Hamburg Experte erklärt Netflix-Film: Warum finde ich Massimo so geil – ist das gefährlich?
Seit dem 19. August ist der dritte Teil des erfolgreichen Netflix-Erotikdramas „365 Days“ zu streamen. Medienexperte Prof. Marcus S. Kleiner verrät, warum der Film mit Mafioso Massimo so problematisch ist.
In diesem Artikel erfährst Du:
Zu Beginn verraten wir das Rezept für einen erfolgreichen Netflix-Film: Man nehme einen extrem heißen Italiener, der sein Geld mit kriminellen Geschäften verdient, eine polnische Schönheit, viel nackte Haut und jede Menge Geschlechterklischees. Fertig ist das Erotikdrama, das sich „365 Days“ nennt (im Original „365 DNI“, zu Deutsch „365 Tage“). Der Film rund um Laura (Anna Maria Siecklucka) und Mafioso Massimo (Michele Morrone) stieg 2020 direkt in die Top Ten der Netflix-Charts ein und hielt sich dort über mehrere Wochen.
„365 DNI“ sorgte vor allem wegen der sehr realistisch aussehenden Sex-Szenen für Furore. Mit dem Durchbruch folgte aber auch Kritik: Es heißt, der Film sei sexistisch und basiere auf dem problematischen Stockholmsyndrom – ein psychologisches Phänomen, bei dem das Opfer während einer Geiselnahme Gefühle für den Täter entwickelt.
Seit Mittwoch, 27. April 2022, ist der zweite Teil „365 Days: This Day“ auf Netflix zu streamen. Unsere Autorin freut sich auf einen gemütlichen Filmabend mit Massimo. Darf sie das überhaupt, wenn die Story von „365“ sexistisch ist? Warum ist sie von dem Erotikdrama mit dem Mafioso so begeistert? Medienexperte Prof. Marcus S. Kleiner erklärt die Faszination des Films.
Hier kannst Du den Trailer des zweiten Teils von „365 DNI: This Day“ anschauen:
Frage: Meine Mama hat mich immer vor Männern gewarnt, die mich entführen könnten. Jetzt möchte ich entführt werden, von Don Massimo – wie im Film. Leide ich als Zuschauerin unter dem Stockholm-Syndrom?
Antwort: Prof. Marcus S. Kleiner: Na ja, ich glaube nicht, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer an einem Stockholmsyndrom leiden. Hier wird ganz stereotypisch vorgeführt, wie Frauen zu Begehrenskörpern gemacht werden – von Männern und das letztlich auch noch gut finden. Da kommt ein Badguy, der super attraktiv ist und dann auch eine dunkle, geheimnisvolle Aura hat, die um ihn schwebt. Er ist der Teufel, er hat die Verführungskraft und ist bei aller Härte aber trotzdem noch charmant – zumindest soll die Figur so wirken.
Antwort: Natürlich wehrt sich Laura, die entführte Frau, erliegt trotzdem irgendwann seinem Charme. Das ist für mich ein wahnsinnig klischeebehaftetes Frauenbild. Laura weiß zwar, dass dieser Massimo ihr nicht guttut, lässt sich trotzdem auf ihn ein.
Frage: Können Sie genauer erklären, warum der Film „365 Days“ so problematisch ist?
Antwort: Er ist sehr problematisch, weil er nicht gendersensibel ist, sondern zutiefst machistisch, und damit bewusst der Vielfalt von Genderkonfigurationen entgegenarbeitet, und an einem sehr archaisches Frauenbild festhält – Weiblichkeit im Zuge von Materialismus, Verbrechen und Sexualität. Das sehe ich kritisch. Allerdings finde ich den Film weniger problematisch, als vielmehr lächerlich. Für mich ist das eine sehr dürftige „Shades of Grey“-Variante in einem anderen Setting.
Antwort: Im Endeffekt läuft es aber auf dasselbe hinaus: Es geht Dominanzverhalten. Die Macht der Frau besteht darin, verführen zu können, beziehungsweise von dem Mann begehrt zu werden, und sich erobern zu lassen. Auch persönlich kann ich mit dem Film nichts anfangen, alles ist sehr sexistisch, berechenbar und langweilig inszeniert.
Frage: Der erste Teil des Films war über lange Zeit hinweg an der Spitze der Netflix-Charts. Was macht ihn so erfolgreich?
Antwort: Ich finde die Frage spannend: Wie funktioniert der Film als Spiegel des Begehrens der Zuschauerinnen und Zuschauer. Mich interessiert, ob der Film wirklich hauptsächlich von Frauen gesehen wird. Der Film lädt ein, in einen Dialog mit sich selbst zu treten und sich zu fragen: Warum macht mich das eigentlich an? Was kickt mich?
Antwort: Filme sind in der Hinsicht keine Repräsentation der Wirklichkeit. Er lädt vielmehr zur einer Selbstauseinandersetzung ein. In Zeiten der Tinder-Serialität und der Polyamorie wirkt der Film zudem sehr archaisch: Besitz ersetzt Konsum. Beides ist nicht beziehungsfördernd und beziehungsstärkend.