Rostock  Wincent Weiss will „Mut machen, Tabuthemen aus der Welt zu schaffen“

Antje Kindler
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Von Antje Kindler
| 22.07.2022 14:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Am 14. August kommt Wincent Weiss nach Rostock. Nach der Corona-Pause können Fans wieder live auf der Bühne erleben. Foto: dpa/Thomas Banneyer
Am 14. August kommt Wincent Weiss nach Rostock. Nach der Corona-Pause können Fans wieder live auf der Bühne erleben. Foto: dpa/Thomas Banneyer
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Ihr habt gewählt: Wincent Weiss ist bei unserer Leser-Abstimmung auf Platz 2 gelandet. Im Interview spricht der Bad Oldesloser über Depressionen, sein Album aus der Corona-Pause und sein Konzert in Rostock.

Zuletzt war er an der Seite von Lena Meyer-Landrut, Alvaro Soler sowie Michi Beck und Smudo von den Fantastischen Vier als Juror bei „The Voice Kids 2022“ zu sehen. Jetzt steht Wincent Weiss wieder selbst auf der Bühne. Nach rund zwei Jahren Zwangspause wegen der Corona-Pandemie ist der aus dem schleswig-holsteinischen Bad Oldesloe stammenden Sänger wieder auf Tour.

Bei unserer Leser-Abstimmung zu den beliebtesten Musikern mit norddeutschen Wurzeln habt ihr Wincent Weiss auf Platz 2 gewählt. Unser Versprechen: Wir versuchen, Interviews mit euren Lieblingsstars zu ergattern. Vor seinem Konzert in Rostock am 14. August berichtet er Redakteurin Antje Kindler, wie er die Zeit der Corona-Pandemie erlebt und genutzt hat, was ihm wichtig ist und warum er öffentlich über Depressionen spricht.

Frage: Im August kommst Du endlich nach Rostock. Ursprünglich war Dein Konzert für September 2020 angesetzt, musste aber wegen der Corona-Pandemie erst auf August 2021 und dann auf 2022 verschoben werden. Wie ist es, jetzt wieder live vor Publikum spielen zu können?

Antwort: Die Vorfreude ist gar nicht in Worte zu fassen. Wir haben zwei Jahre warten müssen und freuen uns jetzt riesig, wieder loslegen zu können, die ersten Songs spielen zu können und die Leute mitsingen zu hören.

Frage: Schwingt nach so langer Zeit ohne Livekonzerte dann jetzt auch ein bisschen Lampenfieber mit oder überwiegt die Vorfreude?

Antwort: Lampenfieber ist immer so etwas Negatives. Es ist eher die Vorfreude. Vorfreude auf das, was kommt. Vorfreude auf die ersten Töne. Die Vorfreude darauf, die Treppen hochzugehen, auf die Bühne zu gehen und einfach zu singen und zu spielen.

Frage: Du hast jetzt zwei Jahre lang nicht live auf der Bühne spielen können wegen Corona. Wie hast Du diese Zeit empfunden und genutzt?

Antwort: Ich habe auch sehr viel Positives aus dieser Zeit gezogen, fernab von allen negativen Einschränkungen. Ich hatte jetzt das erste Mal so richtig Zeit für meine Familie und Freunde, die ich die letzten Jahre schon vernachlässigt habe. Ich habe ein ganzes Album schreiben können. Also die eine Hälfte habe ich vor der Corona-Zeit geschrieben und den Rest während der Corona-Zeit.

Antwort: Und ich konnte schon sehr viel Zeit mit mir selbst verbringen. Das hat mir sehr, sehr gut getan, weil ich das immer hinten angestellt habe.

Frage: Wenn Du sagst, dass Du während dieser Zeit wieder mehr Zeit für Familie und Freunde hattest, hast Du gemerkt, dass das etwas war, was Dir gefehlt hat und Du auch in Zukunft mehr Zeit dafür investieren willst? Oder steht jetzt wieder die Musik mit Konzerten und Fans treffen im Vordergrund?

