Aachen Revolutioniert dieser Professor den Arbeitsweg von Millionen Deutschen?
Die Zeit läuft gegen Günther Schuh: Der Professor ist einer der erfolgreichsten deutschen Ingenieure. Kurz vor Ende seiner Zeit als Wissenschaftler will er den Berufspendel-Verkehr revolutionieren.
An guten Tagen kann man durch die Panoramafenster bis nach Belgien sehen. Von seinem Professoren-Schreibtisch im fünften Stock aus genießt Günther Schuh aber weniger die Aussicht. Er entwickelt Visionen. Schuh, 63 Jahre alt, ist Chef des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen. Einer der wichtigsten Ingenieure an einer der besten Unis des Landes. Von hier aus plant Schuh, kurz bevor er in Rente gehen soll, die Revolution. Er will den deutschen Berufsverkehr verwandeln. Kann er das?
Günther Schuh ist nicht nur Wissenschaftler, er ist auch Unternehmer. Er hat das elektrische DHL-Paketauto und das E-Auto E.go miterfunden. Ein Daniel Düsentrieb im Manager-Anzug, der Porsche fährt, Privatflugzeug fliegt, und in Gesprächen regelmäßig fallen lässt, dass er Noch-VW-Chef Herbert Diess seit vielen Jahren persönlich kennt. Armin Laschet ist ein Duzfreund.
Wenn Professor Schuh am Konferenztisch seines Aachener Büros von sich und seinen Projekten erzählt, gestikuliert er ausladend, gibt sich herzlich bis jovial und lässt Sätze fallen wie: “Wenn jemand behauptet, etwas sei unmöglich, finde ich das erst richtig interessant.”
Er halte 180 Vorträge im Jahr, erzählt der Professor. Seine Woche habe 70 bis 80 Stunden. Dann kam Corona und Schuhs Terminkalender legte eine Vollbremsung hin. „Das ist, als ob du einem Leistungssportler absolutes Sportverbot erteilst.“
In einem Porträt der Süddeutschen stehen Schuhs Ehrgeiz und überlastete Mitarbeiter im Zentrum. Titel: Professor Ego. Menschlich kommt Schuh darin alles andere als gut weg. Darauf angesprochen grinst er: “Wenn man so eine große Klappe hat wie ich, muss man darüber schmunzeln können.” Sicherheitshalber fügt Schuh hinzu: “Ich war Professor an der HSG, der Management-Uni in St. Gallen. Es wird wohl nicht gelingen, mir so ohne weiteres größere Managementfehler nachweisen zu können.”
Wissenschaft und Management - daraus setzt sich Schuhs Arbeitsleben zusammen. In einem Interview mit der FAZ bekannte er einmal: „Dass ich Wissenschaftler werden würde, war eher unwahrscheinlich, denn im Herzen bin ich Unternehmer.“
Oder vielleicht Politiker? 2012 stellte Norbert Röttgen den Aachener Professor als Mitglied seines Schattenkabinetts auf. Die CDU verlor. Schuh blieb Professor. Allerdings rückte er den Professoren-Stuhl so nah an den Unternehmer-Schreibtisch wie möglich. Von seinem Uni-Büro aus weist der Professor über einen Lichthof auf einen weiteren Gebäudeteil: “Dort drüben ist mein Chef-Büro.” Da stehe sein Schreibtisch bei der e.volution GmbH. Schuhs neuester Unternehmung.
Sein Anspruch ist kein geringerer, als mit seinem neuesten Projekt den deutschen Berufsverkehr zu revolutionieren. Auf dem Konferenztisch zeigt eine Broschüre ein Fahrzeug in dunklen Farben, mit blauen und pinken Lichteffekten: “e.volution”, die neueste Unternehmung des umtriebigen Professors. Es führt zusammen, was Günther Schuh und sein Team über Ingenieurshandwerk, Elektromobilität und die Bedürfnisse der Deutschen auf dem Weg zur Arbeit wissen.
Das Fahrzeug, um das es hier geht, sieht aus wie ein futuristischer Kastenwagen. Viel schwarze Fensterfläche, elegant geschwungene Karosserie, freundliche Front. Ein Berufspendlershuttle namens „META“.
Wie Uber, nur besser, so hört sich die Vision zu e.volution an. Schuh doziert: 50 bis 70 Prozent des Verkehrs entstünden durch Pendler. “Das Problem ist, dass alle immer zur selben Zeit kommen und gehen - ansonsten wäre unser Verkehrssystem gar nicht so schlecht.” Die Deutschen haben dennoch erwiesenermaßen keine Lust auf Carsharing - zu unflexibel, zu ungemütlich. In der morgendlichen Autoschlange sitzt am Ende in jedem Auto doch nur ein Arbeitnehmer.
65 Prozent der Pendler nutzen ihr eigenes Auto, wie diese Statista-Grafik zeigt:
Schuhs Projekt reagiert darauf: Im Innenraum seines Shuttles ist zwischen den Plätzen viel Platz. Über integrierte Bürotechnik können Mitarbeiter arbeiten und an Konferenzen teilnehmen. “Mit unserem Auto fährst du zu deinem Büro und willst gar nicht wieder aussteigen”, sagt Schuh und lächelt. Eine durchschnittlich halbe Stunde pro Weg gilt in seinem Konzept als Arbeitszeit. “Mit dieser Lösung haben wir eine Stunde Lebenszeit im Angebot”, sagt der Professor.
