Osnabrück  Herr Druyen, haben Superreiche Angst vor steigenden Preisen?

Corinna Clara Röttker
|
Von Corinna Clara Röttker
| 05.08.2022 16:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Thomas Druyen hat als Vermögensforscher schon viele Millionäre und Milliardäre interviewt. Foto: GUNTER DREISSIG
Thomas Druyen hat als Vermögensforscher schon viele Millionäre und Milliardäre interviewt. Foto: GUNTER DREISSIG
Artikel teilen:

Faktisch lässt die Inflation mehrfache Millionäre und Milliardäre zwar kalt, sagt Reichenforscher Thomas Druyen. Trotzdem hätten viele von ihnen Angst - und greifen zu vorsorgenden Maßnahmen.

Frage: Herr Druyen, haben Superreiche Angst vor steigenden Preisen?

Antwort: Im Prinzip nicht, denn es tangiert sie kaum. Unter einem Superreichen sollten wir uns allerdings jemanden vorstellen, der bei hundert Millionen Euro beginnt. Das größte Problem bei solchen Fragen ist immer wieder, dass Reiche in einen Topf geworfen werden und dann die Antworten teilweise absurd sind. Selbst zwischen jemandem, der 150 Millionen und jemandem, der 1 Milliarde besitzt, klaffen unfassbare Gestaltungsunterschiede. In beiden Sphären spielen allerdings Preisanstiege keine Rolle.

Frage: Das heißt, ob die Gasrechnung, der Sprit oder der Wocheneinkauf nun doppelt so hoch ist, lässt mehrfache Millionäre ziemlich kalt, weil sie die Preissteigerungen gar nicht so merken wie beispielsweise Ärmere?

Antwort: Da haben Sie faktisch recht. Aber die emotionale Wahrnehmung kann sehr unterschiedlich sein.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Sobald sich negative und bedrohliche Entwicklungen ergeben, kommt bei vielen Reichen die Angst auf, es könnte noch viel schlimmer werden und sie könnten alles verlieren. Diese Verlustangst ist bei Millionären erheblich größer als bei Milliardären. Das ist eine emotionale Tatsache, obwohl es paradox klingt. Natürlich sind uferlose Preissteigerungen für die Mehrheit der Bevölkerung extrem gefährlich und damit am Ende auch für die gesamte Gesellschaft inklusive der Superreichen. Keine Gruppe lebt allein.

Frage: Und wie reagieren die Superreichen auf die Inflation?

Antwort: Erstmal spielt die Dimension der Inflation eine wesentliche Rolle. Ist sie vorübergehend, langwierig oder exponentiell. Anhand dieser drei Schweregrade orientieren sich die psychischen Auswirkungen, sprich, welche Ängste oder Befürchtungen aufkommen. Ebenso spielt die Kultur eine Rolle, also ob es sich um Amerikaner, Engländer, Schweden oder Deutsche handelt. Je nachdem, woher sie kommen, haben sie ganz unterschiedliche Reaktionsweisen. Deutsche sind ganz schnell besorgt oder verängstigt, aber wenn etwas Negatives tatsächlich eintritt, sind wir sehr belastbar. Bei den Amerikanern ist es umgekehrt. Sie reagieren erst mal wesentlich cooler, aber im Ernstfall kippt die Souveränität total.

Frage: Der Normalbürger reagiert bereits auf die hohen Preise, indem er spart, kürzer duscht, beim Discounter einkauft oder Rad statt Auto fährt. Machen Superreiche sowas auch?

Antwort: In den letzten zwanzig Jahren haben wir keine so komplex bedrohliche Situation erlebt. Daher würde ich jetzt schon von einem aufkommenden Ausnahmezustand sprechen. Das Maß der uneinschätzbaren Gefahr ist so groß, dass es alle Milieus trifft und extrem verunsichert. Daher greifen auch Superreiche zu vorsorgenden Maßnahmen. Dabei geht es weniger um Einschränkung oder Sparen als um Prävention und Absicherung: zusätzliche Öfen, vorbereite Notunterkünfte mit gesicherter Versorgung, Silber- und Goldmünzen als Katastrophenwährung, aber auch alternative Reisepläne, um bei Bedarf irgendwo in einem sicheren Land zu überwintern. Oder aus Angst vor einer atomaren Eskalation verlassen einige sogar den Kontinent.

Frage: Sie sprechen es an: Zusätzlich zur Inflation kommen derzeit der Ukraine-Krieg, Klimawandel, Corona – wie erleben Superreiche diese Gefahren?

Antwort: Unangenehm. Eine sich ausweitende und zuspitzende Gefahrenlage kennen die meisten Menschen überhaupt nicht mehr aus eigenem Erleben. Insofern handelt es sich um eine unbekannte Herausforderung, der man auch schlecht vorbeugen kann. Vor diesem Hintergrund ist Superreichtum sicherlich ein riesiger Vorteil, aber keine Garantie. Weder für Sicherheit noch für eine gut ausgehende Zukunft. An dieser Stelle verkehrt sich das materielle Vermögen bei manchen Vorsichtigen psychologisch ins Gegenteil. Es wird zur Belastung, da die Angst es zu verlieren, größer wird. Das mögen Unvermögende als verrückt empfinden, aber es kann zu ganz unangenehmen Dauerpanik führen.

Frage: Weil sie Angst haben, ihr Vermögen zu verlieren?

Antwort: Ja, diese Angst gibt es. Nicht bei allen, aber bei jenen, die unsicher sind. Ich nenne dies Verlustaversion. Sie hat immer mit dem eigenen Charakter, der eigenen Persönlichkeit, dem eigenen Selbstbewusstsein und dem eigenen Mindset zu tun. Natürlich gibt es auch das Gegenteil. Spieler und Abenteurer, die in solchen Krisen aufblühen. Wo Gefahren lauern, bieten sich eben auch Chancen. Diese psychische Spannung können viele aber nicht aushalten.

Frage: Dabei könnten doch eigentlich gerade die Superreichen recht gelassen sein, immerhin können sie beispielsweise auf eigene Berater zurückgreifen, während unser eins sich selbst überlassen ist.

Antwort: Mit den Beratern ist das so eine Sache. Es gibt keine Beratung ohne Selbstzweck, da es sich zumeist um Dienstleistungen handelt, die erfolgsorientiert sind. Das bleibt ein zweischneidiges Schwert. Wie auch bei Ärzten muss man Glück haben bei der Wahl derjenigen, die einem Entscheidungshilfen geben. Die Entscheidung muss man letztlich selber treffen und damit auch die Verantwortung. Selbstlosigkeit habe ich in meinen fast 30 Jahren Vermögensforschung tatsächlich nur bei Butlern erlebt. Auch auf der Titanic half ein Berater kaum, außer dass man nicht allein ertrinken musste.

Ähnliche Artikel