Munster Kommt Lithium für E-Autos bald auch aus Niedersachsen?
Es ist bislang ein einzigartiges Projekt: Im Zusammenhang mit einem Geothermie-Projekt wollen die Stadtwerke Munster-Bispingen auch Lithium gewinnen. Das Element wird unter anderem für die Produktion von Batterien für E-Autos benötigt.
Für Jan Niemann ist es ein Projekt mit Leuchtturm-Charakter: Eigentlich wollte der Chef der Stadtwerke Munster-Bispingen lediglich in regenerative Energien investieren. Doch umgeben von Bundeswehrstandorten, kommt Windenergie nicht infrage. Stattdessen ist ein Geothermie-Projekt geplant, um die Stadt Munster und die Bundeswehr mit Wärme zu versorgen. Allerdings: Das warme Wasser einer ehemaligen Erdgasförderstelle aus fünf Kilometer Tiefe ist nicht nur für das Energie-Projekt interessant. Darin befinden sich auch kleine Partikel, ohne die kein Smartphone, kein Laptop, kein Elektroauto funktioniert: Lithium-Ionen.
Der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) zufolge könnte allein der Lithium-Bedarf für die Elektromobilität in Deutschland bis 2030 auf mindestens 49.000 Tonnen steigen. Bislang wird Lithium vor allem in Minen in Australien, Chile, China und Argentinien gefördert. Allein in Australien wurden im vergangenen Jahr 55000 Tonnen abgebaut. Es wird nach China transportiert, wo es weiterverarbeitet und dann erst nach Europa exportiert wird. Die größten Reserven liegen in Chile, Australien und Argentinien.
Wo in Minen im vergangenen Jahr am meisten Lithium abgebaut wurde, zeigt diese Grafik:
Der Beitrag, den die Lithium-Förderung aus dem heißen Wasser der Geothermie-Bohrung der Stadtwerke Munster-Bispingen leisten könnte, ist, daran gemessen, eher gering. Mit bis zu 500 Tonnen pro Jahr rechnet Niemann. „Das ist eine respektable Menge. Bei andere Vorhaben wie im Oberrheingraben sind es deutlich weniger“, sagt der Stadtwerke-Chef. Dort hat das deutsch-australische Start-up Vulcan Energie Pläne.
Dass der Lithiumgehalt in Munster besonders hoch ist, bestätigt auch das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG). In Wasserproben aus den Erdschichten des Rotliegenden, Zechsteins und Buntsandsteins in 2000 bis 4000 Meter Tiefe sind laut Behörde bislang Lithiumgehalte bis circa 250 Milligramm pro Liter gemessen worden. „Bei dem Vorhaben in Munster wird von einem Lithiumgehalt von 353 Milligramm pro Liter und Tiefen von 5000 Metern gesprochen“, so das LBEG.
Das Prinzip, Lithium als Nebenprodukt eines Geothermie-Projekts zu fördern, ist dabei eigentlich ganz einfach: Die Extraktion erfolgt aus dem Thermalwasserkreislauf. Das Wasser wird aus gut 5000 Metern gefördert und nach der thermischen Nutzung wieder in den Boden zurückgeführt. An einem Punkt in diesem Kreislauf werden die Lithium-Ionen herausgefiltert und konzentriert.
Ob das allerdings wirtschaftlich klappt, steht ebenso wenig fest wie die konkrete Menge Lithium, die in Munster aus dem Thermalwasser extrahiert werden könnte, so Stadtwerke-Chef Niemann. Im günstigsten Fall könnte das Projekt 50 Kilogramm Lithium in der Stunde zutage bringen, rechnet Geologe Dieter Michalzik vor, Geschäftsführer der GeoDienste GmbH aus Wunstorf, der das Stadtwerke-Projekt geologisch betreut. Das wäre genug für etwa fünf E-Auto-Batterien. Bei einer vorgesehenen Laufzeit von 8500 Stunden summiert sich das auf eine Menge von bis zu 500 Tonnen Lithium pro Jahr als Nebenprodukt der Geothermie.
Abschließend genehmigt ist das Projekt in Munster derweil noch nicht. Bislang hat das LBEG lediglich eine Aufsuchungserlaubnis erteilt – zum ersten und bislang einzigen Mal im Aufsichtsbezirk der Behörde, der die Bundesländer Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein umfasst. Knapp 42 Quadratkilometer ist das Erlaubnisfeld „Hollmoor“ groß.
