Rendsburg Warum es ohne Erdgas keine Milch gibt
4000 Bauern liefern täglich acht Millionen Liter Milch an 16 Molkereien – darum stünden sie nach zwei Tagen auf dem Schlauch, wenn es kein Gas gibt.
Sollte die Gasnotlage in diesem Winter eintreten, werden Krankenhäuser und Pflegeheime ebenso bevorzugt wie private Haushalte. Die Industrie rangiert in der Priorität weiter hinten. Doch so einfach ist das nicht in jedem Fall. Das Beispiel der Meiereien zeigt, dass im Ernstfall nicht nur Arbeitsplätze in Gefahr sind. Im Fall der Molkereien würde innerhalb von 48 Stunden ein kompletter Wirtschaftskreislauf zum Erliegen kommen.
Am besten kann das Klaus-Peter Lucht erklären, der als Vorsitzender der Milcherzeugervereinigung der Sprecher der rund 4000 Milchbauern in Schleswig-Holstein ist. Rund acht Millionen Liter Milch liefern die Milchviehalter im Land täglich an die 16 Meiereien zwischen Nord- und Ostsee. Im ganzen Jahr kommen so schwer vorstellbare drei Milliarden Liter zusammen, berichtet Lucht.
Aus der schleswig-holsteinischen Milch werde vornehmlich Milchpulver gemacht, aber auch Käse, Butter und Sahne. Frischmilch produziere im Norden vornehmlich die Nordseemilch in Witzwort: „Die ist nicht ganz so stark betroffen, weil sie nur für das Pasteurisieren Wärme braucht.“ Die ganz überwiegende Zahl der schleswig-holsteinischen Meiereien mache aus Gas sowohl Strom als auch Wärme: „Sie brauchen wirklich viel Energie, um Milchpulver zu trocknen“, sagt Lucht, der auch Vizepräsident des Bauernverbandes in Rendsburg ist.
Rund 75 Prozent des Milchpulvers würden in Europa verarbeitet - zum Beispiel von großen Unternehmen wie Ferrero, Storck oder auch Pizzaherstellern.
„Wenn die Meiereien kein Gas mehr bekommen, dann würde es genau zwei Tage dauern, bis sie unsere Milch von den Höfen nicht mehr abholen würden“, sagt Lucht. Dann hätten die Milchwerke schlicht keine Kapazität mehr, und die frische Milch halte nicht ewig. Für die Milchbauern wäre dies finanziell und logistisch ein Riesenproblem.
„Wir können die Kühe ja nicht abschlachten“, sagt Lucht. „Sie müssen weiter gefüttert und gemolken werden.“ Die Landwirte dürften die Milch auch nicht aufs Feld kippen, wenn sie nicht mehr abgeholt werden kann. In einem solchen Fall müsste die Milch in Kläranlagen entsorgt werden. Auch die Kapazität dafür gebe es aber nicht, erklärt Lucht: „Man kann mal einen LKW entsorgen, aber auch das ist sehr teuer.“
Da also eine Lösung gefunden werden müsse, gebe es auf Bundesebene bereits Gespräche zwischen Bauernverband und Bundesnetzagentur, damit die Meiereien in der Prioritätenliste nach oben rutsche. In Schleswig-Holstein hätten die Bauern zudem einen Brief an Energiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne) adressiert.
Zu den großen Milchpulverherstellern in Schleswig-Holstein zählt das Deutsche Milchkontor (DMK) mit seinen Werken in Hohenwestedt im Kreis Rendsburg-Eckernförde und Nordhackstedt bei Flensburg. „Als DMK Group sind wir Teil der kritischen Infrastruktur und haben nicht allein daher das Grundverständnis, die Ernährung von Millionen von Menschen zu sichern“, sagt die Bremer Konzernsprecherin Vera Hassenpflug.
Die deutsche Milchindustrie sei die mit Abstand größte Lebensmittelbranche in Deutschland, erklärt Hassenpflug weiter. Die Verarbeitung der Milchprodukte sei auch aufgrund der hohen hygienischen Standards energie-intensiv, gibt sie zu bedenken.
DMK habe seine Werke in den vergangenen Jahren konsequent auf die Brückentechnologie Erdgas umgestellt. Durch erhebliche Investitionen sei es dem Unternehmen daher möglich gewesen, seit 2015 den Energieverbrauch bereits um 15 Prozent zu senken: „Neben kalten Wohnzimmern wären auch leere Kühlschränke ein Szenario, das es zu vermeiden gilt.“