Osnabrück Hohe Beute, wenig Risiko: Warum Geldautomatensprenger kaum zu stoppen sind
Tarik B. soll ein „dicker Fisch“ bei der Organisation von Geldautomatensprengungen sein. Jetzt steht der Niederländer mit zwei weiteren Männern vor Gericht in Osnabrück. Der Prozess könnte Einblicke in die ansonsten abgeschottete Welt der Panzerknacker geben.
Fast täglich fliegt irgendwo in Deutschland ein Geldautomat in die Luft. Meistens entkommen die Täter unerkannt - vermutlich mit Vollgas über die Autobahnen in Richtung Niederlande. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, bei dem die Automatensprenger fast immer gewinnen.
In Osnabrück müssen sich jetzt drei Männer vor Gericht verantworten, die in unterschiedlichen Konstellationen hinter einer Reihe von Sprengungen unter anderem in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen stecken sollen.
Die Beute nach Informationen unserer Redaktion: mehrere Hunderttausend Euro binnen nicht mal eines Jahres. Über einen der Angeklagten heißt es zumindest in den Niederlanden, er sei ein „dicker Fisch”: Tarik B., 36 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in der Nähe von Utrecht.
Die Großstadt gilt als Hochburg der Automatensprenger, „Plofkraker“ auf Niederländisch. Mehrere Hundert Personen ordnen die Sicherheitsbehörden im Nachbarland diesem sehr verschlossenen Zirkel zu. Der Fall vor dem Landgericht Osnabrück gegen B. und zwei weitere Männer gibt tiefe Einblicke in diese Parallelwelt voll schneller Autos und jeder Menge Sprengstoff.
Dabei war B. selbst mutmaßlich bei keiner der angeklagten Taten vor Ort. Weder in Schüttorf in der Grafschaft Bentheim, wo ein komplettes Wohnhaus nach der Sprengung in Brand geriet und sich die Bewohner so gerade eben in Sicherheit bringen konnten. Oder in Elmshorn, Kreis Pinneberg, wo die Täter auf der Flucht ihr Auto zu Schrott fuhren und sich vergeblich auf einem Friedhof vor der Polizei versteckten.
Der „dicke Fisch“ B. blieb offenbar in den Niederlanden und ging den deutschen Ermittlern doch ins Netz. B.s Verteidiger Joe Thérond wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen gegen seinen Mandanten äußern. Gegebenenfalls werde B. dann im Prozess Stellung beziehen. Am Mittwoch, 3. August, um 9 Uhr in Saal 1 des Landgerichtes geht es los.
B. wird aus der Untersuchungshaft in Handschellen vorgeführt werden. Er sitzt in einer Justizvollzugsanstalt in Niedersachsen ein. Das dem so ist, hängt mit vielen Zufällen und der Hartnäckigkeit deutscher Ermittler zusammen, deren Einsatz gegen Automatensprenger einem Kampf gegen Windmühlen zu gleichen scheint.
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Rückblende in die frühen Morgenstunden des 25. Mai des Jahres 2020: Über Rellingen in Schleswig-Holstein liegt noch die Nacht, die meisten Menschen schlafen als ein schwarzer Mercedes auf einen Autostellplatz einbiegt und ein Carport rammt. Laute Geräusche schrecken einen Anwohner auf. Er schaut aus dem Fenster und sieht das Fahrzeug samt zwei junger Männer, die gerade aussteigen.
Seltsam, eigentlich gehört der Stellplatz doch seiner Nachbarin, die gerade im Urlaub ist. Die Männer grüßen mit einem „Moin” und laufen in Richtung Friedhof weiter. Der Augenzeuge ruft die Polizei, die schnell schaltet: Der schwarze Mercedes war das Fluchtfahrzeug bei einer Automatensprengung in Elmshorn. Mit gut 100.000 Euro Beute in den Taschen und rund 200 Stundenkilometern rasten die Täter davon.
Auf ihrer Flucht überholten sie ein Polizeifahrzeug, fuhren durch eine Straßensperre und kamen dann erst in dem Carport in Rellingen zum Stehen. Der Mercedes war stark beschädigt. Die vom Anwohner alarmierte Polizei entdeckte die beiden Männer auf dem Friedhof. Sie wurden im Mai 2021 vom Landgericht Itzehoe zu Haftstrafen verurteilt.
Das Leeraner Kennzeichen an dem Fahrzeug war gestohlen. Eigentlich handelte es sich um einen Mietwagen aus den Niederlanden. Die Überprüfung der Ermittler ergab: Offenbar hatte Tarik B. den Mercedes wenige Tage zuvor angemietet; wieder einmal der „dicke Fisch” aus Utrecht. Er soll es auch gewesen sein, der den Fluchtwagen bei der spektakulären Automatensprengung wenige Monate zuvor in Schüttorf, Grafschaft Bentheim angemietet hatte. Zumindest wird ihm das in der aktuellen Anklage vorgeworfen.
B. ist den deutschen Ermittlern und der deutschen Justiz kein Unbekannter. Er wurde bereits „wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion in Tateinheit mit Diebstahl und Sachbeschädigung“ vom Landgericht Hagen verurteilt. Nach einigen Monaten in einem Gefängnis in NRW wurde er in sein Heimatland überstellt und unter der Auflage, eine Fußfessel zu tragen, entlassen.