Dennoch planen die Stadtwerke schon die nächsten Schritte. Im Frühjahr 2023, so Chef Niemann, soll das bestehende Erdgasbohrloch, das die Stadtwerke von Exxonmobile übernehmen, minimal vertieft werden. „Ich hätte mir gewünscht, dass das schon dieses Frühjahr passiert“, so Niemann. Schlimm sei die Verzögerung aber nicht. Man habe die Zeit gut genutzt – und sowohl das Geothermie-Projekt als auch die Lithium-Förderung seien im aktuellen sicherheits- und energiepolitischen Kontext relevanter denn je, sagt der Stadtwerke-Chef. Auch für die Stadt Munster und die Bundeswehr.
Die Statista-Grafik zeigt, wie viel Lithium ein E-Auto benötigt:
Dass das Start-up Vulcan Energy am Oberrheingraben schon etwas weiter ist als die Stadtwerke in Munster und sich schon Abnehmer in der Automobilindustrie gesichert hat, sieht Jan Niemann gelassen. „Der Bedarf an Lithium wird so groß sein, dass beide Bezugsquellen gebraucht werden“, ist er überzeugt. Und: „Die Erfahrungen, die das Unternehmen sammelt, sind für uns Gold wert. Darauf können wir aufbauen.“ Auch wenn aufgrund der unterschiedlichen chemischen Zusammensetzung der Thermalsolen im Oberrheingraben und im Norddeutschen Becken dort entwickelte Verfahren voraussichtlich nicht eins zu eins auf norddeutsche Standorte übertragbar sind. Als wichtig sieht es der Stadtwerke-Chef an, die Potenziale, die in Deutschland vorhanden sind, zu nutzen, wenn es wirtschaftlich ist.
Was die Wirtschaftlichkeit in Munster angeht, sieht Niemann die Lithium-Förderung jedoch immer als Teil des Geothermie-Projekts, das für die Stadtwerke im Vordergrund steht. Das Kraftwerk müsse auch erst einmal laufen, bevor mit der Lithium-Gewinnung begonnen werden könne. Dennoch hat die Förderung des Rohstoffs vor der eigenen Tür auch aus Umweltgesichtspunkten für den Stadtwerke-Chef ihren Charme. Auch wenn das niedersächsische Wirtschaftsministerium etwas einschränkt: Bleiablagerungen könnten zu großen verfahrens- und umwelttechnischen Herausforderungen werden, insbesondere die Entsorgung dieser schwach radioaktiven Stoffe. „Daher ist derzeit völlig unklar, ob die Lithiumgewinnung aus norddeutschen Thermalsolen überhaupt möglich ist“, heißt es seitens des Ministeriums auf Anfrage.
Dass es möglich ist, will man in Munster zeigen. Und hofft für das Gesamtprojekt auf eine Förderung des Landes. „Ich hoffe, dass noch vor dem Sommer eine Entscheidung fällt“, sagt Stadtwerke-Chef Niemann. Derzeit rechnet er mit Gesamtkosten in Höhe von rund 45 Millionen Euro – allerdings könnten Preissteigerungen diese Summe weiter in die Höhe treiben. Für das Lithium-Projekt suche man aktuell auch den richtigen Investor. „Es gibt viele Interessenten“, so Niemann. Entscheidend für das Projekt sei es, am Ball zu bleiben. So gehe es in kleinen Schritten, aber doch immer weiter voran. „Wir leisten Pionierarbeit.“
Und Niemann denkt auch schon einen Schritt weiter. Ist das erste Projekt erfolgreich, kann sich der Stadtwerke-Chef durchaus vorstellen, ein zweites Bohrloch zu erschließen. „Das hängt aber auch vom Wärmebedarf ab.“
Insgesamt sieht er für Geothermie-Projekte im Norddeutschen Becken viel Potenzial. Und das bedeutet auch gute Chancen für die Lithium-Gewinnung, ergänzt Geologe Dieter Michalzik. Wenn endgültig der Nachweis erbracht sei, dass eine industrielle Extraktion technisch und wirtschaftlich machbar sei, werde ein Run auf Erlaubnisfelder in Norddeutschland einsetzen – wie es bereits im Oberrheingraben der Fall sei, prognostiziert Michalzik.