Neuanfang nach dem Krieg Wie Flüchtlinge aus dem Osten nach Leybuchtpolder kamen
Ein aktuelles Theaterstück handelt von Flüchtlingen aus Schlesien und Pommern, die ab 1945 nach Ostfriesland kamen – auch ins damals neue Dorf Leybuchtpolder. Ein fiktiver Siedler im Interview.
Leybuchtpolder/Ayenwolde - 70 Jahre sind vergangen, seitdem die ersten Siedler des damals neu geschaffenen Orts Leybuchtpolder Bauland erhielten. Zuvor mussten sie dafür jahrelang schuften und die Leybucht eindeichen. Auch viele Geflüchtete aus Pommern und Schlesien waren unter Ihnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang wagten. Wie haben sie die Zeit empfunden? Darüber haben wir mit Harald Albrechts aus Moorhusen in seiner Rolle als Erich Riewer gesprochen. Das ist ein fiktiver Leybuchtpolder-Siedler der ersten Stunde, der in dem kürzlich in Ayenwolde (Landkreis Leer) aufgeführten Theaterstück „Heimat“ zu sehen war.
Was und warum
Darum geht es: In seiner Theaterrolle als Flüchtling aus Pommern erzählt Harald Albrechts in einem fiktiven Interview, was einen typischen Siedler des Ortes Leybuchtpolder direkt nach Kriegsende bewegt haben könnte.
Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte
Deshalb berichten wir: Kürzlich hatten wir darüber berichtet, dass vor 70 Jahren die ersten Baugrundstücke in dem heutigen Norder Stadtteil Leybuchtpolder vergeben wurden. Harald Albrechts las den Bericht und sprach uns darauf an, dass er in dem Theaterstück „Heimat“ einen Leybuchtpolder-Bewohner der ersten Stunde spielt. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Herr Riewer, können Sie sich einmal kurz vorstellen?
Erich Riewer: Ich bin Erich Riewer, ich stamme aus Pommern und war dort Gutsinspektor auf einem Rittergut. Dann kam der Krieg und nachdem der 1945 zu Ende ging, folgten für mich zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft, aus der ich jetzt zurückgekehrt bin. Ich habe eine Frau, zwei Söhne und eine Tochter.
Warum ist Ihre Familie aus Pommern geflohen?
Riewer: Zum Kriegsende wurde Pommern von den Russen geplündert. Frauen wurden vergewaltigt und die Bevölkerung vertrieben. Die Flucht war für meine Familie also die einzige Option. Sie ist in einer Nacht- und Nebelaktion abgehauen.
Was hat Sie nach Ostfriesland verschlagen?
Riewer: Als ich aus der Gefangenschaft kam, wusste ich zunächst nicht, wo meine Familie ist. Dann hat aber das Rote Kreuz herausgefunden, das die in Ostfriesland untergekommen sind. In Hatshausen beim Landwirt Haddinga. Meiner Familie wurde gesagt, dass ich noch am Leben bin und auch ich habe mich dann auf den Weg nach Ostfriesland gemacht. Ich hatte Glück und fand meine Frau und meine Kinder, die alle unversehrt waren.
Wie war es, sie nach so langer Zeit endlich wiederzusehen?
Riewer: Man hat sich verändert. Meine Frau hat mich noch erkannt, aber es war schon schwer für mich, dass das meine Kinder nicht taten. Nun müssen wir uns wieder neu kennenlernen und uns näherkommen.
Vermissen Sie Pommern?
Riewer: Heimat ist Heimat und unbezahlbar. Dort waren wir nicht nur zu Hause in einer gewohnten Umgebung, sondern dort lebten auch Verwandte und Freunde.
Wie war der Neuanfang für Sie?
Riewer: Ganz schwer. Als Gutsinspektor hatte ich früher in Pommern Knechte und weiteres Personal gehabt. Hier in Ostfriesland ist es dann doch armseliger und ich musste zunächst selbst als Knecht arbeiten und mir von anderen auf dem Hof etwas sagen lassen. Damit war ich nicht zufrieden. Ich habe das eine gewisse Zeit mitgemacht und dann andere Arbeit in Wiesmoor in der Torffabrik gefunden – als Inspektor.
Und jetzt gehören Sie bald zu den ersten Siedlern eines neuen Ortes?
Riewer: Genau. Irgendwann habe ich davon Wind davon, dass die Leybucht eingedeicht wird und hinter dem Deich eine neue Siedlung entstehen soll. Dafür habe ich meine Familie eintragen lassen. Wenn der Deich fertig ist, wollen wir dort einen Hof aufbauen und Getreide anpflanzen.
Schauen Sie nicht gegen die jahrelange Knochenarbeit am Deich an?
Riewer: Ich freue mich eher, dass man ein Ziel vor Augen hat und sich eine neue Heimat aufbaut. Das Alte lässt man zwar wehmütig hinter sich, aber im Vordergrund steht nun der Neuanfang.
Worauf hoffen Sie für die Zukunft?
Riewer: Dass wir auf unserem Hof später in Frieden leben können, dass es meiner Familie gut geht und wir uns selbstständig ernähren können.
Wie Deutschlands jüngstes Dorf Leybuchtpolder entstand
Leybuchtpolder kämpft beim Festakt für Grundschul-Erhalt
Theaterstück um Flüchtlingsleid und neue Hoffnung
Seine christliche Botschaft sendete er mit Musik