Hannover War es falsch, die Schulen wegen Corona zu schließen, Herr Tonne?
Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) ist zufrieden mit dem Schulstart ohne Corona-Testpflicht nach den Ferien. Der 46-Jährige schlägt im Interview aber auch selbstkritische Töne an.
Frage: Herr Minister Tonne, die Kinder und Jugendlichen in Niedersachsen gehen nach den Sommerferien seit wenigen Tagen wieder zur Schule. War es richtig, auf freiwillige statt auf verpflichtende Corona-Tests zu setzen und keine Maskenpflicht anzuordnen?
Antwort: Ja, das war eine vollkommen richtige Entscheidung. Die Rückmeldungen aus den Schulen gehen auch vorwiegend in die Richtung, dass Erleichterung darüber herrscht, weitgehend ohne größere Auflagen einen normalen Schulablauf gestalten zu können. Eines möchte ich an dieser Stelle auch nochmal ganz deutlich sagen: Die Kinder und Jugendlichen sind nicht das Problem, sondern das Problem sind nach wie vor ungeimpfte Erwachsene, obwohl wir Impfstoff in Hülle und Fülle haben. Wenn Menschen auch nach so langer Zeit immer noch entscheiden, sich nicht impfen zu lassen, dann ist das keine Legitimation dafür, das Leben von Kindern und Jugendlichen weiter einzuschränken und Verpflichtungen auf den Schulbetrieb zu legen.
Frage: Aber im Herbst/Winter ist es schon denkbar, dass Corona-Tests und das Tragen von Masken im Unterricht wieder vorgeschrieben werden?
Antwort: Ich will mich nicht an Angstmacherei beteiligen.
Frage: Es geht weniger um Angstmacherei als vielmehr um das, was erneut auf die Schülerinnen und Schüler zukommen könnte.
Antwort: Das Spekulieren bringt aber nichts. Klar ist: Die Schulen bleiben geöffnet. Das ist auch eine Lehre aus den Erfahrungen, die wir während der Coronazeit gemacht haben.
Frage: Waren die flächendeckenden Schulschließungen rückblickend also ein Fehler und in Teilen überzogen?
Antwort: Wenn ich mich so an das Jahr 2021 erinnere, hätten wir in der Tat schneller und früher bei Testungen sein können. Die haben offene Schulen ermöglicht damals. Aber der Bund hat die Tests viel später geliefert als angekündigt. Und wir haben gesehen, dass es richtig war, dass wir in Niedersachsen gegen viele Widerstände die Grundschulen offengehalten haben. Da hätten wir ruhig noch mutiger sein können und dieses Modell auch auf die jüngeren Jahrgänge an weiterführenden Schulen übertragen sollen.
Frage: Einer aktuellen Umfrage zufolge ist die große Mehrheit der Niedersachsen unzufrieden mit Ihrer Schulpolitik. Woran liegt das?
Antwort: Ein solches Feedback zu bekommen, ist natürlich unbefriedigend und wir nehmen die Ergebnisse sehr ernst. Gleichwohl sind die Ergebnisse erklärbar: Es gibt traditionell eine tief verwurzelte Unzufriedenheit mit dem Schul- und Bildungssystem. In keiner Umfrage zu diesem Thema kam die Politik jemals gut weg. Es gibt also einen festen Sockel an Kritik. Dieses negative Grundrauschen wird verstärkt durch die Belastungen der Kinder und der Eltern durch die Corona-Pandemie. Es kommt hinzu, dass die derzeitige allgemeinpolitische Lage die Sorgen und Ängste der Menschen weiter verstärkt. Das gilt insbesondere für die Sorge um die Zukunft der eigenen Kinder.
Frage: Was sollte passieren, um die Unzufriedenheit der Eltern schnell zu beheben?
Antwort: Wir müssen den Fachkraftmangel weiter eindämmen. Wir haben 12.000 Menschen mehr in den pädagogischen Berufen als zu Beginn der Legislatur. Hier müssen wir anknüpfen, weil die Decke trotz des Aufwuchses zu kurz ist. Außerdem sind viele Eltern zurecht genervt, weil die Schulbusse nicht fahren oder überfüllt sind. Das Thema muss im Verkehrsbereich prioritär behandelt werden. Zudem muss es selbstverständlich sein, dass endliche alle Schulen einen Breitbandanschluss haben. Wir haben hier nach wie vor zu viele Lücken in der Abdeckung.
Frage: Dennoch: Sollten Sie das Feld der Bildungspolitik angesichts Ihres schlechten Zeugnisses nach der Landtagswahl am 9. Oktober nicht lieber einem anderen Politiker oder einer anderen Politikerin überlassen? Julia Willie Hamburg, Bildungsexpertin und Spitzenkandidatin der Grünen im Landtag, stünde sicher bereit.
Antwort: Ich werde bis zum Wahltag meine Arbeit als Kultusminister mit ganzer Kraft fortführen. Und ich trete gern an, auch nach der Landtagswahl weiterhin Verantwortung zu übernehmen. Am Ende entscheiden darüber aber die Wählerinnen und Wähler.