Rostock  „Haben die Ausschreitungen in Lichtenhagen nicht vorhergesehen”

Stefan Menzel
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Von Stefan Menzel
| 26.08.2022 08:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Max-Stefan Koslik, stellvertretender Chefredakteur von NNN und SVZ, nimmt zur Kritik an der Berichterstattung während des Lichtenhagen-Pogroms Stellung. Foto: SVZ
Max-Stefan Koslik, stellvertretender Chefredakteur von NNN und SVZ, nimmt zur Kritik an der Berichterstattung während des Lichtenhagen-Pogroms Stellung. Foto: SVZ
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Warum wurden in dieser Zeit journalistisch unverantwortlich Leserreaktionen abgedruckt oder anonyme Anrufer wiedergegeben? Der stellvertretende Chefredakteur von NNN und SVZ, Max-Stefan Koslik, spricht Klartext.

Die Kritik an lokalen Medien, das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992 ermöglicht zu haben, ist fortwährend Gegenstand von Diskussionen und der Erinnerung an die Ausschreitungen vor 30 Jahren. Haben die damaligen Journalisten der Norddeutschen Neuesten Nachrichten (NNN) und Schweriner Volkszeitung (SVZ) unverantwortlich bei der Wiedergabe von Leserreaktionen gehandelt oder die Ausschreitungen gar angeheizt? Fragen, die der damalige landespolitische Korrespondent und heutige stellvertretende Chefredakteur, Max-Stefan Koslik, NNN-Redaktionsleiter Stefan Menzel beantwortet.

Frage: Stefan, du warst 1992 landespolitischer Korrespondent der Schweriner Volkszeitung und der Norddeutschen Neuesten Nachrichten, als die Pogrome in Rostock verübt wurden. Wie hast du die Situation erlebt?

Antwort: Stefan Koslik: Ganz ehrlich, wir waren damals keine Helden an der journalistischen Front. Obwohl wir es hätten besser wissen müssen, obwohl wir Hoyerswerda im September 1991 erlebt haben, waren wir nicht auf eine solche Situation vorbereitet. Ja, wir haben unsere Reporter zur Berichterstattung nach Rostock geschickt.

Antwort: Wie auch heute hatten wir damals eine gut ausgestattete Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten in der Hansestadt. Aber wir haben nicht gesehen, was sich da für einen braune Suppe zusammenbraute. Wir haben die Rostocker Brandnächte nicht vorhergesehen. Aber wer hat das denn?

Frage: Haben die NNN und die Ostsee-Zeitung mit der Wiedergabe von Leserreaktionen beziehungsweise in Artikeln die Situation noch angeheizt? Dieser Vorwurf steht im Raum…

Antwort: Für die NNN kann ich klar antworten, die Zeitung hat das getan, was eine Zeitung tun sollte. Sie hat über die Situation in Lichtenhagen am Sonnenblumenhaus mehrfach berichtet und am 19. August auch erstmals von den Drohungen einer „Interessengemeinschaft Lichtenhagen“ geschrieben. Ein Alarmzeichen! Später wurde der Vorwurf erhoben, die Zeitungen hätten mit dieser Berichterstattung die Lage angeheizt.

Antwort: In dem Bericht unseres Redaktionsleiters in Rostock hat der damalige Rostocker Innensenator zur überfüllten Aufnahmestelle für Asylbewerber vor dem Sonnenblumenhaus gesagt: „Wenn wir weitere Unterkünfte zur Verfügung stellen, kommen noch mehr Asylsuchende. Das zeigt die Erfahrung.“ Also wurden die Plätze knapp gehalten. Und die Menschen pinkelten in die Rabatten. Wer hat die Situation da angeheizt? Der Rostocker OB war trotz der sich zuspitzenden Lage in der Woche vor den Brandnächten im Urlaub. Hinterher warf er den Zeitungen eine Mitverantwortung vor. 

Frage: Noch mal anders gefragt: Warum wurden in dieser Zeit journalistisch unverantwortlich Leserreaktionen abgedruckt oder anonyme Anrufer wiedergegeben?

