Hamburg Schweinepest: Wirtschaft warnt vor Tierschutzkatastrophe im Emsland
Die Tiere in der Schweinepest-Sperrzone in Niedersachsen werden immer dicker, erhebliche Tierschutzprobleme werden immer wahrscheinlicher. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Aus der Wirtschaft werden die Rufe lauter: Der Staat soll einspringen und die Problem-Schweine übernehmen. Konkret: Cem Özdemir soll sich kümmern.
Es mangelte nicht an Fakten und Emotionen im Rathaus der Gemeinde Emsbüren vor einigen Tagen: „Viele wissen nicht mehr weiter. Woche für Woche steigt die Zahl überschwerer Tiere”, schilderte ein Landwirt einem Spitzenbeamten der EU-Kommission die Nöte in der Landwirtschaft: Nach dem Schweinepest-Ausbruch im Landkreis Emsland haben Bauern im Umkreis des betroffenen Betriebes erhebliche Probleme ihre vollkommen gesunden Schweine zu verkaufen. Der Beamte machte sich vor Ort ein Bild von der Lage.
Die Tiere innerhalb der Zehn-Kilometer-Sperrzone werden immer dicker, der Platz wird in den Ställen immer enger. Auch die Finanzprobleme wachsen. Einen weiteren Schweinepest-Nachweis gab es nach dem Ausbruch Anfang Juli indes nicht.
Die Hoffnung der gut 300 schweinehaltenden Bauern in der Zone: Die Kommission möge die die Fristen ein wenig verkürzen, statt Mitte Oktober vielleicht einige Wochen früher auslaufen lassen. Dann, so die Überlegung, wäre die Vermarktung der Tiere wieder leichter möglich, weil das Stigma Sperrzone entfalle.
Doch es gelang nicht, die Regelwächter aus Brüssel umzustimmen. Der Beamte reiste ab, wenig später dann die Meldung: Die Sperrzone bleibt. Und damit auch die Probleme. Mittlerweile geht es um Zehntausende Schweine, täglich werden es mehr. Kein Schlachthof will diese Zahl an Tieren töten, kein Unternehmen das Fleisch vorschriftsmäßig auf 80 Grad erhitzen und dann zu Wurst in Dosen verarbeiten. Das ist aus Seuchenschutzgründen vorgeschrieben.
Das Geschäft mit den an sich gesunden Tieren und ihrem Fleisch lohnt sich nicht und birgt Risiken: Unternehmen sorgen sich um Exportgenehmigungen in ferne Länder, sollte sich herumsprechen, dass sie Sperrzonenfleisch verarbeiten. Und ohnehin: Wer würde das kostspielig verarbeitete Fleisch überhaupt kaufen wollen? Auch der Handel stellt sich quer.
Was tun? Wirtschaft und Politik schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Bei Krisengesprächen soll mittlerweile ein rauer Ton herrschen. Zuletzt hatte der Verband der Fleischwirtschaft (VdF), in dem alle großen Schlachtkonzerne organisiert sind, vorgeschlagen, der Staat möge die Schweine übernehmen und die Schlachtung organisieren.
Sarah Dhem, Präsidentin des Bundesverbandes der Wurst- und Schinkenproduzenten (BVWS), schließt sich dem Vorschlag an. Es wäre an ihren Mitgliedsunternehmen, das Fleisch der Tiere weiterzuverarbeiten.
Sie wehrt sich gegen den Eindruck, die Wurstproduzenten weigerten sich zu helfen. “Im Kern muss das Fleisch auf 80 Grad erhitzt werden. Das können wir in unserem Betrieb beispielsweise gar nicht und viele andere auch nicht”, betont Dhem. Am Ende des Prozesses könne das Fleisch zu nicht viel mehr als zu Wiener Würstchen und gebratenen Frikadellen verarbeitet werden. „Geld wird niemand damit verdienen.”
Dass trotz der jahrelangen Vorbereitung auf einen Ausbruch der Schweinepest die Frage der Verarbeitung von Tieren aus Sperrzonen nicht geklärt wurde, bezeichnet Dhem als „einfach nicht gut. Das ist ein Versäumnis”. Nun gehe es aber darum, eine „Tierschutzkatastrophe” abzuwenden. „Der Bund muss hier einspringen”, fordert Dhem.
Sie schließt sich dem Vorschlag der Schlachtbranche an: „Der Staat muss die Schweine übernehmen und die Schlachtung organisieren. Das Fleisch könnte dann eingelagert und die Verarbeitung per Ausschreibung angestoßen werden.” Allerdings: die Politik reagiert auf diesen Vorstoß bislang nicht, setzt darauf, dass die Wirtschaft es selbst regelt.
Dhem kritisierte in diesem Zusammenhang Bundesagrarminister Cem Özdemir. „Gehört es nicht zu seinem Aufgabenprofil, das Krisengebiet zu besuchen? Er ist für die Menschen, aber auch für die Tiere bei dieser Thematik zuständig, lässt sich aber nicht blicken. Er muss sich des Problems annehmen”, so Dhem.
Das Bundesagrarministerium hatte zuletzt mitgeteilt, Tierseuchenbekämpfung sei in Deutschland Sache der Bundesländer. Aber auch der Landesregierung in Niedersachsen ist es bislang nicht gelungen, das Problem zu lösen.
Vor einigen Wochen hatte der Tönnies-Konzern angeboten, sich der Problem-Schweine anzunehmen. Der Konzern reichte einen Vorschlag ein: Er könne die zu dicken Schweine schlachten und zu Konservenfleisch weiterverarbeiten. Dafür bräuchte er aber etwa zehn Millionen Euro. Das sei ein Selbstkostenpreis, hieß es.
Das Angebot wurde nicht angenommen. Seitdem sind eine Tausend Schweine hinzugekommen, der Preis dürfte also um einiges gestiegen sein. Ob Tönnies heute noch bereit wäre, ist nicht bekannt. Die gesamte Schlachtbranche steckt aufgrund der gestiegenen Energiepreise in argen Problemen.
Und so nehmen die Schweine weiter an Gewicht zu. Drei Bauern hatten bislang Anträge auf Nottötung ihrer Tiere auf den Betrieben gestellt. Der Landkreis Emsland als zuständige Veterinärbehörde lehnte ab. Eine Nottötung könne nur das letzte Mittel sein, teilt eine Kreissprecherin mit. Derzeit gebe es auch noch keine Hinweise auf konkrete Tierschutzverstöße. Derzeit. Die Sperrzone hat noch bis zum 14. Oktober Bestand, wenn es sich die EU-Kommission nicht doch noch anders überlegt.