Hamburg Ramona Koch: Diese Penny-Markt-Chefin ist deutschlandweit bekannt
Der Penny-Markt auf der Reeperbahn ist über Hamburgs Stadtgrenzen bekannt. Filialleiterin Ramona Koch sorgt seit neun Jahren dafür, dass hier niemand durchdreht. Vor allem nicht sie selbst.
„Welcome 2 Hell“ (Willkommen in der Hölle) steht in orangefarbener Graffiti-Schrift an einer Säule im Eingangsbereich der Penny-Filiale auf der Reeperbahn. Es war Ramona Kochs Wunsch, dass dieser Spruch dort angesprüht wird. Er beschreibt das, was die 41-Jährige sich jeden Morgen denkt, wenn sie ihre Arbeit beginnt: „Willkommen in meiner kleinen Hölle.“
Warum es ein Höllenjob sein kann, im Penny auf der Reeperbahn zu arbeiten, das versteht, wer die Spiegel TV Reportage von Markus Grün aus dem Jahr 2007 kennt. Der Regisseur dokumentierte den Tagesablauf von Angestellten - vor allem mit einem Fokus auf betrunkene Kunden, die für Chaos und Polizeieinsätze sorgen.
In der Corona-Pandemie wurden der TV-Fünfteiler auf der Internetplattform Youtube veröffentlicht, erlangte in kürzester Zeit Millionen-Aufrufe und Kult-Status. Es gibt sogar einen eigenen Instagram-Account, der sich in Form von Memes den Kiezseelen und Partygängern widmet. Etwa Harald Krull, selbsternannter Kapitän zur See, der unter anderem mit seiner Aussage „Frauen sind mir heilig“ auf Social Media gefeiert wird.
Der heimliche Star der Dokumentation ist indes kaum noch wiederzuerkennen. Einige Zeit nach der Ausstrahlung wurde der Kult-Discounter grundlegend renoviert. Zur Wiedereröffnung kam niemand Geringeres als Kiez-Größe Olivia Jones. Ähnlich schrill wie die Kleidung der Dragqueen wirkt auch das Interieur des Marktes. Die Neon-Lichterwelt atmet den Geist der Gentrifizierung. Mitten drin arbeitet Koch, authentischer Mittelpunkt dieses Mikrokosmos.
Was für die einen pure Unterhaltung ist, ist für die 41-Jährige Arbeitsalltag. Seit neun Jahren leitet sie den Kiez-Markt - noch nie hat es jemand so lange durchgehalten. Der Markt war durch die TV-Doku schon Kult, als Koch hier anfing.
„Du liebst oder du hasst es hier. Einen Mittelweg gibt es nicht“, sagt sie an einem frühen Samstagmorgen Mitte Juni. Manchmal sei sie selbst überrascht über die vielen Jahre, dachte sie doch gerade in ihrem ersten Jahr immer wieder ans Aufhören. „Jeden Tag Theater, jeden Tag Polizei“, bestätigt sie das, was viele nur aus der Spiegel TV-Reportage kennen. Schließlich habe sie ihre Strategie gefunden: „Eierzeigen ist ein guter Weg.“
Außerdem sei es vor allem Menschlichkeit, die man in dieser „speziellen“ Filiale benötigt. „Ich bin nicht besser oder schlechter als irgendjemand hier.“ An obdachlose Menschen verteilt Koch hin und wieder Essen. Zu Beginn der Pandemie kaufte sie Masken für Wohnungslose, damit diese weiterhin ihren Pfand im Penny-Markt abgeben und einkaufen konnten. „Wir sind hier nicht nur ein Discounter, sondern eine Gemeinschaft.“
Eine Sozialstation will sie trotzdem nicht sein, sondern dafür sorgen, dass die Leute in Ruhe ihren Einkauf machen können. „Jeder darf hier sein, wie er will, solange er sich benimmt.“
Nur das mit dem Benehmen klappt nicht immer, was vor allem dem starken Alkoholkonsum vieler Kunden geschuldet ist. Ramona Kochs Schichtbeginn am Wochenende besteht vor allem daraus, auf einem Monitor in einem kleinen Büro zu beobachten, ob jemand klaut. Oder ob jene, die beim Diebstahl erwischt wurden, sich an das erteilte Hausverbot halten und draußen bleiben. Nur selten ist das so. Innerhalb von Sekunden schreitet sie zum Eingang und stellt sich in den Weg.
Schimpfwörter, die sie dann an den Kopf geworfen bekommt, prallen an ihr ab. „Wer mich nicht kennt, kann mich auch nicht beleidigen.“ Nicht jeder habe in der Vergangenheit ihr energisches Nein akzeptiert. Ramona Koch brach sich während der Arbeit bereits Fingerkuppe und Rippe. Angst, dass jemand eine Waffe zieht, habe sie aber nicht. „Wenn Du anfängst darüber nachzudenken, musst Du gehen.“
Alle zwei Jahre führt Ramona Koch ein Gespräch mit ihrer Vorgesetzen, sagt, ob sie noch bleiben oder gehen möchte. Der Penny-Markt sei mittlerweile „ihr Baby“ von dem sie sich einfach nicht trennen könne. Hier agiert sie nicht nur als Marktleiterin, sondern auch als Bodyguard, Psychologin oder Sanitäterin. „Und Kindergärtnerin“, vervollständigt sie die Auflistung.
Die 41-Jährige beschreibt sich selbst als „bunten Vogel“. Mit ihren feuerrot gefärbten Haaren, tätowierten Armen und Piercings im Gesicht passt sie perfekt ins laute, schrille und vielfältige St. Pauli. Zwar habe sie immer einen Job gehabt, aber lange nicht gewusst, wo sie hinsoll. Koch arbeitete in Spielhallen und Kneipen, brach eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin ab und wohnte unter anderem in Düsseldorf, Neumünster und Büdelsdorf.
Doch obwohl Ramona Koch optisch auffällt, mag sie die Aufmerksamkeit um ihre Person nicht. Vergangenes Jahr kam Markus Grün erneut mit seinem Kamerateam in die mittlerweile modernisierte Filiale und veröffentlichte zwei neue Spiegel TV Folgen, die zuerst auf Sat1 liefen und dann ebenfalls auf Youtube hochgeladen wurden. Seitdem wird Ramona Koch auf der Straße erkannt.
„Dat is’ sie“, ruft jemand, während sie vor dem Markt an der Wand lehnt und an ihrer E-Zigarette zieht. Dann kommt die Frage nach einem Selfie.
„Dieser Hype um meine Person, das ist das letzte was ich will. Ich verstehe das auch nicht, ich bin doch kein Star“, sagt Ramona Koch. Einige hätten ihr geraten, einen eigenen Instagram-Account zu erstellen und aus ihrem Arbeitsalltag zu berichten, doch darauf habe sie keine Lust. „Ich hab kein Insta, dafür ist mein Essen zu langweilig.“
Denn was für die einen so unglaublich aufregend, lustig, abschreckend und verstörend am Penny-Markt auf der Reeperbahn ist, das ist für Ramona Koch vor allem ein ganz normaler Job. Bis zur Rente schaffe sie den zwar nicht: „Irgendwann muss ich vernünftig sein und gehen.“ Doch noch hält sie es hier ganz gut aus, in ihrer kleinen Hölle, die irgendwie auch Himmel ist.