Osnabrück  Streit um “Winnetou”: Mit der Silberbüchse ins Knie geschossen

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 25.08.2022 11:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Bücher zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ sorgen für reichlich Ärger. Foto: dpa/Leonine
Die Bücher zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ sorgen für reichlich Ärger. Foto: dpa/Leonine
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Im Rassismus-Streit um die zurückgezogenen „Winnetou“-Bücher des Ravensburger Verlages sieht unser Autor die Grundwerte der Liberalität und der Aufklärung verletzt.

Jedes Mal, wenn eine Woke-Debatte durch Deutschland flutet, möchte man meinen, dass die Gesellschaft erschrocken erkennt: So geht es nicht weiter. Im Namen einer angeblichen Modernität, im Namen einer vermeintlichen Rücksicht werden Grundwerte der Liberalität und der Aufklärung verletzt. Solche Debatten gab es in letzter Zeit einige:

Dann aber, oft nur wenige Wochen später, knickt wieder irgendwo irgendjemand ein vor Argumenten, die gerne kurz bedacht werden sollten. Es kann ja etwas dran sein. In der Regel aber handelt es sich um Empfindlichkeiten oder Wichtigtuerei, oder es werden beliebige Umstände schlicht instrumentalisiert. Dann sind gar nicht wirklich bestimmte Begriffe oder Frisuren das Thema. Es geht stattdessen um einen Machtkampf gesellschaftlicher Gruppen.

Diese Woche traf es den Apachen-Häuptling Winnetou. Weil eine relevante Anzahl kritischer Rückmeldungen einging, nahm der Verlag Ravensburger zwei Kinderbücher vom Markt, die einen neuen Film flankieren sollten.

Warum genau, wurde gar nicht klar. Es genügte der allgemein gehaltene Vorwurf, dass das Indianertum romantisiert und das Leid der nordamerikanischen Ureinwohner verharmlost werde.

Ich halte das für einigermaßen unterkomplex. Wer Karl May gelesen hat, weiß: Der Völkermord-Aspekt ist ein zentrales Thema seiner Bücher. Er wird gerade nicht verharmlost, sondern durchgängig beklagt. Der Autor ruft das Schicksal der Indianer und den traurigen Untergang ihrer naturverbundenen Lebensweise fortwährend ins Bewusstsein. 

Die unterschiedlichsten Menschen sind davon berührt worden. Rio Reiser zeigte sich ebenso beeindruckt wie Marcel Reich-Ranicki. Bertolt Brecht bewunderte die Heldengeschichten aus aller Herren Länder ebenso wie Roland Kaiser oder Arnold Schwarzenegger. Auch Ursula von der Leyen, Hella von Sinnen, Margot Käßmann oder Claudia Roth lasen begeistert von Winnetou, Nscho-tschi und ihren Pferden.

Hat ihnen die Wirkung der Erzählungen geschadet? Hat sie den Indianern geschadet? Haben die Bücher überhaupt irgendwem geschadet? Handelt es sich im Kern nicht sogar um parabelhafte Lehrtexte für eine ethisch erstrebenswerte Lebensweise?

Nur ist es so: Eine solche Argumentation darf gar nicht erst nötig werden. Selbst, wenn Karl Mays Bücher übelster Schund wären und die Kinderbücher nichts als kommerzieller Kitsch, muss sich jeder selbst davon ein Bild machen dürfen. Sie einzustampfen ist nicht etwa modern und sensibel. Es entspringt einem talibanösen Verständnis von Kultur und Gesellschaft.

Es geht daher auch um sehr viel mehr als ein Kinderbuch. Bedroht sind die Grundfesten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Canceln ist keine Kleinigkeit. Ich würde mir wünschen, dass der Rest der Republik es nicht länger als lästige und lässliche, schon gar nicht als latent erhabene Angelegenheit versteht. Das Canceln gehört gecancelt. 

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