Noch viele Stellen offen Unsichere Zeiten für Ausbildungsbetriebe
Erstmals gibt es in Ostfriesland mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Der Mangel zieht sich durch verschiedenste Branchen. Doch in einem Berufsfeld gibt es positive Entwicklungen.
Aurich/Ostfriesland – Nachwuchsmangel bei ostfriesischen Ausbildungsbetrieben: Erstmals gibt es im Bezirk der Agentur für Arbeit Emden-Leer mehr offene Berufsausbildungsstellen als Bewerber. Im vergangenen Jahr waren zu dieser Zeit 1073 Stellen unbesetzt. Nun sind es gut ein Viertel mehr (1346). Das teilt die Agentur auf ON-Anfrage mit. Verschiedenste Branchen sind betroffen. Vor allem im Handwerk, Handel und im Hotel- und Gaststättengewerbe wird Personal gesucht. Doch entgegen dieser Entwicklung gibt es in einem Berufsfeld immer mehr Einsteiger.
Unter anderem im Handwerk wurden bisher weniger Stellen besetzt als 2021 – um bis zu dreieinhalb Prozent sind die Neueinstellungen in Ostfriesland im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Das teilt der Ausbildungsberater der Handwerkskammer für Ostfriesland in Aurich, Dieter Friedrichs, mit. Alle Branchen des Handwerks sind demnach betroffen.
Azubi-Mangel in der Gastronomie
Für den Azubi-Mangel im Handwerk gibt es mehrere Gründe. Ein Problem sei, dass es jedes Jahr weniger Schulabgänger gebe, sagt Dieter Friedrichs. Hinzu komme, dass vielen von ihnen, ob von Eltern oder Lehrern, geraten werde, erst zu studieren. „Viele wissen gar nicht, was das Handwerk hergibt“, sagt der Ausbildungsberater. Das liege auch daran, dass in den vergangenen zwei Jahren wegen Corona kaum Berufsorientierung stattgefunden habe. „Das ist ein riesiges Problem“, so Dieter Friedrichs. Ohne Praktika hätten viele Berufseinsteiger keine Vorstellung von dem, was sie erwartet. Zwar gebe es nun wieder mehr Möglichkeiten, dafür jedoch lange nicht so viele wie vor der Pandemie.
Auch in der Gastronomie sieht es momentan nicht gut aus. Schon seit Jahren gehen die Zahlen der Auszubildenden und derer, die die Lehre abschließen, zurück. „Der Mangel an Auszubildenden ist da. Und das nicht erst seit der Pandemie“, sagt die Vorsitzende des Dehoga Kreisverbandes Aurich, Mareike Zägel (Hotel Stadt Aurich). Genaue Zahlen kann sie nicht nennen. Es gebe nach wie vor jedoch noch viele Möglichkeiten für Personen, die im Hotel- und Gaststättengewerbe anfangen möchten. Auch Mareike Zägel sieht ein großes Problem für die Gastronomie darin, dass viele junge Leute einen akademischen Abschluss anstreben. „Verschiedene Menschen und Generationen haben unterschiedliche Prioritäten“, sagt sie.
Positive Entwicklung in der Landwirtschaft
Anders sieht es in der Landwirtschaft aus. Der Leiter der Bezirksstelle Ostfriesland der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) in Aurich, Dr. Rolf Bünte, ist zufrieden mit der Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Besonders erfreulich: Mittlerweile würden sich immer mehr Menschen, die vorher in einem anderen Berufsfeld tätig waren, für die Landwirtschaft entscheiden. Das sei vor 15 Jahren noch anders gewesen, sagt er.
Fehlende Berufsorientierung ist in der Landwirtschaft laut dem LWK-Leiter kein großes Thema. Die Wenigsten würden die Entscheidung, in der Landwirtschaft arbeiten zu wollen, spontan fällen. „Die Entwicklung findet nicht in ein paar Tagen statt“, sagt Dr. Rolf Bünte. Und auch auf der Seite der Ausbildungsbetriebe sieht es gut aus. Vor allem junge Landwirte würden sich dazu entscheiden, auszubilden. Das sei wichtig – denn: „In dem Konzert müssen alle mitspielen“, sagt er.
Neue Angebote für Ausbildungsbetriebe
Die Anmeldungen bei den Berufsschulen in Ostfriesland seien für die landwirtschaftliche Ausbildung über alle Lehrjahre stabil, heißt es von der LWK. Der Meisterkurs Landwirtschaft, der in Zusammenarbeit mit der Bezirksstelle Oldenburg/Nord durchgeführt und von Ostfriesland aus organisiert wird, habe mit 33 Personen eine außergewöhnlich hohe Teilnehmerzahl. Deshalb werden nach langer Zeit erstmals wieder zwei Meisterkurse angeboten.
So gut wie in der Landwirtschaft läuft es in vielen anderen Branchen nicht. Einige Betriebe suchen händeringend Nachwuchs – und gehen unübliche Wege. Zum Beispiel mit einem Azubi-Speeddating hat die Agentur für Arbeit mit der Industrie- und Handelskammer bereits versucht, kurzentschlossene Jugendliche zu erreichen, teilt die Agentur für Arbeit Emden-Leer mit. Außerdem wird aufgrund der aktuellen Entwicklung nun schon weit vor dem Schulabschluss mit der Berufsberatung begonnen.
Dass es noch so viele freie Ausbildungsstellen gibt, hat laut der Agentur für Arbeit aber auch Vorteile für alle, die noch auf der Suche nach einer Lehrstelle sind. Auch wenn es im August eigentlich in den Endspurt geht: „Die Chancen für Jugendliche in Ostfriesland, noch einen Ausbildungsplatz zu finden, sind nach wie vor sehr gut“, wird der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Emden-Leer, Roland Dupák, in einer Mitteilung zitiert.