Antwort: Klar steht das im Vordergrund. Aber ich glaube, dass man das Privatleben nicht vergessen darf. Ich habe es lange so gemacht, aber jetzt möchte ich das Ganze ein bisschen in Balance bringen, mehr Zeit für die Familie haben, trotz Konzerten und stressigem Tour-Alltag. Ich möchte nicht mehr Freunde und Familie in Vergessenheit geraten lassen, einfach in Balance sein.

Frage: Auf Deinem aktuellen Album „Vielleicht irgendwann“ schlägst Du auch ernste Töne an. Wie wichtig ist für Dich, auch diese Themen wie zum Beispiel Depressionen anzusprechen?

Antwort: Ich finde das super wichtig. Wenn man eine große Reichweite hat, sollte man alles ansprechen, was einen irgendwie bewegt und für wichtig empfindet. Das Leben ist nicht nur Sonnenschein und Ponyhof.

Antwort: Es gibt auch ernste Themen, die einen beschäftigen und ich möchte über alles sprechen und die Leute an allem teilhaben lassen. Dazu gehören auch private Sachen wie Beziehungsende, familiäre Einschläge. Ich mache damit Leuten ja auch Mut und helfe denen, mache sie stark. Das ist das, was mich so antreibt.

Frage: Du sprichst offen über Deine Depressionen. Hast Du keine Angst, so viel von Dir persönlich preiszugeben? Oder überwiegt es, dass Du Mut machen möchtest, wenn Du über solche Dinge sprichst?

Antwort: Total, ich möchte den Leuten draußen Mut machen, Tabuthemen aus der Welt schaffen. Weil ich finde, dass es eigentlich kein Tabuthema ist. Wenn ich mir das Bein breche, gehe ich zum Arzt. Und wenn etwas nicht mit meinem Kopf oder meinem Geist stimmt, gehe ich auch zum Arzt und lasse mir helfen.

Antwort: Ich finde es so schade, dass das so negativ angesehen wird. Auch bei meinen Großeltern. Sie waren total erschrocken, als ich das erzählt habe. Sie meinten: Warum redest du denn darüber? Ich meinte: Warum denn nicht? Das ist doch ein ganz normales Thema, mit dem ich mich beschäftige. Und damit werde ich auch nicht aufhören. Ich mache da kein Geheimnis draus, dass ich zur Therapie gehe.

Frage: Das ist sicherlich ein wichtiger Schritt, das Thema zu enttabuisieren.

Antwort: Genau, vor allem in der heutigen Zeit wird das ein immer größeres Thema bei den jungen Leuten durch den Druck von Social Media. Da möchte ich auch irgendwie als Vorreiter gelten, sodass ich zu jemandem sagen kann, der sich darüber aufregt: Eh, das ist kein Tabuthema. Und auch, dass andere dann sagen: Ich kann darüber quatschen, Wincent macht das auch.

Frage: Hast Du denn schon mal Feedback bekommen von Deinen Fans oder anderen jungen Leuten, die auch unter Depressionen leiden und die jetzt offen damit umgehen?

Antwort: Von Fans bekomme ich super viel Feedback, dass sie das erste Mal offen gesagt haben: Eh, ich merke jetzt auch, dass es mir nicht gut geht. Ich spreche mit Familie oder Freunden darüber. Ich habe auch schon von einigen gehört, dass sie zum Arzt gegangen sind und sich haben helfen lassen.

Antwort: Ich spreche auch ganz viel mit meiner Mom drüber und reflektiere das so ein bisschen. Das ist schon wichtig, darüber zu quatschen ist wichtig. Wenn ich Leute dazu anrege, darüber zu sprechen, ist das eigentlich noch fast wichtiger.

Frage: Du hast gesagt, dass Du zur Therapie gehst, aber gab es jemanden oder etwas, was Dir in dieser Situation am meisten geholfen hat?

