Augsburg Besessener Sammler rettet, was Nazis verboten haben
Eine digitale Ausstellung zeigt für alle zugänglich die „Bibliothek der verbrannten Bücher“. Zu verdanken ist sie einem Mann, der von durch die Nazis verbotenen Büchern besessen war und ihnen sein Leben widmete.
Georg P. Salzmann war ein Besessener. Verbotene Bücher bestimmten das Leben des 1929 Geborenen aus Gräfelfing bei München. Und zwar jene, die die Nationalsozialisten verbrennen ließen. Darunter beispielsweise eine Streitschrift von Rosa Luxemburg, Gedichte von Nelly Sachs, Romane von Thomas Mann, Kinderbücher von Erich Kästner.
Ihnen widmete Salzmann bis zu seinem Tod 2013 sein Leben. Über drei Jahrzehnte lang suchte er in Antiquariaten, bei Buchhändlern oder auf Trödelmärkten nach Erstausgaben. „Es wurde seine Lebensaufgabe, die den Alltag der Familie bestimmt hat“, weiß Andrea Voß von der Universität Augsburg, die Salzmanns Lebenswerk heute in gewisser Weise fortführt.
Irgendwann reichte der Platz für die Bücher in Salzmanns Keller nicht mehr aus und sie stapelten sich schließlich in allen Zimmern des Hauses. Salzmanns Frau erzählt in einem Dokumentarfilm, dass er von jedem Flohmarktbesuch völlig durchgeschwitzt zurückkam. Germanistin und Bibliothekarin Voß ergänzt: „Er führte all die Jahre weder Kataloge noch nutzte er das Internet. Er hatte keine institutionelle Hilfe, war allein von seinem Ziel getrieben, die Bücher wieder für Leser und die Nachwelt zusammenzutragen. Das ist tollkühn bis irrwitzig.“
Salzmann ging es um jene Bücher, die am 10. Mai 1933 in 22 deutschen Städten in öffentlich entzündete Feuer geworfen wurden, als die von Studenten organisierte „Aktion wider den undeutschen Geist“ ihren Höhepunkt erreichte. Grundlage für die NS-Bücherverbrennungen waren „Schwarze Listen“ mit Namen all jener, die in den Augen der Nationalsozialisten nicht gelesen werden durften: Werke von Juden und solche, die von der politischen und gesellschaftlichen Doktrin abwichen.
„Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens! Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat! Gegen Frechheit und Anmaßung!“ lauteten verkürzt einige der sogenannten Feuersprüche, die Propagandaminister Joseph Goebbels zur Aktion in Berlin verlas.
Vor 13 Jahren kaufte die Universitätsbibliothek das Bücherarchiv des akribischen Sammlers, katalogisierte und inventarisierte es, behandelte es konservatorisch und ergänzte es um einige Lücken. Am Ende steht eine weltweit einmalige Sammlung, „deren schiere Vielfalt mich immer wieder aufs Neue fasziniert“, sagt Andrea Voß, die die Büchersammlung in Augsburg betreut.
Über 9000 Titel von mehr als 300 Autoren aus den Schwarzen Listen hat die Universitätsbibliothek Augsburg in ihrem Bestand, zu dem es nun sogar eine virtuelle Ausstellung gibt. „Die Bibliothek der verbrannten Bücher“ ist eine Online-Präsentation, in der die Geschichte und Geschichten der einst verfemten Werke ansprechend aufbereitet und erzählt werden.
Ob expressionistisch oder neusachlich, ob Essaysammlung oder Jugendbuch, ob aus der Feder eines Journalisten oder Theater-Autoren – diese Bücher eint allein der Hass, den sie auf sich zogen. „Es geht weniger um teure, hochwertige Ausgaben. Der Wert liegt im ideellen Gehalt“, sagt Andrea Voß. „Zeitzeugen sterben aus, aber diese Bücher sind greifbar. Sie bleiben und sie berichten.“
Für Andrea Voß ist die Ausstellung ein Herzensprojekt. „Das Thema ist aktueller denn je: Wie wichtig ist uns freiheitliches demokratisches Denken? Der Rückblick lehrt uns, was passieren kann und wie so etwas beginnt“, erklärt sie.
Zerstören konnten die Nazis die Schriften nicht – was sie einst aus Buchhandlungen, Bibliotheken, Redaktionen und Parteibüros raubten, steht heute wieder in Bücherregalen auf der ganzen Welt. Eine Auswahl der verbotenen Bücher:
Erich Kästner: Pünktchen und Anton (1931)
Als Studenten Kästners Bücher in Berlin verbrannten, war er dabei. Später schrieb er darüber: „Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. (...) Es war widerlich...“ Doch warum das Kinderbuch „Pünktchen und Anton“? „Die Nazis kritisierten die sozialkritische Haltung, die in der Geschichte spürbar wird“, erklärt Bibliothekarin Andrea Voß. „Die Freundschaft zwischen Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die Mut beweisen und selbst nachdenken: Dieses reflexive Denken widerstrebte ihnen.“ So heißt es in dem Kinderbuch: „Mut beweist man nicht mit der Faust allein, man braucht den Kopf dazu.“
Felix Salten: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde (1922)
Obwohl in dem Kinderbuch-Klassiker keine politischen Tendenzen erkennbar sind, waren die Abenteuer eines jungen Rehbocks im Dritten Reich politisch geächtet. Der Grund: Der Autor des international erfolgreichen Buchs, der österreichische Jäger Felix Salten, war Jude.
Franz Werfel: Die 40 Tage des Musa Dagh (1933)
Der zweibändige Roman des Österreichers Werfel wurde im November 1933 in Deutschland noch ausgeliefert, aber drei Monate später konfisziert. Er handelt vom Völkermord der Türken an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs und ist „eine Widerstandsgeschichte“, erklärt Germanistin Andrea Voß. „Der ihm inneliegende Pazifismus war unvereinbar mit der Ideologie des Dritten Reiches. Die erzählte Geschichte nimmt letztlich vorweg, was sich in Deutschland anbahnte.“ Das Buch wurde dennoch in über 30 Sprachen übersetzt und war im Ausland sehr erfolgreich – und die liebste Lektüre des Sammlers Georg Salzmann.
Anna Seghers: Das siebte Kreuz (1939)
Ihren wegweisenden Roman über die Flucht von sieben Häftlingen aus einem Konzentrationslager schrieb Anna Seghers im südfranzösischen Exil. Der Roman wurde nicht nur auf Englisch, sondern in einem mexikanischen Exilverlag auch auf Deutsch veröffentlicht. Die Erstausgabe suchte Sammler Salzmann allerdings vergeblich – die Universitätsbibliothek Augsburg kaufte „Das siebte Kreuz“ für 750 Euro hinzu.
Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte (1931)
Kein Wunder, dass der bekennende Sozialist und Pazifist Kurt Tucholsky den Nazis ein Dorn im Auge war. Deshalb verbrannten sie nicht nur seine gewagte Erzählung „Schloß Gripsholm“, sondern alle seine Bücher und Schriften mit den Worten: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!“ Satiriker Tucholsky, der 1929 nach Schweden emigriert war, schrieb dazu: „In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern.“