Georgsdorf  Wie in der Grafschaft Bentheim ein neues Erdgasfeld erschlossen wird

Nina Kallmeier
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Von Nina Kallmeier
| 30.08.2022 06:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ein Blick nach oben: Eine 60 Meter hohe Anlage bringt derzeit in Georgsdorf die Bohrung Z17 nieder. Aus ihr will das Unternehmen Neptune Energy künftig Erdgas fördern. Foto: Nina Kallmeier
Ein Blick nach oben: Eine 60 Meter hohe Anlage bringt derzeit in Georgsdorf die Bohrung Z17 nieder. Aus ihr will das Unternehmen Neptune Energy künftig Erdgas fördern. Foto: Nina Kallmeier
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In Kürze ist es wieder soweit: Für drei Tage wird kein Gas durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland fließen. Unterdes wird in Norddeutschland ein neues Erdgasfeld erschlossen. Was kann es leisten?

Zwischen Feldern ragt er in die Höhe, der 60 Meter hohe Bohrturm auf dem ehemaligen Torf-Verladeplatz in der niedersächsischen Gemeinde Georgsdorf (Grafschaft Bentheim). Während viele bangen Blickes auf die Ostseepipeline Nord Stream 1 schauen, durch die schon seit Wochen nur noch ein Fünftel so viel Gas fließt wie möglich wäre, erschließt das Unternehmen Neptune Energy in Norddeutschland nahe der niederländischen Grenze ein ganz neues Erdgasfeld. 

Adorf Karbon nennt es sich und ist in der jetzigen Zeit ist das etwas Besonderes, wie Unternehmenssprecher Stefan Brieske sagt: „Eigentlich geht es eher darum, den natürlichen Förderrückgang zu begrenzen.” Die Erdgasmenge aus heimischer Förderung sinken seit Jahren. Waren es zu Hochzeiten bundesweit noch mehr als 20 Milliarden Kubikmeter, die Unternehmen aus dem Boden holten, lag die Menge im vergangenen Jahr bei 5,2 Milliarden. Das war etwa das Niveau des Vorjahres und ist immerhin genug, um mehr als zwei Millionen Vier-Personen-Haushalte mit Heizung und Warmwasser zu versorgen. Etwa 97 Prozent des Gases stammen aus Niedersachsen.

Die Bohrung im Feld Adorf in Georgsdorf jedoch zielt nun darauf ab, aus einer bestehenden Lagerstätte mehr Erdgas zu gewinnen. Stattdessen erschließt sie ein komplett neues Feld weiter. Wie groß das Vorkommen ist, steht noch nicht fest. Die aktuelle Bohrung mit dem Namen Z17 ist bereits die dritte im Feld Adorf, die innerhalb von drei Jahren niedergebracht wird. In der Gemeinde Hoogstede (Grafschaft Bentheim) produzieren zwei - Z15 und Z16 - schon erfolgreich Erdgas und können rund 100.000 Haushalte pro Jahr mit Energie versorgen.

„Mit der ersten Bohrung versucht man möglichst den höchsten Punkt des Reservoirs zu treffen. Das haben wir mit der Adorf Z15 gemacht. Jede weitere Bohrung liefert neue Erkenntnisse darüber, mit wie viel Gas wir rechnen können”, so Neptune-Sprecher Brieske. Die aktuelle Bohrung Z17 ziele auf den östlichen Teil der Lagerstätte.

Eine genaue Erkenntnis über die mögliche Fördermenge - und damit auch darüber, ob es wirtschaftlich ist, das Gas aus dem Boden zu holen, wird erst ein Fördertest über mehrere Tage zeigen, nachdem die Bohrung niedergebracht ist. „In dieser Zeit muss auch zeitweise die Fackel laufen. Das Bohrloch ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht an das Pipeline-Netz angebunden“, erklärt Brieske. Aktuell werden die Leitungen verlegt.

Zwar gibt es angrenzende Lagerstätten, mit der aktuellen Bohrung Z17 will Neptune Energy jedoch „ein Stockwerk tiefer” fördern, wie Brieske es nennt. „Wir zielen auf das Karbon.” Also Gas in mehr als 3000 Metern Tiefe.

Der Bohrmeißel befindet sich derzeit bereits mehr als 2500 Meter tief im Boden und hat entsprechend sein Ziel noch nicht erreicht. „Insgesamt wird das Bohrloch eine Länge von etwa 4600 Metern haben und 3600 Meter tief sein”, erklärt Bohringenieur Lennard Schmidt auf der Anlage, die derzeit die Bohrung niederbringt. 

Dass das Loch deutlich länger als tief ist, liegt daran, dass die Bohrung unterirdisch abgelenkt wird, also in einem leichten Winkel verläuft, um die Gas führende Schicht effektiver erreichen zu können. Denn diese Schicht ist nur wenige Zehner-Meter mächtig. „Drei Grad pro 100 Meter dürfen wir nicht überschreiten. Schließlich müssen die Rohre, die ins Loch gelassen werden, die Neigung mitmachen”, sagt Schmidt.

