Reaktivierung der Bahn  Die Schiene kriegt in Aurich nicht die Kurve

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 06.09.2022 17:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Am Auricher Ortseingang enden die Schienen entlang der Emder Straße am Prellbock. Gewidmet ist die Strecke aber noch bis zur Sparkassen-Arena. Foto: Romuald Banik
Am Auricher Ortseingang enden die Schienen entlang der Emder Straße am Prellbock. Gewidmet ist die Strecke aber noch bis zur Sparkassen-Arena. Foto: Romuald Banik
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Ein Fahrgastverband und Wirtschaftsprüfer fordern die Reaktivierung der Strecke Aurich-Abelitz für den Personenverkehr. Das stößt in der Region nicht nur auf Gegenliebe.

Aurich/Hannover - Kurz vor der Landtagswahl am 9. Oktober werden die Rufe lauter, Bahnstrecken für den Personenverkehr zu reaktivieren. Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ fordert von der kommenden Landesregierung ein Sofortprogramm, um stillgelegte Bahnstrecken zu reaktivieren und neue Stationen einzurichten. Zu den Verbindungen, die innerhalb der kommenden fünf Jahre wiederbelebt werden könnten, gehört laut einer Mitteilung von „Pro Bahn“ auch die Bahnlinie Aurich-Abelitz. Denn unter den vielen Reaktivierungskandidaten befinde sich diese Strecke neben acht weiteren in einem guten Zustand und könnte mit vergleichsweise geringen Mitteln wieder nutzbar gemacht werden.

Der Verband beklagt, dass seit der vergangenen Initiative für mehr Reaktivierungen im Jahr 2015 nicht mehr viel geschehen sei in Niedersachsen. Damals wurde auch an der Verbindung Aurich-Abelitz gearbeitet. Die Pläne wurden eingestellt, als der Windradhersteller Enercon auf die Lademaßerweiterung verzichtete.

Kriterien zur Reaktivierung wurden erweitert

Im vorigen Jahr keimte Hoffnung auf bei den Bahnbefürwortern in Aurich. Seinerzeit wurden für die Beurteilung, ob eine Reaktivierung sich lohnt, zwei weitere Kriterien aufgenommen. Berücksichtigt werden muss nun die Stärkung des ländlichen Raumes sowie der Beitrag zum Klimaschutz. Dennoch muss laut „Pro Bahn“ das Tempo deutlich gesteigert werden, wenn die Verkehrswende gelingen soll.

Alte Abzweigungen von der Bahnstrecke zu früheren Betrieben am Wagenweg sind stillgelegt und endgültig abgebaut. Foto: Romuald Banik
Alte Abzweigungen von der Bahnstrecke zu früheren Betrieben am Wagenweg sind stillgelegt und endgültig abgebaut. Foto: Romuald Banik

Unterstützung kommt von den Wirtschaftsprüfern von PricewaterhouseCoopers (PWC). Sie haben in einer eigenen Studie nachgewiesen, dass von der Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken insbesondere der ländliche Raum profitieren kann. Die Erweiterung der Kriterien sei ein wichtiger Schritt, aber nicht ausreichend. Bei der Entscheidung für oder gegen die Reaktivierung einer Strecke sollten im Rahmen der Kosten-Nutzen-Analyse auf der Nutzen-Seite deutlich tiefergehende Betrachtungen erfolgen, heißt es in einer Mitteilung von PWC. So wäre eine detaillierte Untersuchung von verkehrlichen, wirtschaftlichen und raumstrukturellen Aspekten ebenso wünschenswert wie der stärkere Einbezug der positiven Auswirkungen auf Klima und Umwelt.

Kreis-Gutachten zur Bahn immer noch nicht in Auftrag gegeben

Dass das Tempo gesteigert werden muss, zeigt sich am Beispiel des Landkreises Aurich. Im vorigen Jahr hatte Landrat Olaf Meinen eine Machbarkeitsstudie für die Strecke Aurich-Abelitz angekündigt. Diese ist jedoch bisher noch nicht einmal in Auftrag gegeben worden. Es sei schwierig, geeignete Gutachterbüros zu finden, hieß es im Frühjahr. Dann wurde von der Kreisverwaltung gesagt, dass der Auftrag noch vor den Sommerferien vergeben werden soll. Ein Termin, der auch nicht gehalten werden konnte, wie Kreissprecher Rainer Müller-Gummels auf ON-Anfrage sagt. Es seien jetzt aber alle Daten von Seiten des Landkreises aufbereitet, und es habe Kontakt zu in Frage kommenden Planungsbüros gegeben. Jetzt stehe noch die Abstimmung mit der Stadt Aurich aus, die kurzfristig stattfinden solle. Danach würden dann die Büros aufgefordert, ihre Angebote abzugeben für die Erstellung der Studie.

Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ nutzt den Landtagswahlkampf. Anlass genug, die hiesigen Kandidaten nach ihrer Meinung zur Reaktivierung der Strecke Aurich-Abelitz zu fragen.

