Berlin Sorgen um Kita-Kinder: Überfüllte Gruppen, überlastete Erzieher
Erzieher sind ausgebrannt, Kinder erschöpft: Kindheitspädagogin Rahel Dreyer warnt, dass sich die Situation an Kitas seit der Pandemie drastisch verschlechtert hat.
Rahel Dreyer forscht als Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie an der Alice Salomon Hochschule Berlin zum Wohlbefinden von Kindern in Kitas. Wir haben mit ihr über die Lage in den Kindertagesstätten gesprochen.
Frage: Frau Dreyer, Sie untersuchen, wie es Kindern in Kitas geht. Was sagen Sie: Können Eltern ihren Nachwuchs guten Gewissens dorthin schicken?
Antwort: Kitas sind ganz wichtige Einrichtungen, in denen Grundlagen für weitere Bildungs- und Entwicklungsprozesse gelegt und Erfahrungen gesammelt werden. Allerdings mache ich mir große Sorgen.
Frage: Wieso?
Antwort: Die Fachkräfte in Kitas sind seit der Pandemie stetig über ihre Grenzen gegangen, und die neuen Herausforderungen etwa mit geflüchteten Kindern aus der Ukraine müssen oftmals mit herabgesetzten Standards umgesetzt werden.
Frage: Wo liegen die Probleme?
Antwort: Es gibt zu wenig Fachkräfte, die Gruppen sind häufig zu groß und die gesetzlich festgelegten Personalschlüssel liegen zum Teil unter den empfohlenen. All das hat Einfluss darauf, wie die Erzieherinnen Kinder begleiten und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Da gibt es einen kritischen Schwellenwert, ab dem sich Kinder schlecht entwickeln. Die Situation hat sich drastisch verschlechtert.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Wir hatten schon vor der Pandemie in einer Studie zum Wohlbefinden von Kita-Kindern im zweiten und dritten Lebensjahr festgestellt, dass 20 Prozent von ihnen Anzeichen von Anspannung, Teilnahmslosigkeit und Niedergeschlagenheit zeigten und kaum soziale Kontakte hatten. Nun sind die Belastungen nochmal gestiegen. Viele Fachkräfte sind emotional und körperlich am Ende, und auch Kinder sind erschöpft und zeigen extreme Formen von Unwohlsein. Viele Gruppen sind überfüllt, da steigt der Stresspegel für alle.
Antwort: Es ist alarmierend, dass laut einer aktuellen Kita-Studie des Paritätischen Gesamtverbandes 60 Prozent der Fachkräfte sagen, sie könnten nicht adäquat auf die Kinder eingehen. Werden deren zentrale Grundbedürfnisse aber nicht erfüllt, hat das negative Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden und ihre Entwicklung. Da sehe ich dringenden Handlungsbedarf.
Frage: Wie ist die Situation in Norddeutschland?
Antwort: Ideal wäre, wenn in der besonders vulnerablen Gruppe der unter Dreijährigen eine Fachkraft auf drei Kinder kommt. In Schleswig-Holstein sind es 3,4 Kinder, in Niedersachsen 3,5. Das ist zwar nicht ganz schlecht, aber leider ist das Verhältnis in der Praxis oft noch ungünstiger. In Mecklenburg-Vorpommern kommt sogar nur eine Fachkraft auf 5,6 Kinder – der schlechteste Wert in ganz Deutschland. Wenn man gleiche Chancen für alle Kinder haben will, muss man das angehen, und das ist leider mit dem Gute-Kita-Gesetz bislang nicht ausreichend passiert.
Frage: Warum nicht? Immerhin hat der Bund 5,5 Milliarden Euro bereitgestellt, um die Qualität an Kitas zu verbessern.
Antwort: Ja, aber viele Bundesländer haben das Geld eher für Beitragsfreiheit genutzt, als in Personal zu investieren. Ich habe nichts gegen Beitragsfreiheit, aber sie hilft nicht, die Qualität zu verbessern.
Wie viele Kinder nicht optimal betreut werden, zeigt diese Grafik. Die regionalen Unterschiede sind dabei groß.
Frage: Was würde dann helfen?
Antwort: Kurzfristig brauchen wir Mittel für Fortbildungen und Supervisionen, Material, aber auch zusätzliches professionelles Personal, etwa Honorarkräfte, Therapeuten und Sprachvermittler, die die Erzieher entlasten. Und vor allem müsste man stärker darin investieren, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten, etwa, indem man die Ausbildung vergütet, Karrieremöglichkeiten schafft, Studienmöglichkeiten ausweitet und mehr Fachkräfte mit kindheitspädagogischen Hochschulabschlüssen einstellt. Ganz wichtig sind verbindliche Standards und Qualitätssicherung.
Frage: Was raten Sie Eltern?
Antwort: Bevor sie ihr Kind in eine Kita schicken, sollten sie sich die Bedingungen vor Ort ansehen: Gibt es in der Krippengruppe nicht mehr als zwölf Kinder? Kann mein Kind den ganzen Tag mit vertrauten Menschen verbringen? Gibt es eine gemeinsame Eingewöhnungszeit? Die Bertelsmann-Stiftung hat da eine sehr gute Checkliste für Eltern erstellt.