Freilichtdrama „Heimat“ Emotionsgeladen und wieder aktuell
Das Freilichtspiel „Heimat“ in Ayenwolde ruft bittere Erinnerungen an die Nachkriegszeit wach. Gleichzeitig gibt es aber auch Hoffnung.
Ayenwolde - Es ist der Moment, in dem auch das letzte Gewisper auf den Tribünen erstirbt. Er gehört zu den erschütterndsten Szenen in diesem an beklemmenden Geschehnissen so reichen Stück. Eine Mutter aus dem zerbombten Ruhrgebiet (Frauke Tillmann) versucht unter Tränen bei Ayenwoldmer Bauern die letzten ihr verbliebenen Wertsachen, darunter ihren Ehering, gegen etwas Essbares für ihre drei verhungernden Kinder zu hamstern.
Ein kurzer Augenblick nur in dem zweieinhalbstündigen Drama, doch er ist es, in dem die betretene, ja beschämte Stille in den Rängen nahezu körperlich spürbar wird. Zweieinhalb Stunden Eruptionen von Gefühlen, von Tragik, doch auch von Zuversicht und Aufbruch: „Heimat“, das emotionsgeladene Nachkriegs-Freilichtspiel von Erhard Brüchert. Der Bürgerverein Hatshausen-Ayenwolde hat es in Auftrag gegeben, Schauspieler von 13 Laienbühnen Ostfrieslands engagiert und die Regie Elke Münch anvertraut, der das plattdeutsche Theater unserer Region schon viele glanzvolle Inszenierungen verdankt.
Wechselspiel von Ressentiments und Mitgefühl
Niedergebrochene, desillusionierte Flüchtlinge aus Pommern und Schlesien erreichen nach einer katastrophengetränkten Irrfahrt das wohlhabende Bauerndorf Ayenwolde. Dessen Bewohner stehen ratlos, mal mitfühlend, mal abwehrend vor dieser Schar abgerissener Fremder, verängstigter Kinder, bleicher Alten, zermürbter Männer, erschöpfter Frauen.
Es bedarf harscher Befehle eines britischen Offiziers (Herbert Fuhs) und des Zuredens des Bürgermeisters (Andree Uphoff), bis sich auch der letzte Widerstrebende zur Aufnahme der Entwurzelten entschließt. Was folgt, ist ein mitreißendes Wechselspiel von Ressentiments und Mitgefühl, von Niedertracht und Zuwendung. Doch dann: zögernde Annäherung. Und mehr. Die Liebesgeschichte zwischen Flüchtlingsmädchen (Daniela Harms) und Bauernjungen (Jann Aden) und ein finales, übersprudelndes Dorffest der Alt- und Neubürger mit Chören und Tänzern stehen dafür als Symbol.
Traumatische Erinnerungen werden wachgerufen
Unter den Zuschauern bei der Premiere am Freitag und wohl auch bei den folgenden Aufführungen auch etliche, denen die verstörenden Schilderungen traumatische Erinnerungen wachrufen an diese unglückselige Zeit, die sie selbst als Kinder erlebt haben. „Pommernland ist abgebrannt“ – drei Worte nur aus einem Kinderlied, das ein Schüler aus Mester Hansens (Hinrich Erdwien) vorträgt, aber sie spiegeln den Krieg und seine Folgen treffend wieder. Krieg und Kriegsfolgen – im Publikum sicher auch viele, die die derzeitigen Ereignisse in der Ukraine nach diesem Stück noch intensiver und gefühlsbetonter wahrnehmen. Wenn Letzteres auch ein Auftrag dieser Inszenierung ist, hat er seine Aufgabe voll erfüllt.
Das Kaleidoskop von Habenichtsen und Schwarzschlachtern, von nach Ostfriesland einströmenden dreckigen, blutgefleckten Veteranen der Hollandarmee, von Familienzusammenführung und neuer Existenz, von bitterem Verlust und erwachender Hoffnung haben Elke Münch und mehr als 80 Mitwirkende grandios ins Bild gesetzt, Drehbuch-Schwächen wie gelegentliche Zähflüssigkeit im Ablauf oder mitunter fragwürdige, oberflächliche Dialoge inklusive.
Weitere Aufführungen in den kommenden Wochen
Feinfühlig moderiert Marina Bohlen, der Motor des Bürgervereins, neue Szenenfolgen an, stimmt Sylvia Sinning instrumental und vokal auf die nächsten Höhepunkte ein. Eine große Schar von Requisiteuren und Bühnenbauern schafft ein authentisches Ambiente im Dunstkreis des historischen Bauernhofes der Familie Janssen. Und aller Respekt gebührt Janneke Mauson – vom Hauptdarsteller bis zum kleinsten Statisten hat sie alle in Originalkostüme à la 1945/46 gesteckt. Sensationell!
Die nächsten Aufführungen sind am 27., 29., 30. und 31. Juli, 3., 5., 6., 9., 10. und 12. August jeweils ab 20 Uhr, am 7. August ab 15 und ab 20 Uhr.