Vorschlag: Busspur statt Bahnstrecke

Wiard Siebels (SPD) ist ein großer Bahnfreund. Über den Kampf für Aurich-Abelitz sei er überhaupt zu Politik gekommen, sagte er einmal im ON-Gespräch. Er geht davon aus, dass die Strecke vor allem unter einer rot-grünen Landesregierung beste Chancen hätte. Allerdings könne er momentan nicht sagen, wie hoch die Verbindung nach Abelitz in der Priorität derzeit im Vergleich mit anderen Strecken derzeit liege. Wichtig sei auch die Machbarkeitsstudie des Landkreises als Basis für Gespräche in Hannover und Berlin. „Die Region muss die Strecke auch wollen“, so Siebels.

In Moordorf könnte an Stelle der Gleise eine Busspur entstehen. Das schlägt Detlev Krüger (Freie Wähler) vor. Foto: Romuald Banik
In Moordorf könnte an Stelle der Gleise eine Busspur entstehen. Das schlägt Detlev Krüger (Freie Wähler) vor. Foto: Romuald Banik

Ganz so einig ist sich die Region in dieser Sache nicht. Detlev Krüger (Freie Wähler) wohnt in Südbrookmerland. Er plädiert dafür, die Gleise abzubauen und stattdessen eine Busspur einzurichten, über die später auch die Rettungswagen zur neuen Zentralklinik in Uthwerdum fahren könnten. Die Busse könnten elektrisch oder mit Wasserstoff angetrieben werden, so Krüger im ON-Gespräch. Vor allem in Moordorf könnte der Bereich der Gleise genutzt werden, um den Straßenverkehr zu entzerren und so die Staus im Ort zu vermeiden. Grundsätzlich sei eine Reaktivierung von Bahnstrecken sicher sinnvoll. Das gelte aber nicht bei einer so engen Bebauung wie in Moordorf. „Ganz abgesehen davon, dass es sich bei der Verbindung nach Aurich eher um ein Abstellgleis handelt.“

Idee: Schienenbus mit Wasserstoffantrieb

Skeptisch ist auch der Auricher Kandidat Menko Bakker (FDP). Eine Reaktivierung der Strecke sei unrealistisch, da die Fahrtzeit wegen der Ortsdurchfahrt Moordorf unattraktiv werde, sagt er auf ON-Anfrage. „Für Reisende in Richtung Oldenburg ist es gänzlich die falsche Richtung.“ Die bessere Alternative für Aurich seien Fernbusse. Deren Anbieter müssten von Kommunalpolitik und Landespolitik dazu bewegt werden, Aurich als Ziel zu erkennen. Auch Direktbusse zur Bahn seien zu begrüßen. Aurich könnte Vorreiter sein, wenn beim Antrieb auf Wasserstoff gesetzt werde. „Ich möchte mich daher eher für die Förderung solcher alternativen Antriebskonzepte im ländlichen Raum einsetzen.“

Auch Saskia Buschmann (CDU) ist wenig angetan von der Bahnlinie Aurich-Abelitz. Zu teuer wäre ihrer Ansicht der notwendige Ausbau der Strecke, da unter anderem viele Bahnübergänge beseitigt werden müssten. Außerdem führe die Linie für die meisten Fahrgäste in die falsche Richtung. „So wird die Strecke nicht genutzt werden.“ Sinnvoll wäre höchstens der große Wurf: Damit meint Buschmann eine Bahnstrecke von Wilhelmshaven über Aurich nach Emden. Das aber sei teure Zukunftsmusik.

Ende Oktober 2010 lockte eine Dampf-Sonderfahrt noch Schaulustige ans Gleis in Südbrookmerland. Jetzt hält sich die Begeisterung für Personenzüge in der Gemeinde in Grenzen. Foto: Heino Hermanns
Ende Oktober 2010 lockte eine Dampf-Sonderfahrt noch Schaulustige ans Gleis in Südbrookmerland. Jetzt hält sich die Begeisterung für Personenzüge in der Gemeinde in Grenzen. Foto: Heino Hermanns

Einen Schienenbus, der zwischen Aurich und Emden verkehrt – das ist ein Projekt, für das sich Viola Czerwonka (Grüne) einsetzen möchte, sollte sie in den Landtag gewählt werden. Aurich sei eines der letzten Mittelzentren ohne Bahnanschluss, so Czerwonka. Eine Schienenbusanbindung zwischen Aurich und Emden wäre eine echte Innovation. Ein solches Fahrtzeug könnte auch mit grünem Wasserstoff betrieben werden und wäre ein ökologisches Vorzeigeprojekt. Der Große Vorteil gegenüber einem Bus wäre, dass Fahrräder mitgenommen werden könnten. So würden zwei Verkehrsmittelmiteinander kombiniert.

Vor allem von der Sparkassen-Arena als künftigem Standort des ZOB würde dieser Schienenbus starten. Laut Czerwonka würden aber auch Walle, das Gewerbegebiet Extum, West-Aurich, Sandhorst und das Gewerbegebiet Nord angebunden werden können.

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