Nicht einmal drei Jahre nach dem Hagener Urteil explodierte der Geldautomat in einer Filiale der Deutschen Bank in Schüttorf. Dieses Mal nicht durch das Einleiten von Gas, sondern durch Sprengstoff. Die Automatenknacker hatten zwischenzeitlich aufgerüstet.
Stimmen die aktuellen Vorwürfe, fand B. sehr schnell wieder Beschäftigung in seinem alten „Gewerbe”. Allerdings laut Anklage nicht als Automatensprenger, der durch Deutschland rast. Er soll sich als Logistiker in den Niederlanden in der Vorbereitung der Sprengungen verdingt haben.
Das schlussfolgern zumindest die Ermittler. Mithilfe der GPS-Daten der Fußfessel konnten sie sein Bewegungsprofil nachzeichnen, B. mit den Anmietungen der Fahrzeuge und so wiederum mit den Sprengungen der Automaten in Verbindung bringen.
Das Ergebnis ist die aktuelle Anklage vor dem Landgericht Osnabrück. Neben B. müssen sich zwei 28-Jährige verantworten, die auf unterschiedliche Weise an Aktionen beteiligt gewesen sein sollen. Etwa in dem sie laut Anklage Sprengstoff beschafften und Autos damit ausstatten, die Fahrzeuge von A nach B fuhren oder eben selbst in Banken Automaten hochjagten.
Werden sie nun vor Gericht auspacken? Im Zuge der Vernehmungen, so heißt es, sollen sich alle drei sehr mit Angaben zurückgehalten haben. Die Plofkraker-Szene ist verschwiegen. Wer spricht, riskiert offenbar seine Gesundheit. Mehrere Personen im Zuge dieser Recherche bitten darum, nicht namentlich erwähnt zu werden.
Auch wenn deutsche und niederländische Ermittler seit Jahren hinter den Automatensprengern her sind, gelangen den Behörden bislang doch nur Nadelstiche.
Das gilt rückblickend auch für die Razzia im September 2021, bei der Tarik B. und weitere Personen festgenommen wurden. 15 Taten in Deutschland werden ihnen zugeordnet. Von einem „empfindlichen Schlag” war damals in Pressemitteilungen zu den Durchsuchungen die Rede.
Es dauerte aber nur wenige Tage, da explodierten wieder Geldautomaten in Deutschland. Der Pool an potenziellen Tätern scheint unerschöpflich. Das Risiko erwischt zu werden, ist gering. Und selbst wenn: Der Fall B. zeigt, wie schnell sie wieder draußen sind.
Die Beute ist dafür umso größer und verlockender. Ein erfahrener Ermittler formuliert es so: „Bankräuber sind früher ein viel größeres Risiko eingegangen und sind - wenn es dann geklappt hat - mit einer deutlich geringeren Beute nach Hause gegangen.”
Ungeachtet der Vielzahl an Taten sind die Automaten in Deutschland allem Anschein nach immer noch voll gepackt mit Geld und unzureichend gesichert. In den Niederlanden selbst und andernorts gibt es kaum noch Sprengungen, seitdem die Banken nachgerüstet haben: Im Falle einer Explosion wird das Geld mit Farbe besprüht und dadurch unbrauchbar.
Solche Automaten sind in Deutschland noch die Ausnahme. Im Mai vergangenen Jahres scheiterten Automatensprenger in Lingen im Emsland. Als die Polizei an den Tatort kam, lagen mit roter Farbe durchtränkte Geldscheine auf dem Boden.
Wäre diese Technik überall verbaut, sind Sicherheitskreise überzeugt, hätte es sich schnell erledigt mit den Automatensprengungen. „Aber so lange die Täter sicher davon ausgehen können, große Beute machen zu können, wird sich nicht viel ändern. Der Anreiz, das schnelle Geld zu machen, ist zu groß”, sagt ein Ermittler.
Der Blick auf Sprengungen in den zurückliegenden Jahren zeigt: In den Automaten werden große Mengen Bargeld verwahrt - oft im fünfstelligen Bereich, manchmal auch deutlich mehr als 100.000 Euro pro Automat.
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Wo das Geld am Ende landet, ist unklar. „Glücksspiel, Prostitution, Drogen”, fasst ein Szenekenner aus Utrecht den Lebensstil der Automatensprenger zusammen. Was an Geld reinkäme, würde zügig verprasst. Dass es eine Ebene oberhalb der Sprenger und Logistiker gebe - also einen Boss von Tarik B. - sei zwar wahrscheinlich, aber genau wisse das niemand.
„Man darf sich das nicht so vorstellen wie bei der Mafia, wo ein Pate das Sagen hat”, sagt der Beobachter. Die Pflofkraker seien eher locker miteinander verbunden. Oft treffe man erst im Tatfahrzeug auf „seine Kollegen für den Job in Deutschland”. Das haben auch Ermittlungen deutscher Behörden bestätigt.
Und so geht das Millionengeschäft mit den Geldautomaten in Deutschland weiter. Mit oder ohne Tarik B.. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm wieder mehrere Jahre Gefängnis. Und nach einer gewissen Zeit würde er vermutlich wieder in die Niederlande überstellt. Er kennt das schon.