Antwort: Es wurden Leserreaktionen erfragt und abgebildet. Aber in keiner Sekunde unverantwortlich. In den Redaktionen wurde hart darum gerungen, was geht und was nicht geht. Mehr denn je waren unsere Journalisten von dem Gedanken beseelt: Sagen, was ist. Und wie gesagt, uneingeordnet blieb da schon gar nichts.

Frage: Wie haben die Jahrzehnte unter DDR-Zensur und als Parteizeitungen bei SVZ und NNN das Wiedergeben extremer Meinungen und rassistischer Vorurteile nach der Wende beeinflusst?

Antwort: Das ist eine steile These nach dem Motto, so ist er, der Ossi, und grenzt selbst an Rassismus. Die Überdeutung von Ost-Befindlichkeiten durch Menschen, die den Osten nur vom Hörensagen kennen, hängt hier allen zum Halse raus.

Antwort: Viele der Journalisten, die nach 1990 in den Regionalzeitungen im Osten noch schrieben und berichteten, haben die friedliche Revolution von 1989 mitgetragen und oftmals vorangetrieben. Der Binnenpluralismus in den Redaktionen war durch die Wende im Osten ausgeprägter als in mancher Redaktion der alten Länder. Aber das heißt nicht, dass extremen Meinungen Vorschub geleistet wurde.

Frage: Wie siehst du eure Berichterstattung heute?

Antwort: Wie gesagt, wir haben viel zu spät realisiert, was da passierte, wie Rostock zum Zentrum eines Pogroms mit bundesweiter Beteiligung wurde. Wir haben wochenlang über den Asylstreit in der Bundespolitik geschrieben, wir berichteten über den Streit zwischen der Landesregierung und Rostock als größter Stadt um die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber.

Antwort: Als die Exzesse in Lichtenhagen losbrachen, waren wir vor Ort. Wir haben täglich informiert, haben mit einer umfänglichen Berichterstattung die Situation dokumentiert, kommentiert und Ursachenforschung betrieben. Dass es schon eine Woche nach den ersten Brandnächten zu einem Untersuchungsausschuss im Schweriner Landtag kam, das war auch ein Erfolg der Medien. Wir haben damals von einem „8-Tage-Krieg“ geschrieben. Und das war es auch.

Frage: Und wer waren die Kriegstreiber?

Antwort: Die Randale und ausländerfeindlichen Krawalle gingen ganz klar von Rechtsextremen, von Neonazis aus, die mit Hitlergruß vor dem Sonnenblumenhaus standen. Darunter auch Chaoten, aber eben auch Bürger und Anwohner, die aufgrund der unhaltbaren Zustände mitliefen und schließlich mittaten.

Antwort: Die Polizei war hoffnungslos überfordert. Mein verstorbener Kollege Knut Degner, der damals Sprecher der SPD im Landtag war, schrieb in einem sehr emotionalen Artikel in der SVZ am 31. August „Rostocker Randale von Politikern provoziert“. Er verlor daraufhin seinen Job in der Politik und wurde Journalist. Die „Das-Boot-ist-voll“-Politik in Bonn und Schwerin und im Rostocker Rathaus hat die Zuspitzung bis zu den Rostocker Brandnächten wenn schon nicht verantwortet, dann zumindest in Kauf genommen.

Frage: Kann das heute wieder vorkommen?

Antwort: Solche rechtsextremen Exzesse halte ich heute nicht mehr für möglich. Aber ich halte es für möglich, dass sich Bürger von der Politik abwenden, wenn sich die Politik von den Bürgern abwendet, siehe Corona, siehe Energiekrise. Der Herbst wird zeigen, was heute möglich ist. Und Proteste sind ja ein verfassungskonformes Mittel, solange sie friedlich sind. Damals war es weder friedlich noch gegen die Politik gerichtet. Es war ein Aufruf zur Gewalt gegen Menschen, gegen Schutzsuchende.

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