Prozess um Totschlag  Leeraner gesteht, Mitbewohner erstochen zu haben

Neelke Harms
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Von Neelke Harms
| 30.08.2022 17:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Handschellen wurde der Leeraner am Dienstag in den Saal des Landgerichts Aurich geführt. Foto: Romuald Banik
In Handschellen wurde der Leeraner am Dienstag in den Saal des Landgerichts Aurich geführt. Foto: Romuald Banik
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Mit einer Machete tötete ein 55-Jähriger im März seinen 51-jährigen Mitbewohner. Einige Stunden zuvor amüsierten sie sich noch zusammen.

Aurich/Leer – Morgens freute er sich noch, seinen Mitbewohner wiederzusehen, am späten Abend tötete er ihn mit einer Machete. Das war im März dieses Jahres. Am Dienstag, fast genau fünf Monate später, stand der 55-jährige Leeraner wegen Totschlags vor dem Landgericht Aurich – und legte ein Geständnis ab. Doch was den dreifachen Vater zur Tat bewegt hat, konnte er nicht erklären. Eine Sprachnachricht aus der Tatnacht gibt einen Hinweis.

In einer riesigen Blutlache liegt der leblose Körper des Mitbewohners wenige Momente nach der Tat im Flur der gemeinsamen Wohnung. Sie ist auf Bildern der Polizei, die im Gerichtssaal gezeigt wurden, zu sehen. Genau 49 Zentimeter lang war die Klinge der Machete, mit der der Angeklagte seinen Mitbewohner tötete. Laut Anklage stach und schlug er ihn damit mehrmals in Kopf, Hals und Brust. Auch, als sein Opfer schon am Boden lag, soll er nicht nachgelassen haben. Ein 16 Zentimeter tiefer Schnitt in der Brustregion tötete den Mann schließlich.

Erstes Geständnis über Whatsapp

„Ich habe das erste Mal einen Menschen getötet. Was soll ich tun?“ Diese Nachricht sendete der Angeklagte um 23.48 Uhr mit einem Bild des leblosen Körpers versehen einem Freund zu. Dessen erster Tipp: Den Körper mit einer Säge zerschneiden und einfrieren. Nachdem der Leeraner die Tipps ignorierte, machte der Freund sich auf den Weg zu ihm. Aus dem Auto heraus rief er die Polizei. Nahezu zeitgleich mit dem Freund trafen auch die Beamten in dem Mehrfamilienhaus ein und nahmen den Angeklagten fest. Seit diesem Abend sitzt der Leeraner in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg.

In einer Sprachnachricht an den Freund sagt der Angeklagte: „Er wollte mich töten und dann habe ich ihn getötet.“ An das Gespräch erinnerte der 55-Jährige sich am Dienstag genauso wenig, wie daran, was ihn zu der Tat bewegt hat. „Ich habe keine Ahnung. Ich gehe davon aus, dass es aus Angst war“, sagte er.

Vertreten wird der 55-Jährige vom Rechtsanwalt Michael Schmidt. Foto: Romuald Banik
Vertreten wird der 55-Jährige vom Rechtsanwalt Michael Schmidt. Foto: Romuald Banik

Nachbarn hielten die Männer für unauffällig

Rund zwei Jahre kannten der Angeklagte und sein Opfer sich. Sie lernten sich bei der Arbeit auf Reiterhöfen kennen. Im Januar dieses Jahres zog der Leeraner dann in die Wohnung des Opfers, nachdem dieses von seiner Frau verlassen worden war. Die beiden Männer führten ein nach außen normal wirkendes Zusammenleben. Nachbarinnen, die als Zeugen aussagten, fiel nie etwas Außergewöhnliches auf. Wenn sie am Wochenende beide da waren, habe er für sie gekocht und sie hätten gemeinsam gegessen, sagte der Leeraner vor Gericht.

Und auch der Tag, an dem er seinen Mitbewohner tötete, verlief zunächst normal. Als der Leeraner am Mittag von einem Spaziergang wieder nach Hause kam, wartete sein Mitbewohner schon auf dem Balkon. Er war gerade von einer Reise in seine Heimat Polen zurückgekommen. Der Leeraner freute sich, ihn wieder zu sehen.

Trockener Alkoholiker griff zur Flasche

Schon am frühen Nachmittag hätten sie dann begonnen, Alkohol zu konsumieren, sagte der Angeklagte. Nach eigenen Angaben war er zu diesem Zeitpunkt trockener Alkoholiker. Dass er mit anderen trank, während sein Mitbewohner in Polen war, habe zu einer Diskussion zwischen den beiden geführt. „Ich hatte das Gefühl, dass er den Respekt vor mir verloren hat“, sagte der Angeklagte. Er habe sich überzeugen lassen, Alkohol zu trinken.

Im Verlauf des Abends habe sein Mitbewohner dann immer wieder mit der Armbrust des Leeraners schießen wollen. Zunächst habe er das verneint und ihn mit einem Münzspiel abgelenkt. „Wir haben uns amüsiert wie kleine Jungs“, sagte der Angeklagte. Später erlaubte er seinem Mitbewohner schließlich doch, mit der Armbrust zu schießen. Als er das Gefühl hatte, die Kontrolle über die Situation zu verlieren, habe er sie ihm jedoch wieder weggenommen und verpackt.

Kaum noch Erinnerungen

Mit dem Wegbringen der Armbrust endet größtenteils die Erinnerung des Angeklagten an den Abend. Vor Gericht sagte er, ab diesem Moment sei er stark alkoholisiert gewesen. Er könne sich nur noch an einzelne Bilder erinnern. Die beiden Männer seien im Armdrücken gegeneinander angetreten. Plötzlich habe sein Mitbewohner den Kopf des Leeraners auf den Tisch geschlagen. Im nächsten Moment, an den er sich erinnere, habe er in seinem dunklen Zimmer auf der Bettkante gesessen, während ihm Blut aus dem Mund tropfte. Sein Mitbewohner habe in der Tür gestanden und ihn mehrmals aufgefordert, herauszukommen. Die letzte Erinnerung des Angeklagten sei, dass er im Flur der Wohnung seinem Mitbewohner mit einer Machete gegenüberstand und sich damit zweimal in seine Richtung bewegt habe.

Er könne sich weder an Verletzungen noch daran, dass das Opfer zu Boden fiel, erinnern, sagte der Leeraner, auch wenn er wisse, dass er es getan habe. Die Machete, die der Angeklagte mit der Armbrust, einem Billardqueue und einem Samuraischwert am Kopfende seines Bettes lagerte, fand die Polizei später in der Badewanne. Er habe das Gerät, mit dem er seinen Mitbewohner tötete, als Werkzeug besessen und es für Gartenarbeiten benutzt, sagte der Leeraner.

Weitere Zeugen beim nächsten Termin

Der Prozess wird am Dienstag, 6. September, ab 9 Uhr am Landgericht Aurich fortgesetzt. Dann sollen der Mann, der in der Tatnacht den Notruf wählte und Polizeibeamte als Zeugen aussagen. Außerdem soll ein Mediziner über die Verletzungen des Opfers und des Täters berichten.

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