Das Loch an der Oberfläche hat ungefähr die Größe eines Gullydeckels. „Dann wird teleskopartig nach unten gebohrt. Zuletzt hat das Bohrloch noch einen Durchmesser von knapp sechs Zoll”, erklärt Schmidt auf der Anlage. Das sind gut 15 Zentimeter. Das Rohr, das an diesem Tag am Bohrgestänge eingehängt ist, liegt in seiner Größe irgendwo dazwischen.

Ebenso die vielen Stangen, die auf der Plattform abgestellt sind.

Wo die Bohrung letztlich rauskommen muss, hat eine Seismik zuvor ermittelt. Sie zeigt den Aufbau der Bodenschichten im Untergrund. „Bis zu sechs Kilometer lässt sich so in den Untergrund schauen”, erklärt Stefan Brieske.

Anhand des Aufbaus wird auch das sogenannte Bohrprogramm erstellt - also die Art und Weise, wie gebohrt werden muss. Bodenproben alle fünf Meter zeigen an, ob die tatsächliche Beschaffenheit im Untergrund mit den Erwartungen aus der Seismik übereinstimmen. Jede dieser Proben wird archiviert, erklärt ein Geologe vor Ort.

Wahrscheinlich werden sich die Kosten für die Bohrung Z17 auf etwa 15 Millionen Euro belaufen. Investitionen, die in diesen Zeiten hoher Gaspreise gut zu tätigen sind.  „Die Verkaufspreise liegen derzeit um ein Vielfaches höher als in der Zeit der Corona-Pandemie”, sagt der Neptune-Energy-Sprecher.

Die Entscheidung, das Feld Adorf zu erschließen, hat das Unternehmen jedoch lange vor der derzeitigen Gas-Preis-Rallye getroffen. „In unserer Branche darf man nicht immer nur auf die aktuellen Preise schauen, sondern sollte den Durchschnitt der letzten fünf bis zehn Jahre im Blick haben. Die Rohstoffpreise waren in diesem Zeitraum sehr volatil.“

Und wie sie sich langfristig weiter entwickeln, ist schwer vorauszusagen.

Neptune Energy ist jedoch optimistisch, dass die Mengen aus der aktuellen Bohrung ebenso groß sein werden wie zuvor an den Bohrungen Z15 und Z16, die in den vergangenen drei Jahren abgeteuft wurden. „Und wir werden auch weiterhin in die Feldentwicklung investieren”, sagt Brieske. Auch eine vierte Bohrung - die Z18, für die ebenfalls Investitionskosten in Höhe von rund 15 Millionen Euro veranschlagt werden - ist bereits geplant. Damit könnten insgesamt mit allen vier Bohrungen möglicherweise mehr als 200.000 Haushalte versorgt werden.

Weil Neptune Energy so optimistisch ist, ist auf dem aktuellen Bohrplatz, von dem aus in der Ferne Windräder und direkt anschließend Solaranlagen zu sehen sind, bereits die Gastrocknungsanlage geplant. Ohne sie wäre das geförderte Ergas zu nass, um es ins Netz einzuspeisen. Ab Mitte 2023 soll Gas aus der Bohrung Z17 jedoch schon ins Netz fließen - wenn die Bohrung erneut fündig wird.

Für Stefan Brieske leistet die heimische Erdgasförderung einen entscheidenden Beitrag zur Energiesicherheit in Deutschland. So sieht es auch der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG). „Solange in Deutschland Erdgas und Erdöl genutzt werden, brauchen wir auch die heimische Förderung“, betonte der BVEG-Hauptgeschäftsführer Ludwig Möhring. Allerdings: Signifikate Mehrmengen sind Möhring zufolge nicht möglich - es sei denn, Fracking kommt zum Einsatz. 

Diese Debatte über Fracking in Deutschland haben die ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland nun neu entfacht. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schätzt, dass es in Deutschland bis zu 2300 Kubikmeter technisch erschließbares Erdgas aus Schiefergestein gibt. 

Könnte dies wirklich wirtschaftlich erschlossen werden - Potenzial bedeutet nicht, dass es sich um eine sichere Reserve handelt - wäre das genug, um den Gas-Bedarf in Deutschland für 25 Jahre zu decken. Die Gebiete, die die BGR als Potenzialgebiete ausweist, liegen vor allem im Niedersachsen, aber auch in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Aktuell ist diese Schiefergas-Förderung in Deutschland jedoch verboten. Und sollte die Bundesregierung doch den Schritt gehen, sie zu erlauben? „Neptune Energy hat zwar derzeit keine Projekte zur Schiefergasförderung in der Pipeline, wir freuen uns aber über eine sachliche Debatte zu diesem Thema”, so der Neptune-Sprecher Brieske.

Aber auch konventionell wird in Adorf nicht gefrackt, betont er. Fracking sei dazu da, die Lagerstätte an das Bohrloch anzuschließen und damit Fließwege zu schaffen, durch die das Gas aus dichtem Gestein entweichen kann. Im Feld Adorf sei die Durchlässigkeit des Gesteins schon gut. „Jetzt zu fracken, würde mehr kaputtmachen als es nützen würde.”

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