Hamburg Hamburgs Bunker-Pleite: Im Katastrophenfall kaum Zivilschutz
Einst war die Hansestadt eine Bunker-Hochburg, inzwischen hat sich das geändert. Aus früheren Schutzräumen sind nun Hotels, Lernstätten und Proberäume geworden. Ein Blick auf Hamburgs Zivilschutz-Politik.
Von den einstigen Bemühungen um Zivilschutz ist nichts zu sehen. Man steigt vor dem Schauspielhaus an der Kirchenallee hinunter zur U-Bahn Hauptbahnhof Nord und kommt in dem blau gekachelten Tunnel an zwei schwarzen Türen mit Lamellen vorbei. Dahinter geht es zu einem Bunker, der von den Nationalsozialisten erbaut wurde.
Damals war Hamburg eine Hochburg des Bunkerbaus. 1945 wurden 1051 Anlagen gezählt. Die britische Besatzungsmacht verfügte ihre Demontage. Ungezählte Bunker blieben erhalten, bis zu 700 sollen es sein.
Abbruch oder gar Sprengung des Bunkers unter dem Heidi-Kabel-Platz waren ausgeschlossen, weil damit das Bahnhofsgebäude gefährdet worden wäre. Dann kam der Kalte Krieg, und die Angst vor Atomangriffen ging um. 1962 wurde ein Gesetz erlassen, das die Wiederherstellung und den Ausbau bestehender Luftschutzanlagen vorschrieb. Also wurde der alte Bunker umgerüstet mit modernen Drucktüren, Lüftungs- und Filtersystemen. Stromaggregate wurden eingebaut und ein Brunnen gebohrt.
14 Tage lang hätten 1500 Menschen hier ausharren sollen – um dann wieder hinaufzusteigen in eine verstrahlte Stadt? Der Atomschlag blieb aus. Anfang 2020 kam die Idee auf, die 2300 Quadratmeter unter der Erde zu verkaufen und eine Kunstgalerie einzurichten.
Auch auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs befindet sich ein NS-Bunker, der zum Atombunker umgestaltet wurde. 150 Räume mit 3,75 Meter dicken Betonmauern hätten 14 Meter unter der Erde 2700 Menschen aufnehmen sollen.
Im Zusammenhang mit der Erweiterung des Hauptbahnhofs wandte sich 2016 ein AfD-Abgeordneter in der Bürgerschaft an den Senat: „Dieser Bunker wird bei den bisherigen Lösungsansätzen immer als unantastbar eingestuft“. Was der Unterhalt koste und wie teuer ein Abriss käme, wollte er wissen. Der Bunker sei Eigentum des Bundes, „im Übrigen verfügt der Senat hierzu über keine weiteren Informationen und hat sich hiermit nicht befasst.“
Seit 1970 wurden neue S- und U-Bahnstationen so geplant, dass sie im „Ernstfall“ für den Zivilschutz geeignet wären. Elf dieser „Mehrzweckanlagen“ entstanden, unter anderem die S-Bahnhöfe Harburg-Rathaus, Landungsbrücken, Reeperbahn und Stadthausbrücke und die U-Bahnhöfe Niendorfer Marktplatz, Niendorf Nord und Mümmelmannsberg. Gleichwohl hätte 1989 nur für etwa 89.000 der damals 1,7 Mio. Einwohner ein Schutzplatz zur Verfügung gestanden.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien die Kriegsgefahr ausgestanden, und 2006 schaffte die Bundesinnenministerkonferenz den „baulichen Zivilschutz“ ab. Im Jahr darauf gab das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sein bisheriges Schutzraumkonzept ganz auf. Das hieß, für den Kriegsfall wurde keinerlei Vorsorge mehr getroffen.
Im April 2007 erkundigte sich ein CDU-Abgeordneter beim Senat nach dem Stand des Schutzes „bei entsprechenden Schadensereignissen“, womit anscheinend ein Krieg gemeint war. Zu dem Zeitpunkt gab es 74 Zivilschutzeinrichtungen, in denen 88.107 Menschen Zuflucht gefunden hätten.
2015 veröffentlichte das BBK eine Gefahrenstudie, wonach sowohl ein konventioneller Krieg wie ein Nuklearkrieg kurz- und mittelfristig unwahrscheinlich seien. Bei einem Atomangriff wäre der Schaden ohnehin so katastrophal, „dass sich die Frage des Bevölkerungsschutzes nicht mehr stellen dürfte“. In einer Anfrage der Linken an den Senat vom August 2021 zum Katastrophenschutz kommen Krieg und Bunker gar nicht vor.
