Osnabrück  Vier Künstlerinnen und ihr Kampf um Anerkennung

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 05.08.2022 20:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bronzeplastiken von Emy Roeder sind jetzt im Museumsquartier Osnabrück zu sehen. Foto: Jörn Martens
Bronzeplastiken von Emy Roeder sind jetzt im Museumsquartier Osnabrück zu sehen. Foto: Jörn Martens
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Sie kämpften um Erfolg und Anerkennung, die Künstlerinnen Hannah Höch, Doris-Meyer-Vax, Emy Roeder und Felka Platek. In Osnabrück haben sie nun ihren späten Auftritt.

Erschreckt hält die Frau inne. Eine zweite Frau legt ihr die Hand auf die Schulter, flüstert ihr etwas ins Ohr. Wie ein düsteres Double wirkt diese Frau, wie der Schatten einer Vergangenheit, die man hinter sich lassen möchte. 1948 mahnt dieses Bildmotiv an die Katastrophe von Krieg und Holocaust. Doris Meyer-Vax hat mit solchen Bildern kein Glück. Ihr Mann verliert im Krieg sein Leben, sie selbst fällt als Künstlerin in Vergessenheit. In der jungen Bundesrepublik ist nicht wirklich Platz für eine Kunst, die ins Gewissen redet. Meyer-Vax steht quer zu ihrer Zeit. Aber war es für sie wie für viele andere Künstlerinnen jemals anders?

„Die geheime Nachricht“ heißt das Gemälde von 1948. Das Bild von Meyer-Vax ist jetzt im Museumsquartier Osnabrück zu sehen. Kuratorin Maren Koormann hat 40 Werke aus einem Konvolut ausgewählt, die von der Sammlerfamilie Schlenke der Felix-Nussbaum-Foundation 2020 gestiftet worden sind. Neben Doris Meyer-Vax (1908-1980) sind Hannah Höch (1889-1978), Emy Roeder (1890-1971) sowie Felka Platek (1899-1944) präsent – als Kleeblatt einer anderen, weil vielfach verdrängten klassischen Moderne. Die um 1900 geborenen Frauen fanden nur schwer Zugang zu künstlerischer Ausbildung oder gar in die erste Reihe des Kunstbetriebes.

Sie gehören, wie viele männliche Kollegen, vor allem zu jener verlorenen Generation, die Krieg und Gewaltherrschaft aus der Sichtbarkeit drängten. Ob Höch, Roeder oder Meyer-Vax, ihnen allen gelang auch nach 1945 kaum noch Anschluss an das Kunstgeschehen. Die in Auschwitz mit ihrem Mann Felix Nussbaum ermordete jüdische Malerin Felka Platek lebte da schon nicht mehr. In Osnabrück werden Werke dieser Künstlerinnen nun präsentiert, als hätten sie eine Gruppe gebildet. Dabei konvergieren die Gemälde, Drucke und Skulpturen nur in einem gemeinsamen Punkt: jenem der figurativen Darstellung. Das ist es auch schon.

Als Stücke aus einer Privatsammlung fügen sich diese Werke auch deshalb zu keiner homogenen Schau, weil die Künstlerinnen nur sehr ungleich vertreten sind. Platek und Roeder stellen die meisten Arbeiten. Mit Hannah Höch ist ausgerechnet die prominenteste dieser Vier mit lediglich einem und dazu noch untypischen Bild vertreten. Sammler Hubertus Schlenke interessierte sich nur für ihre „Trauernden Witwen“ von 1945, ein menschlich anrührendes, künstlerisch aber eher langweiliges Bild. Die dadaistisch experimentierende und damit wagemutige Höch interessierte den Sammler offenbar nicht.

Porträt, Stillleben, Mutter-Kind-Darstellungen: Die Motive vieler der hier versammelten Bilder bestätigen eher das Klischeebild einer risikoscheuen Frauenkunst als dass sie den Blick öffneten für Frauen mit der Lust am Wagnis der Avantgarde. Vor allem Emy Roeders Plastiken von Tieren und in weite Tücher verhüllten Menschen wirken aus heutiger Sicht wie aus der Zeit gefallen. Immerhin ist mit ihrer Bronze „Blinde“ von 1927 eine Plastik präsent, die 1955 bei der ersten Documenta in Kassel ausgestellt wurde. Felka Plateks Porträts sind in Osnabrück bestens bekannt. Sie waren immer wieder im Rahmen von Ausstellungen zu sehen.

Die Arbeiten von Doris Meyer-Vax prangern genau jene Gewalt an, der Felka Platek zum Opfer fiel. Ihr als Linolschnitt ausgeführtes Triptychon „Ritter, Tod und Teufel“ von 1972 trug später einfach den Titel „Faschismus“. Drei Szenen voll Brutalität und Grausamkeit. Die Ausstellung hat in diesem Bilderbogen ihren düsteren Höhepunkt. Schauen wir, welche Entdeckungen noch in der Stiftung Schlenkes warten. Die Bilder sind zwar gestiftet, befinden sich aber noch am Familiensitz in Ochtrup. Das Publikum wird sie deshalb erst nach und nach kennenlernen können.

Osnabrück, Museumsquartier: Höch, Meyer-Vax, Platek, Roeder. Sammlung im Dialog. Bis 25. September 2022. Di.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr. Empfang zur Ausstellung: 28. August 2022, 11.30 Uhr. Zur Ausstellungsinformation geht es hier.

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