Große Firmen sollen die Shuttle mieten. Die Arbeitnehmer bekommen dazu eine App, die an Uber erinnert. Ein Mitarbeiter soll das Shuttle fahren. Damit spart Schuh die Kosten für einen Fahrer. Der Mitarbeiter darf das Auto im Gegenzug nach Belieben in seiner Freizeit nutzen.
Der Vorteil für die Firmen: Sie sparten durch die Pool-Lösungen CO2, argumentiert Schuh. Und was kostet die Revolution? Komplettpaket exklusive Strom für 999 Euro im Monat. “Billiger kann man nicht mit einem großen Auto fahren, auch nicht mit einem Verbrenner.” Vermietet werden die Fahrzeuge, weil sie - auch das Teil des Plans - alle fünf Jahre überholt werden sollen. Schuh schwärmt vom Aluprofil, von Thermoplast - und davon, dass die Fahrzeuge in drei Stunden runderneuert werden können. Dabei klingt er wie ein Formel-1-Mechaniker, der über seinen Reifen-Wechsel-Rekord spricht. “Ein ultimativer Durchbruch für die Kreislaufwirtschaft in der Automobilindustrie” sei das System. Kein Verschrotten der Fahrzeuge, wenn sie älter geworden sind; alle fünf Jahre bekommen die Shuttles ein Facelift - bis hin zu einer komplett neuen Außenhülle. Das Auge fährt schließlich mit. In Feldversuchen sollen nun ausgewählte Unternehmen das Shuttle testen.
Aber Schuh will nicht nur den Verkehr verändern, er will mit META etwas grundsätzliches beweisen: “Ich wollte zeigen, dass ein neutraler Ort notwendig ist, um in Deutschland Innovationskraft zu entfalten”, sagt er. Das könnte man vielleicht übersetzen mit: VW kann so lange an E-Technologie und neuen Beförderungskonzepten arbeiten, wie es will. Ein Professor Schuh revolutioniert aus der vermeintlich abgelegenen Eiffel und dem vermeintlich verstaubten Wissenschaftsbetrieb heraus den Markt wie Tesla und Uber. Von denen hätte das schließlich zu Beginn auch niemand erwartet. Aachen, das deutsche Silicon Valley?
Ganz spurlos scheint dieser Anspruch selbst an dem Professor nicht vorbeizugehen: “Ich hätte mir die Neugründung einer weiteren Firma gerne erspart”, sagt Schuh mit Blick auf e.volution. 50 Leute pro Monat einstellen, alle vier Monate die komplette Firma umorganisieren, wie es bei Start-Ups üblich sei - und überhaupt, Start-Ups in der Autoindustrie seien nahezu unmöglich. Also Schuhs Spezialität.
Ob die Revolution wirklich eine ist, wird sich wohl erst in den nächsten Jahren zeigen. Doch die Zeit läuft gegen den Professor. Schuh ist 63 Jahre alt. Ein paar Jahre darf er noch lehren. Mit 70 ist Schluss. Schuh argumentiert, es sei die Struktur, nicht der Chef, die an der RWTH Innovationen hervorbringen könne. “Ich bin sicher, dass das weiterläuft”, sagt Schuh mit Blick auf den fächerübergreifenden Campus, den er mitgegründet hat. “Man muss die Entitäten eine Zeit lang beschützen. Wenn ich meine unterstützende Hand wegziehe, sollen sie weiterleben.”
So wie das Pendlershuttle. Denn: Wer eine erfolgreiche Revolution anführt, verewigt sich in den Geschichtsbüchern. Schuh hat viele Ideen - so weit wie das DHL-Auto, ist jedoch keine ins Bewusstsein der Deutschen vorgedrungen.
Der Ingenieur ist kein NRW-Minister im Kabinett Röttgen geworden. Sein Duzfreund Armin Laschet wurde kein Kanzler. Und Herbert Diess ist bald nicht mehr VW-Chef. Was bleibt? “Ich möchte etwas aufbauen, was Bestand hat”, sagt der Professor. Was, wenn künftig ein Großteil der Arbeitnehmer in Gefährten unterwegs wären, deren Wikipedia-Artikel mit dem Namen Günther Schuh beginnt?
Eine Art Plan B hat er dennoch. Wenn die Zeit als Professor endet, wird Schuh seinen Schreibtisch im Uni-Gebäude abräumen. Den zweiten, den Unternehmerschreibtisch, will er aber noch nicht so bald aufgeben. “Die nächsten 25 Jahre möchte ich schon noch weiterarbeiten”, sagt der 63-Jährige. “Pensionierung finde ich grundsätzlich `ne blöde Idee.” Vor drei Monaten sei sein Vater gestorben - mit 103. Würde Schuh ähnlich alt, hätte er noch viel Zeit, die ein oder andere Revolution zu starten. Dann eben ohne Uni.