Als unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges eine FDP-Abgeordnete nachhakte, erhielt sie im März die Antwort: „Dem Senat sind keine ehemaligen dem Zivilschutz zur Verfügung stehenden Schutzräume bekannt, die noch funktionstüchtig wären.“ In ganz Deutschland existieren noch 599 öffentliche Schutzräume für eine knappe halbe Million Menschen, darunter kein einziger betriebsfähiger Luftschutzbunker.
Am 4. August 2015 brach in einem Hochbunker in Rothenburgsort ein Feuer aus, bei dem 45 Menschen verletzt wurden. Die dort gelagerten 75 Tonnen ätherischer Öle hatten sich entzündet. Vier Tage später brannte in Bahrenfeld ein Bunker mit über fünf Tonnen Pyrotechnik. Bei der Gelegenheit listete der Senat auf, welche Bunker dem Bund und der Stadt gehörten und welche in Privathand waren. Und es wurden, soweit bekannt, Angaben zur Nutzung gemacht.
„Wohnen auf Bunkerbestand“ heißt es, wenn ein Betonklotz von einem privaten Investor in Wohnraum umgewandelt wurde. Pauschal werden „Gewerbe“ und „Einzelhandel“ genannt. Es gibt Bunker, in denen man Räume anmieten kann, um Möbel zu lagern. Eine verbreitete Verwendung sind Übungsräume für Musiker. In einem Bunker ist eine Stadtteilschule untergebracht, in einem anderen eine Fachhochschule.
Der prominenteste Bunker der Stadt, der Flakturm auf dem Heiligengeistfeld, wird derzeit umgebaut und soll ein Hotel und eine Konzerthalle enthalten. Ein mit 57 mal 57 Metern Breite und 44 Metern Höhe ähnliches Monstrum steht in Wilhelmsburg. Er wurde zum „Energiebunker“ umgebaut, in dem klimafreundliche Wärme und Strom erzeugt werden. Eine Plattform in 30 Metern Höhe bietet einen Panoramablick.
In den 20 Meter hohen Sockel der knapp 15 Meter aufragenden Bismarck-Statue am Hafen wurde ab November 1939 ein Zivilschutzraum eingebaut. Die Wände wurden mit Zitaten des Reichskanzlers und völkischen Symbolen versehen. Der Bunker beeinträchtigt die Standfestigkeit des Denkmals. Dies ist ein Aspekt der seit zwei Jahren andauernden Sanierung, nach deren Abschluss im Sockel ein Ausstellungsraum eröffnet werden soll.
Der ursprüngliche Tarnanstrich der Bunker ist verschwunden. Ein 1982 von der Kulturbehörde ausgerufener Ideenwettbewerb scheiterte am Einspruch der Fraktion der Grün-Alternativen Liste und von Friedensgruppen, die eine „Verharmlosung von Kriegsgefahr“ befürchteten. Also blieben die Bunker grau – bis auf den in der Löwenstraße, dessen Bemalung den Anstoß für das Projekt gegeben hatte.
Bunt ist inzwischen der Bunker im Park hinter der „Roten Flora“ im Schanzenviertel, an dessen 20 Meter hohen Mauern sich Graffiti-Sprayer austoben. 2001 schraubte der Verein „Kilimanschanzo“ die ersten Klettergriffe an eine der Wände, und im Herbst 2019 begann ein Ausbau für Musikproberäume und für einen Verein der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.
Die Bunkerwände hätten eigentlich verklinkert werden sollen, um einen zivilen Anschein zu erzeugen. Dazu kam es jedoch nur bei den Rundtürmen, die nach ihrem Konstrukteur Paul Zombeck benannt sind. Sie wurden an Verkehrsknotenpunkten aufgestellt und sollten denen Zuflucht bieten, die unterwegs von einem Bombenangriff überrascht wurden. Die Zombeck-Türme auf der Moorweide und beim Baumwall werden gastronomisch genutzt.
Die meisten Bunker aber stehen leer. Um sie kümmert sich nurmehr das Denkmalschutzamt. In einem Röhrenbunker am Wichernsweg in Hamm befindet sich seit 1997 ein Bunkermuseum. Ein Geländer, eine Aluminiumplatte und eine Tafel – mehr ist vom „Mahnmal Röhrenbunker“ an der Kreuzung Tarpenbekstraße/Lokstedter Weg in Eppendorf nicht zu sehen.
1995 machten die Künstler Michael Batz und Gerd Stange den Bunker zum begehbaren Mahnmal in Gedenken an den Dichter Wolfgang Borchert, der 80 Meter entfernt geboren wurde. Mit dem Verein „unter hamburg“ lassen sich der Tiefbunker am Berliner Tor und der Bunker des NS-Gauleiters Karl Kaufmann an der Hochschule für Musik und Theater in Pöseldorf besichtigen. Der Verein „Hamburger Unterwelten“ bietet eine Führung durch den Atombunker unter dem Steintorwall an.