Aachen So schafft die RWTH Aachen eine gemütliche Umgebung für Start-Ups
Wie macht man aus gut ausgebildeten Ingenieuren erfolgreiche Unternehmensgründer? An der RWTH Aachen startet gerade ein millionenschweres Projekt, dass eine möglichst gemütliche Umgebung für Start-Ups schaffen will.
Ein Inkubator ist eine Umgebung, in der Lebewesen kurz nach der Geburt die besten Bedingungen vorfinden, um zu überleben und zu wachsen. An der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen, bekannter unter ihrer Abkürzung RWTH, sind es Firmen, die sich in einem “Collective Incubator” weiterentwickeln sollen. Übersetzen könnte man das Projekt mit “Gründerzentrum.” Statt Nährlösung gibts am Kaffee-Truck vor dem Eingang “Flat White”, doppelten Espresso mit etwas aufgeschäumter Milch.
An einer Bierzeltgarnitur neben dem Kaffeestand haben mehrere Männer Platz genommen und erklären, was sie hier vorhaben. Auf dem Tisch stehen Sukkulenten in bunt angesprayten Blechdosen. Im Hintergrund fahren Baufahrzeuge. Ein Presslufthammer röhrt einige Gebäude entfernt.
“Viele junge Menschen hier wollen die Welt besser machen. Das ist erstmal total cool”, sagt Prorektor Malte Brettel. Die RWTH ist bekannt für ihre erfolgreichen Ingenieursstudiengänge. Sollen Absolventen gebunden werden? Nicht nur, sagt Brettel. Auch Studienanfänger dürften hier arbeiten. “Die Energie vom Beginn des Studiums soll direkt kanalisiert werden, bevor das Lernen einsetzt.” Talentschmiede von Anfang an, fächerübergreifend. Vor rund einem Jahr haben an diesem Standort die ersten Teams angefangen zu arbeiten.
Organisiert werde der Inkubator von Gruppe von Studenten, erklärt David Beumers, Absolvent der RWTH, Mitgründer und heute Projektkoordinator. 40 Leute gehörten zum Projektteam. “Wir werden als Raum wahrgenommen, aber eigentlich sind wir eine Community”, sagt Beumers mit Blick auf Büroräume und Werkhalle.
Mehr als 100 Firmen seien im vergangenen Jahr im Umfeld der RWTH gegründet worden. Wesentliches Ziel des Gründerzentrums ist, dass Unternehmen nicht mehr die Stadt verlassen, sobald sie funktionieren. “Uns ist das ‘Made in Aachen’ wichtig.”
Dazu geben sich die Anbieter maximal offen. Sogar gänzlich ohne Idee dürfe man die Einrichtung nutzen. Zwischen modernsten 3-D-Druckern, Industriestaubsaugern und Gabelstablern soll die Aufbruchstimmung junge Tüftler mitreißen.
Eine Gruppe arbeite im Inkubator gerade an einem Gabelstapler, der Treppen fahren kann. Eine andere namens “Korallenwächter” beschäftige sich mit der Sensorik in Aquarien. Das Aachener Start-Up will die Überwachung der Behälter automatisieren, sodass Pfleger in Aquarien mehr Zeit für die Tiere haben.
Während die Erfinder von Microsoft, Apple und Google von Garagen erzählt haben, in denen sie ihre Firmen entwickelten, stehen in Aachen alte Backstein-Industriehallen, in denen früher U-Boote produziert wurden. Drinnen kann man per QR-Code auf volle Mülleimer und leere Kaffeemaschinen hinweisen. Die Garage auf dem Gelände dient eher als Party-Location.
Zwar gibt es einen großen Werkstattbereich. Den meisten Raum nehmen aber Büros ein. Firmen und solche, die es werden wollen, arbeiten hier in Co-Working-Spaces, Einzelbüros und auf offener Fläche. Benannt sind die Räume nach berühmten Erfindern, an einem steht etwa der Name Türeci, nach der Biontech-Gründerin. An einem anderen Spencer, nach dem Erfinder der Mikrowelle.
In einem Videoraum kann man Imagefilme drehen oder Videokonferenzen führen. Nachts sei der Raum häufig gebucht, sagt Beumers - für Konferenzen, etwa mit Investoren aus USA. Ein Screen im Flur erinnert an einen Yogakurs, der diese Woche angeboten wird.
2400 Quadratmeter Bürofläche und rund halb so viel Werkstattfläche hat der Inkubator jetzt schon zur Verfügung. Mit dem Ausbau und Umzug in eine andere Halle auf dem Gelände sollen es unterm Strich noch einmal 400 Quadratmeter Bürofläche mehr werden.
Wer zahlt das? Den Standort baue ein niederländischer Investor aus, der auf ehemalige Industrieanlagen und Wissenschaftsstandorte spezialisiert sei, erklären die Organisatoren. Die Uni sei Ankermieter in diesen Gebäuden. Die ersten fünf Jahre fördere das Land das Projekt. Danach sollen sich Konzerne einen exklusiven Zugang zum Inkubator, konkret zu Projekten und Arbeitskräften, kaufen können. So soll das Projekt dauerhaft finanziert werden.