Bayreuth  Bayreuther Festspiele feiern mit „Tristan und Isolde“ die ewige Liebe

Ralf Doering
|
Von Ralf Doering
| 26.07.2022 13:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Strudel der Gefühle: Catherine Foster als Isolde und Stephen Gould als Tristan bei der Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele. Foto: Enrico Nawrath
Strudel der Gefühle: Catherine Foster als Isolde und Stephen Gould als Tristan bei der Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele. Foto: Enrico Nawrath
Artikel teilen:

Zwei Jahre lang war das Publikum der Bayreuther Festspiele auf Entzug. Jetzt durfte es die Premiere von „Tristan und Isolde“ erleben - und feierte das Ereignis mit begeistertem Applaus. Zurecht?

So versöhnlich, so anrührend wie dieses Jahr ist schon lange keine Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele zu Ende gegangen. Während Catherine Foster Isoldes Schlussgesang anstimmt, wackelt ein altes Ehepaar herein, umrundet die Bühne, er links-, sie rechtsherum, trifft sich wieder und schreitet langsam, omaopahaft, nach vorne. Während die Musik aus dem Graben entschwebt, taucht zuerst ein Gaze-Vorhang die Bühne ins Traumlicht, dann sinkt, langsam, langsam, der Vorhang. In den letzten Klang hinein bricht das Publikum im Bayreuther Festspielhaus in Jubel aus, als hätte man einem Weltereignis erster Güte beigewohnt.

Dieses Schlussbild von „Tristan und Isolde“ greift auf, was Richard Wagner in diesem seinem Liebesdrama vorgibt: Nach fast vier Stunden Musik beklagt König Marke – wirklich großartig gesungen von Georg Zeppenfeld – die ganze Tragödie, die seinen Freund Tristan dahingerafft hat. Das Gestühl und die Hitze im Festspielhaus sind da zur kaum noch erträglichen Tortur geworden, man wünscht sich eigentlich nur noch das Ende. Doch dann blüht eine nahezu überirdisch schöne Musik auf, die Dirigent Markus Poschner vom Orchester der Bayreuther Festspiele zart und luftig intonieren lässt, und dazu singt Catherine Foster überirdisch schön, füllig im Stimmklang und perfekt gestaltet. Hitze und Folterstühle sind vergessen; so könnte es noch ewig weitergehen.

Wagners Apotheose und die Rührseligkeit an der Grenze zum Kitsch des Regisseurs Roland Schwab gehen in diesem Moment eine symbiotische Beziehung ein, für einen überwältigenden Schluss des Abends. Allerdings: Vergessen machen diese letzten Minuten nicht, wie unbeholfen Manches in diesem „Tristan“ auf der Bühne des Festspielhauses aussieht.

Das muss man allerdings in Beziehung setzen zu den besonderen Umständen dieser Produktion. „Tristan“ ist der Joker der diesjährigen Festspiele: Ein Werk, das auch noch gespielt werden kann, wenn Corona den halben Chor ausbootet.

Im Dezember 2021 hat Schwab erfahren, dass er die „Handlung in drei Aufzügen“ inszenieren soll, gemessen an den üblichen Vorlaufzeiten im Theaterbetrieb, musste er seine Regie in Schallgeschwindigkeit entwickeln. Und dann musste Markus Poschner gewissermaßen auf der Zielgeraden die musikalische Leitung übernehmen, weil der ursprünglich vorgesehene Dirigent Cornelius Meister den an Corona erkrankten Pietari Inkinen als „Ring“-Dirigent ersetzen muss.

Gemessen an diesen verrückten Umständen ist Schwab eine solide Inszenierung gelungen. Die Handlung beginnt auf einem Kreuzfahrtschiff: Hier muss Brangäne (Ekaterina Gubanova) das Wüten ihrer Freundin Isolde ertragen, hier begegnen sich Tristan und Isolde und verlieben sich unsterblich ineinander. Zentrales Element auf diesem Schiff ist der Pool, den die Figuren umrundet wie die Katze den heißen Brei, und tatsächlich verwandelt sich der Pool, analog zu den emotionalen Wirbelstürmen, in einen alles verschluckenden Strudel, ein schwarzes Loch. Im Bühnenbild von Piero Vinciguerra spiegelt sich der absolute Liebeswahn, in den das Protagonistenpaar versinkt.

Die Gefühle sind hier kein Rausch, sondern ein galaktisches Ereignis. Deshalb wird der Pool im zweiten Akt zum Abbild des Weltalls, und je intensiver die Gefühle, desto schneller ziehen Sterne und Planeten ihre Bahn, bis von der Welt nur noch ein weißes Grisseln bleibt. Aufgeräumt, ein bisschen klinisch sieht das alles aus – und ein bisschen hilflos, weil sich die Darstellung auf dramatisch ausgebreitete Arme beschränkt und die Figuren sich etwas hölzern durch Raum und Zeit bewegen.

Dass vier Stunden Musik und Handlung trotzdem nicht zur drögen Angelegenheit werden, liegt am Händchen der Bayreuther Festspiele für die richtigen Sängerinnen und Sänger. Stephen Gould ist ein vor Kraft strotzender Sänger, dessen Tenor die Tortur der Partie locker durchsteht – auch die rund vierzig Minuten Todeskampf, die Wagner ihn im dritten Aufzug komponiert hat. Noch überwältigender aber singt Catherine Foster die Isolde. Dank der sinnlichen Fülle ihres dramatischen Soprans wird Isolde zu selbstbewussten, Frau, die wütet, leidet, liebt und das musikalisch feinsinnig und detailliert darlegt. Georg Zeppenfeld als Marke ist ebenfalls eine Wucht, Gubanova als Brangäne und Markus Eiche als Tristans Freund Kurwenal liefern soliden Gesang.

Zum ersten Mal bei den Bayreuther Festspiele:

Einen grandiosen Einstand am Grünen Hügel feiert schließlich Markus Poschner als musikalischer Leiter. Er braucht zwar ein paar Momente, um sich auf die speziellen Gegebenheiten des Hauses einzustellen, hält dann aber Bühne und Orchester gut zusammen. Vor allem aber nimmt er sein Publikum mit auf eine Reise durch emotionale Täler und Höhen, vorbei an schwarzen Löchern und manchmal beherzt mittenrein. Wer dem Orchester unter Poschner zuhört, erfährt ziemlich genau, wie Gefühle von galaktischen Ausmaßen die beiden Liebenden beutelt und überwältigt.

Deshalb geht das ganze Konzept schließlich auch auf: Dank Poschner bleibt die Handlung im Fluss, auch wenn die Darstellung auf der Bühne sich in Sängerklischees erschöpft, wenn Schwab echte Nähe nur sehr, sehr selten zulässt. Doch die eigentliche Botschaft, nämlich wie erfüllend lebenslange Liebe sein kann, wie schön das Leben doch ist - die kommt an. Denn das ist doch genau die Botschaft, die wir derzeit hören wollen, in Zeiten von Corona, Krieg und Klimakatastrophe, oder? Vier Stunden netto, mit Pausen sechs Stunden lang der Welt entrückt: Das feiert das Premierenpublikum an diesem Abend.

Ähnliche Artikel