Zahl der Arbeitsplätze ebenfalls, allerdings weniger deutlich. In Niedersachen betrug das Minus rund 4 Prozent (auf 4800 Stellen). Bei der Papenburger Meyer-Gruppe fielen rund 125 Stellen weg, der Großteil davon allerdings bei der Rostocker Tochter Neptun Werft. Am Papenburger Stammsitz, wo ursprünglich Hunderte Stellen gestrichen werden sollten, haben Unternehmensleitung und Betriebsrat die Gespräche zum Jobabbau zunächst gestoppt.

Auf den Werften in Schleswig-Holstein gingen zwei Prozent der Jobs verloren (auf 4400), in Bremen schrumpften die festen Belegschaften um 1,6 Prozent auf knapp 2000 Beschäftigte. Nimmt man die Zuliefererbetriebe sowie Werksvertrags- und Leiharbeiter hinzu, liegt die Zahl der im deutschen Schiffbau Beschäftigten noch bei 85.000, auch das ein Minus von 7000.

Laut Friedrich gehe es um mehr als die bloße Fortführung einer Tradition. „Es geht um geopolitische Handlungsfähigkeit“, mahnte er und verwies auf die Dominanz Chinas als Schiffbaunation und die zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands in dem Bereich: „Wenn Sie so wollen, ist Schiffbau kritische Infrastruktur.“

In der Not blickt die IG Metal vor allem auf die Politik, die jetzt „wichtige Weichen“ stellen müsse. Friedrich forderte Bund und Länder auf, öffentliche Aufträge für Werften zügig freizugeben, die Transformation der MV Werften finanziell zu unterstützen sowie Nachteile der Schiffbauer durch rasant gestiegene Preise für Stahl und Energie abzufedern.

Aber auch Reederei seien in der Pflicht. Diese verdienten sich derzeit „eine goldene Nase“, befand der Gewerkschafter. Ihre Aufträge sollten sie daher jetzt in Deutschland und in Europa platzieren. Die Mehrkosten könnten die Unternehmen ohne Weiteres aus ihren Übergewinnen finanzieren.

Trotz der trüben Gegenwart sieht die Gewerkschaft durchaus Zukunftsfelder für eine Erholung der Schiffbauindustrie. Dazu zählen laut IG Metall vor allem der Trend zu „grünen“, fossilfreien Schiffen, der Ausbau der Offshore-Industrie sowie den nach Corona wieder wachsenden Markt für Kreuzfahrtschiffe und Yachten.

Leise Hoffnung hegt Daniel Friedrich bei der Ansiedlung eines Herstellers von Konverterstationen für Offshore-Windparks in Rostock. Der belgische Anbieter Smulders möchte die stark nachgefragten Anlagen auf einem Teil des ehemaligen MV-Werft-Geländes in Warnemünde montieren. Das Areal gehört mittlerweile zur Bundesmarine, und noch hat das Verteidigungsministerium kein grünes Licht gegeben. Der IG-Metall-Funktionär drückt aufs Tempo: „Wir brauchen eine schnelle Entscheidung des Bundes. Es wäre ein fatales Signal, wenn diese Chance wieder an uns vorbeigeht.“

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