Antwort: Reden tatsächlich und nicht alles in sich hinein zu fressen. Ich habe ja auch das Privileg, dass ich Reden als Job habe und Musik dazu verarbeiten darf. Wenn ich zum Beispiel zur Therapie gehe und danach ins Tonstudio, spreche ich mit meinem Produzenten darüber und kann noch mal darüber quatschen und daraus dann Musik machen und alles noch mehr verarbeiten. Reden und Verarbeiten ist super wichtig, anstatt es in sich hinein zu fressen. Das habe ich davor immer gemacht, alles für mich selbst behalten und das geht dann irgendwann nach hinten los.

Frage: Gibt es einen Song, den Du danach geschrieben hast und der Dir persönlich sehr wichtig ist?

Antwort: Viele tatsächlich. „Wie es mal war“ und „1993“, das sind so zwei wichtige Songs für mich, die auch das dritte Album ein bisschen eingeläutet haben.

Frage: Worum geht es in den beiden Songs?

Antwort: In „Wie es mal war“ geht es darum, dass ich mich selber anders sehe, wenn ich vor dem Spiegel stehe und denke: Eh, was ist bloß mit dir passiert? Wie bist du denn so geworden? Das wolltest du doch gar nicht. Ich habe mir ein Verhaltensmuster angeeignet und Strategien entwickelt, um leichter durchs Leben zu kommen und die halt voll schrecklich sind, wie zum Beispiel Leute ignorieren, ghosten, alles halt so ein bisschen zu übersehen.

Antwort: Und „1993“ spricht halt so ein bisschen meine Kindheit an, dass ich mit meiner Mom alleine groß geworden bin ohne Vater und dass ich das anders machen möchte, wenn ich irgendwann mal Vater werde. Alle Themen, die ich auf dem neuen Album „Vielleicht irgendwann“ bespreche, sind private Themen.

Frage: Wenn Du im August nach Rostock kommst, dann spielst Du auch diese Songs?

Antwort: Ich konnte mit dem dritten Album ja noch gar nicht so richtig auf Tour gehen. Das ist das erste Mal, dass wir das jetzt machen können. Da werden wir dann viele Songs von meinen Alben spielen bis hin zu emotionalen Songs.

Frage: Hast Du Dir etwas Spezielles vorgenommen für Dein Konzert in Rostock?

Antwort: Jetzt gerade bin eigentlich richtig happy und freue mich auf alles, was kommt. Beim Konzert in Rostock will ich alles machen, um die Leute vor der Bühne glücklich zu machen. Also Singles spielen, Leute zum Nachdenken anregen, Leute zum Tanzen bringen, zum Lachen, zum Weinen. Es soll hoffentlich alles dabei sein und ein schöner Abend werden.

Frage: Trotz der Vorfreude wieder live spielen zu können, das Tourleben ist doch sicherlich auch hektisch? Heute in dieser Stadt, morgen woanders. Schaffst Du es, zwischendurch Momente zu finden, in denen Du auch mal wieder zur Ruhe kommen kannst?

Antwort: Es ist super wichtig, solche Phasen zu haben. Es ist zwar schwer, sie einzubauen in den Alltag, das muss ich auch erst mal ein bisschen lernen. Aber das kriege ich hin. Ich mache dann viel Sport, fahre Auto, Motorrad und verbringe so ein bisschen Zeit für mich alleine. Und das ist auch ganz wichtig, dass man diese Zeit hat.

Frage: In Rostock beziehungsweise Warnemünde bietet sich dafür Baden gehen gut an. Und jetzt im Sommer ist die Ostsee dann auch schon wärmer.

Antwort: Ab zehn Grad ist bei uns schon Badetemperatur.

Karten für das Konzert von Wincent Weiss am 14. August im Rostocker IGA-Park gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen sowie online auf der offiziellen Homepage des Musikers. Ab 19 Uhr können Fans ihn dann endlich live auf der Bühne erleben und zusammen mit ihm singen, lachen und vielleicht auch etwas weinen.

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