Hannover  Warum kann man Ihre Murmelbahnen nicht kaufen, Herr Grüttner?

Elke Schroeder
|
Von Elke Schroeder
| 12.08.2022 14:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Artikel teilen:

Ortwin Grüttner lebt von und mit 70 selbst gebauten Holzmurmelbahnen. Mit seiner mobilen Ausstellung „Murmiland“ reist er durchs Land. Das Beste: Mit jedem Unikat kann man spielen. Ein Hausbesuch.

Die erste Überraschung gibt es an der Haustür: Neben der Klingel an Ortwin Grüttners Reihenhaus in Hannover hängt eine kleine Kugelbahn aus Holz an der Wand mit einem Dutzend Murmeln - bereit zum Spiel: „Die ist für die Postboten, damit können sie sich die Wartezeit vertreiben“, erklärt der 59-Jährige leise zur Begrüßung und schmunzelt.

Den kurzen Flur ein paar Schritte entlang, dann einmal links und schon steht man mitten in einem Spielzeugparadies aus fantasievollen Holzmurmelbahnen: In unterschiedlichen Größen und Formen, teilweise aufgebaut, teilweise gestapelt in Regalen, warten sie darauf, dass sie Grüttner in seinen gelben Transporter lädt. So, wie er es seit Jahrzehnten tut: Er fährt mit ihnen zu Schulen, Freizeitheimen, Stadthäusern oder Museen, die ihn engagieren, und baut sein „Murmiland” temporär auf, damit Kinder und Erwachsene mit den Bahnen spielen können.

Sein Konzept einer mobilen Mitspielausstellung sei einzigartig unter Murmelbahnbauern, sagt der gelernte Maschinenbauingenieur. Vor drei Jahren hat er sein langjähriges Hobby zum Beruf gemacht, ist weit über die Stadtgrenzen Hannovers hinaus unterwegs.

In seinem Haus musste das Wohnzimmer längst für die Lager- und Spielstätte ins obere Stockwerk weichen und ein Anbau her. Er hat in 32 Jahren mittlerweile über 70 verschiedene Holzmurmelbahnen geschaffen:

Sein ungebrochenes Interesse an der Kinematik, an der Bewegung, sei der Motor für seine Kreativität. Die kennt offenbar keine Grenzen: Im „Murmiland” fahren Murmeln Fahrstuhl, vollziehen Loopings, fliegen mittels Katapult durch die Luft, rasen die Chinesische Mauer hinunter, schießen wie Fische in „Nemos Welt” aus dem Wasser und wie Lava aus einem Vulkan, öffnen mit Schwung die Augen eines massiven Schach spielenden „Baumgeistes” oder landen im „Tempel der Inka” im Gefängnis, wenn sie im Geschwindigkeitsrausch den falschen Weg einschlagen.

Denn bei Grüttner führt eben meist nicht nur ein Weg für die Murmeln nach unten, sondern mehrere. In seiner Werkstatt im Keller tüftelt der Autodidakt immer wieder an weiteren raffinierten Effekten. Seine Ideen für neue Bahnen setzt er in der Regel ohne eine Zeichnung um, nur für die Mechanik fertigt er Testmodelle.

Mit Murmeln spielt Ortwin Grüttner meistens nur, um auszuprobieren, ob seine Ideen funktionieren. Hier verleiht er seiner Kreation „Vulkan“ den letzten Feinschliff:

„Ich bin beides: Bastler und Künstler”, sagt Grüttner, der in München geboren wurde und bei Lörrach aufwuchs. Mit acht Jahren habe er bereits Murmelbahnen gebaut - „mit den Bauklötzen meiner Schwester”. Schon damals habe er ein paar Tricks eingebaut. Nur Wettrennen mit Murmeln? Das war ihm zu langweilig.

„In der Schule war ich ein Einser-Schüler in Kunst und ein Zweier-Schüler in Mathematik”, erinnert er sich. Er wäre auch gern Fotograf geworden. Doch sein Vater wollte, dass er „etwas Vernünftiges“ lernte, so zog Grüttner nach Hannover zum Maschinenbaustudium. Heute dreht er Videos für seinen eigenen „Murmiland“-Youtube-Kanal mit derzeit 122.000 Abonnenten.

Während seines Zivildienstes in einer Förderschule nach dem Studium begann er, Murmelbahnen zu bauen und hörte nicht mehr damit auf - dank eines Hausmeisters, der mit ihm „viel Holzarbeit“ gemacht habe. Bei einem Sommerfest 1990 im Haus der Jugend in Hannover stellte er seine ersten drei Bahnen aus. „Es war nie geplant, dass ich das immer weiter mache. Nach der ersten Ausstellung hatte ich jedoch das Gefühl, dass da noch was dazu gehört.” So dreht sich bis heute sein Leben rund um die kleinen bunten Kugeln. Das gilt selbst für sein Hobby, das Malen. Seine Motive: Farbenfrohe Fantasiefiguren im „Murmiland“. 

Seine Murmelbahnen gibt es in keinem Spielzeugladen zu kaufen. Es sind unverkäufliche Unikate. Wer ein Angebot macht, beißt bei Grüttner auf Granit. Allein die Frage danach, scheint ihn zu empören: „Nein, ich verkaufe nicht”, wehrt er vehement ab. Es steckten so viele Arbeitsstunden drin. „Ich hänge an den Sachen, wenn ich zum Beispiel diese Bahn verkaufen würde, dann wäre hier ein Loch. Das Gesamtwerk soll zusammenbleiben.“ Und so ist es auch sein großer Wunsch, dass sein Lebenswerk als Mitmachausstellung eines Tages einen festen Platz in einem Spielzeugmuseum finden wird.

Ganz wichtig sei es ihm, die Werke anderen Leuten zu zeigen: „Das hat mir im Lockdown sehr gefehlt.” Nach der Zwangspause konnte er in diesem Frühjahr endlich wieder seine große Schau mit 50 Murmelbahnen im Freizeitheim Ricklingen aufbauen. „Ich bin meistens der Beobachter, denn durch das Beobachten, wie die Besucher spielen, kommen mir neue Ideen. Viele spielen ja auch anders, als ich mir das gedacht habe.” Es herrsche bei ihm immer „eine gewisse Spannung”, wie Besucher auf eine neue Kreation reagieren. Die große Frage sei dann, „ob die Leute die Bahn verstehen, mit ihr zurechtkommen? In meinen Bahnen ist häufig etwas eingebaut, wo man rätseln oder forschen muss, wie es funktioniert.” 

Der 59-Jährige hat in all den Jahren festgestellt: „Erwachsene spielen genauso gerne wie Kinder. Da gibt es keinen Unterschied.” Allerdings unterscheiden sie offenbar sich darin, wie sie spielen.

Grüttner verdeutlicht das am Beispiel seines „Tempel der Inka”, wo die Kugeln auch im Gefängnis landen können: „Eltern versuchen eher mit einem Kugelschreiber die Murmeln zu befreien oder wollen die Bahn schütteln, statt nach dem Hebel zu suchen. Kinder suchen eher - und wenn sie es nicht finden, dann fragen sie mich.” Nicht jeder Spieler versteht es also, vor dem ersehnten Klackern der Murmeln eine Geduldsprobe zu bestehen. 

Ähnliche Artikel