Fall im Kreis Leer  Die Sucht, Tiere zu sammeln – wie kann es so weit kommen?

Vera Vogt Carsten Ammermann
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Von Vera Vogt und Carsten Ammermann
| 01.08.2022 15:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Fast 50 Katzen wurden vor Kurzem eingefangen. Fotos: Ammermann
Fast 50 Katzen wurden vor Kurzem eingefangen. Fotos: Ammermann
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Es ist einer der krassesten Fälle des Tierehortens, den Tierheimleiterin Iris Holzapfel kennt. Fast 50 Katzen wurden in Flachsmeer eingefangen. Wie kommt es so weit und wie geht es nun weiter?

Rheiderland - Verklebte Augen, abgemagerte Körper: Fast 50 Katzen mussten aus einem Haus in Flachsmeer geholt werden. Mitarbeiter des Veterinäramtes sprachen von „erheblichen Missständen und Hygienemängeln“. Auch kranke Katzen mit Hinweisen auf Katzenschnupfen und Durchfall wurden gefunden. Traurige Bilanz: 48 Katzen und zwei Kaninchen wurden abgeholt, eigentlich hätten sie aber gar nicht mehr da sein dürfen. Eigentlich war schon am 1. Juli ein Tierhaltungsverbot ausgesprochen worden.

Die Tiere wurden in die Tierheime in Stapelmoor und Jübberde gebracht. „Sie müssen sich erst einmal erholen“, sagt Iris Holzapfel, die Leiterin des Tierheimes in Stapelmoor. Es sei einer der krassesten „Animal-Hoarding“-Fälle, die sie kenne, sagt sie. Auf deutsch könnte man den Begriff mit „Tierhorten“ oder „Tier-Sammelsucht“ übersetzen.

Das passiert jetzt mit den Tieren

„Noch ist nicht klar, wie es genau für die Tiere weitergeht“, sagt Holzapfel. Das liege zum einen auch im Entscheidungsbereich der Behörden, zum anderen gehe es jetzt erst einmal darum, die Tiere wieder aufzupäppeln, viele müssten auch tierärztlich behandelt werden. Die Kosten für die Unterbringung und die Behandlung müssten von den Tierhaltern getragen werden, erklärte eine Kreissprecherin Anfang vergangener Woche nach dem Einsatz. Weitere Nachkontrollen, um zu prüfen, ob das Tierhalteverbot eingehalten wird, soll es geben. Nach Informationen dieser Zeitung soll das Haus in Flachsmeer nicht das erste gewesen sein, in denen die Halter so viele Tiere untergebracht haben.

„Weitere Kontrollen halte ich in vielen Fällen für sinnvoll“, sagt Holzapfel. Häufig meinten es die Menschen gut und seien davon überzeugt, dass sie die Lage unter Kontrolle haben. „Sie denken, dass sie den Tieren gerecht werden“, sagt sie. Bei 48 Katzen sei das aber unmöglich. „Es ist mindestens ein Vollzeitjob, sich um so viele Tiere zu kümmern. Hinzukommen die Tierarztkosten, die Pflege der Tiere, das Saubermachen“, sagt sie. Das sei für Einzelpersonen oder eine Familie nicht machbar. „Am Ende leiden die Tiere.“

Krankheit noch wenig bekannt

Das unterstreicht auch der Deutsche Tierschutzbund. Das Animal-Hoarding beschreibe „ein Krankheitsbild, bei dem Menschen Tiere in einer großen Anzahl halten, sie aber nicht mehr angemessen versorgen. Es fehlt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung. Die Halter erkennen nicht, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht“, teilt der Verein mit. Ein weiteres Problem: In Fällen von Animal Hoarding bräuchten sowohl die Tiere als auch die Menschen dringend Hilfe. „Doch hierzulande ist die Krankheit noch wenig bekannt.“

Die Katzen und Kaninchen wurden in Tierheimen untergebracht.
Die Katzen und Kaninchen wurden in Tierheimen untergebracht.
Es gebe laut Tierschutzbund drei Kriterien, an denen man erkennen könnte, dass sich das Tierhorten anbahne: Erstens werden mehr als die durchschnittliche Anzahl Tiere gehalten (in Deutschland: bis zu etwa drei Hunden, drei bis vier Katzen, fünf Nager). Zweitens sind es für das Platzangebot zu viele Tiere in den Räumen oder auf dem Gelände (Minimalanforderungen gemäß Tierschutzgesetz, Einschätzung des Veterinärs). Drittens zeigt sich die Person keine Einsicht, dass der Tierbestand reduziert werden muss. Der Tierschutzbund hat gemeinsam mit Amtstierärzten und Psychologen eine Arbeitsgruppe gegründet, um diejenigen, die sich beruflich mit diesem Krankheitsbild auseinandersetzen - wie Tierheimmitarbeiter, Staatsanwälte, Mitarbeiter im sozialpsychologischen Dienst - zu informieren.

Ämtern sind die Hände gebunden

Wenn man mitbekommt, dass Tiere unter schlechten Bedingungen leben, liegt die Zuständigkeit beim Landkreis Leer und dem dortigen Veterinäramt. Aber so einfach ist es nicht, weder für denjenigen, dem etwas auffällt, noch für die Ämter aktiv zu werden: „Viele Tiersammler schotten sich nach Außen hin ab“, teilt der Tierschutzbund mit. Auch für engagierte tierschutzorientierte Veterinärämter sei der Umgang deshalb sehr schwierig. „Sie halten ihre Tiere in eingezäunten, nicht einsehbaren Grundstücken oder Wohnungen. Oftmals ahnen die Nachbarn bereits längere Zeit, dass etwas nicht stimmt.“ Bei der Redaktion meldete sich jemand, der beklagte, dass er versucht habe, den aktuellen Fall schon weit früher an einem anderen Wohnort bei der Polizei oder dem Veterinäramt zu melden.

„Das Veterinäramt, das dann eingeschaltet wird, versucht Zutritt zu dem Grundstück zu erlangen“, erklärt der Tierschutzbund. Werde das nicht freiwillig gewährt, müsse er das Betretungsrecht erwirken. „Hierzu muss das Veterinäramt dem Staatsanwalt Beweise für einen Anfangsverdacht liefern, was aber – bei völliger Abschottung des betreffenden Tierhalters – oftmals in der Praxis schwierig ist.“

Der letzte Schritt

Auch die Polizei hat es nicht leicht: „Wir selbst haben leider kaum Möglichkeiten, tätig zu werden“, erklärt Polizeisprecherin Frauke Bruhns. Gerade in den Fällen, in denen Tiere ausschließlich in der Wohnung gehalten werden, sei das Betreten der Wohnung bei einem Verdacht auf Missstände nicht problemlos möglich. Das Veterinäramt werde in jedem Fall von der Polizei informiert und koordiniere weitere Maßnahmen.

„Selbst wenn das Veterinäramt den Zutritt zum Grundstück erlangt und offensichtliche Mängel feststellt, beginnt oftmals ein jahrelanges Katz- und Maus-Spiel“, so der Tierschutzbund. Mit Gesprächen, Bußgeldern und im letzten Schritt durch Tierzahlbegrenzungen oder Beschlagnahmung versuchten die Veterinärämter, die betreffenden Tierhalter zum Umdenken zu bewegen.

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